Rezensionen DEUTSCHLAND


THOMAS C. BREUER & JOCHEN MALMSHEIMER
Gebratenes Wasser und schale Tiere

(Con Anima CA 26596, www.tc-world.com, go! www.jochenmalmsheimer.de )
Do-CD, 15 Tracks, 106:42

Da haben sich zwei gefunden, die ihrem Affen Zucker geben und auch andere wortgewaltige kulinarische Vergehen begehen. Die deutschen Reise-, Speise- und Restaurantgewohnheiten werden satirisch aufgespießt und gegrillt, die isländische, italienische und mexikanische Küche sowie die Fernsehköche bekommen ihr Fett ab. Es wird auch geweint, über Chianti und Lambrusco, Riesling und das geschwefelte und geschwafelte Probetrinken der Experten. Jochen Malmsheimer, der vor Jahrzehnten in Essen geboren wurde, erzählt von seinem Jugendfetengrauen im elterlichen Kellergeschoss seiner Mitschüler, Thomas C. Breuer serviert dazu gesungene musikalische Appetithäppchen. Die beiden Herren eilen mit hörbarem Genuss in schnellem Tempo von Pointe zu Pointe, wobei manch’ Kalauer mitgerissen wird. Stört aber gar nicht, im Gegenteil, das würzt das Programm. Ein witziger Leckerbissen über Essen und Trinken, gärende köstliche Labsal, albern zubereitet und beschwipst verkostet.

Rainer Katlewski

 

THOMAS C. BREUER & JOCHEN MALMSHEIMER – Gebratenes Wasser und schale Tiere


DIE HAYNER
Sonntag

(Verlag der Spielleute CD2012, go! www.diehayner.de )
16 Tracks, 56:54

Man sagt, die Hayner waren schon dabei, als Drehleier und Dudelsack erfunden wurden. Gute 35 Jährchen haben sie schon auf dem Musikantebuckel, man kennt die Musiker seit Jahrzehnten aus den unterschiedlichsten Formationen. Michael von der Weth etwa, deutsches Drehleierurgestein, Tilman Teuscher (Dudelsack, Geige), Bandgründer Thorsten Dreher am diatonischen Akkordeon. Komplettiert werden die Hayner durch Bettina Stier-Zinn (Blockflöten, Akkordeon, Chalumeaux) und den Kontrabassisten Martin Fußmann. Ihr von Jürgen Treyz im Artes-Studio tontechnisch vorzüglich produziertes Jubiläumsalbum enthält selbst komponierte und traditionelle Stücke, die überwiegend aus Deutschland stammen und die gängigen Bal-Folk-Tanzformen von der Chapelloise über Schottische bis zum Fröhlichen Kreis abdecken. Erfreulich, dass die Hayner immer tanzbar spielen und die Stücke dabei so schwungvoll und abwechslungsreich arrangieren, dass auch Couch-Potatos keine Langeweile empfinden. Alte Hasen, Virtuosen, die auch nach 35 Jahren so frisch klingen, als sei ihre Formation gestern erst gegründet worden und zeigen, dass eine deutsche Bal-Folk-Band auf internationalem Niveau mithalten kann.

Ulrich Joosten

 

DIE HAYNER  – Sonntag


HOTEL BOSSA NOVA
Na Meia Luz

(Enja 9721/Soulfood, go! www.hotelbossanova.com )
9 Tracks, 47:24

Relativ entspannt wirkt das neue Album der Wiesbadener Gruppe Hotel Bossa Nova. Ihr letztes Album Bossanomia_ beeindruckte mit einer sehr artifiziellen Art, den Bossa Nova zu spielen, die man kaum noch steigern konnte. Bei Na Meia Luz hat man dagegen den Eindruck, dass mehr Wert auf Gefühl und Eingängigkeit der Melodien gelegt wurde. Es ist eine Weiterentwicklung auf dieser Ebene zu spüren, ohne dass Hotel Bossa Novas virtuoses Spiel und die raffinierten Arrangements darunter gelitten hätten. Die Grundstimmung ist dabei melancholischer, die Musik noch mehr als zuvor auf die Sängerin Liza da Costa konzentriert, die wieder mit einigen freien Gesangsmomenten glänzt. Auch die akustischen Gitarrensoli stechen hervor. Einziges Manko: Das weitgehend zurückhaltende Tempo lässt das Album zu gleichmäßig wirken. Die Gruppe hebt sich aber dennoch wohltuend ab von oberflächlichen Spielarten des Bossa Nova, seien es Clubmusik-Varianten oder das x-te Nachspielen der Genreklassiker.

Hans-Jürgen Lenhart

 

HOTEL BOSSA NOVA – Na Meia Luz


SIBYLLE KYNAST & FREUNDE
Scha still

(Eigenverlag SKT 2012 CD, go! www.sibyllekynast.de )
14 Tracks, 55:29, mit dt. Übersetzungen der Songtexte

Das Hamburger Folkkollektiv The City Preachers (1965-72) war nicht nur Sprungbrett für später auf unterschiedlichen Terrains tätige Künstler wie Dagmar Krause, Inga Rumpf, Udo Lindenberg, Alexandra oder Eckart Kahlhofer, sondern auch Katalysator für die aufkeimende Folk- und Liedermacherbewegung. Im Gegensatz zu vielen ihrer Weggefährten blieb Gründungsmitglied und Sängerin Sibylle Kynast dem Konzept der Band treu – dem Sammeln und Singen von Liedern aus aller Welt. So finden sich auf ihrem aktuellen Album neben Stücken jiddischer und sefardischer Provenienz auch spanisch-lateinamerikanische, französische oder russische Werke. Der Großteil der Lieder ist traditionellen Ursprungs, aber auch die großen Liederschreiber sind vertreten – wie etwa Chava Alberstein, Violeta Parra oder Charles Aznavour. Und auch musikalisch ist alles vom Feinsten: Angefangen von Kynasts grandioser Stimme über ihre exquisite Begleitband – mit Ehemann Paul Rudolf (b), Sorin Ferat (v), Horst Memmen (g) und Lartey Larko (perc) – bis hin zur gewohnt brillanten Tonaufzeichnung durch Friedrich Thein. Eine großartiges Album im Geiste von Peter Rohland oder Hein & Oss. Schön, dass es das noch gibt!

Walter Bast

 

SIBYLLE KYNAST & FREUNDE – Scha still


ROSA MORENA RUSSA
Está Ficando Russo!

(DaCasa Records DC 01 2013/NRW Vertrieb, go! www.rosamorena.de )
10 Tracks, 42:42, mit port., russ., engl. u. dt. Texten u. Infos

Es gehört auch großes Sprachtalent dazu, in Portugiesisch, Deutsch und Russisch zu singen, aber Rosa Morena Russa ist vor allem ein hervorragendes musikalisches Talent. Die brasilianischen Kompositionen der Sängerin sind kleine Meisterwerke, vor allem wenn man bedenkt, dass sie eigentlich aus einer Klezmerfamilie aus Kiew stammt, erst 2009 mit dem Gitarrenspiel so richtig begann und auch mit brasilianischer Musik Feuer fing. Die Ermutigung, professionell Musik zu machen, fand sie im Umfeld Hamburger Jazzmusiker. Ihre brasilianische Popularmusik ohne modische Beigaben hat teilweise eine Eingängigkeit, die auch Klassiker auszeichnen. Die russischen und deutschen Texte intoniert sie völlig auf die brasilianische Musik abgestimmt, verwandelt aber auch ein ukrainisches Volkslied in eine Sambaversion. Morena Russas ukrainischer Akkordeonist lässt manchmal slawische, aber auch argentinische Klänge einfließen. Die Posaunensoli von NDR-Bigband-Posaunist Dan Gottshall sind Höhepunkte des Albums und erinnern an den brasilianischen Posaunisten Raul de Souza. Auch sonst würzt die Band das Album mit feinen Jazzimprovisationen.

Hans-Jürgen Lenhart

 

ROSA MORENA RUSSA  – Está Ficando Russo!


REINIG, BRAUN + BÖHM
Winzerhänd

(Pfalz-Records PRCD2013-08, go! www.lieder-um-die-pfalz.de )
13 Tracks, 48:32, mit Texten und Infos

Mit ihrem fünften Album legen die Pfälzer ein Konzeptalbum mit Liedern rund um das Thema Wein vor, das sich vermutlich nicht nur in Folkkreisen, sondern auch in bei Winzerfesten und Weinproben nicht nur in der Pfalz hervorragend verkaufen lassen wird. Das Album ist modern und gelegentlich etwas glatt nach Popfolk klingend produziert, es überwiegen jedoch alles in allem die folkigen Töne im akustischen Klangkleid auf Hackbrett, Mandoline, Gitarren, Cello, Krummhorn, Drehleier. Eine Riege von Gastmusikern bereichern das umfangreiche Instrumentarium der drei Multiinstrumentalisten noch, etwa um Saxofon, Klarinette, Bass und Akkordeon. Die Arrangements der mal weinseligen, mal humorvoll-ironischen und gelegentlich melancholischen Lieder sind leicht und luftig, dabei stets überraschend, geschmackvoll und textdienlich. Neben ein paar bekannteren hochdeutschen Liedern wie Gotthold Ephraim Lessings „Der Tod“ oder Carl Michael Bellmanns „So troll’n wir uns“ haben Reinig, Braun + Böhm Texte lokaler Mundartdichter vertont, die Peter Braun mit seiner angenehmen Stimme einfühlsam interpretiert. Ein rundum gelungenes, mit zwei Instrumentalstücken gewürztes Album. Zum Wohl!

Ulrich Joosten

 

REINIG, BRAUN + BÖHM – Winzerhänd


TOM SHAKA
Delta Thunder – The Field Recordings

(Blind Lemon Records BLR-CD1202, go! www.tom-shaka.de )
20 Tracks, 79:30, mit engl. u. dt. Infos

Ein neues Label für akustische Musik und Artverwandtes hat Thomas Schleiken gegründet. Nach seinem eigenen Album Beech Mountain Hill stellt er nun die erste Fremdproduktion vor, ein umfangreiches Album von Tom Shaka, dem norddeutschen Gitarristen und Sänger mit amerikanisch-italienischen Wurzeln. Seit über dreißig Jahren ist er in der deutschen Bluesszene aktiv, im April feiert er seinen sechzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlass kehrt er zurück zu den Wurzeln. Der akustische Blues seines Delta Thunder wurde nicht im Studio aufgenommen, sondern draußen, als sogenannte Feldaufnahmen. Mit Klassikern wie „Ramblin’ On My Mind“ der Ikone Robert Johnson und starken Eigenkompositionen wie „Mighty Powerful Wisdom“ als Hommage an David „Honeyboy“ Edwards gelingt Shaka eine herausragende Produktion. Keine geringe Rolle spielt dabei Axel Küstner, der als Bluesfotograf ebenfalls seit Jahrzehnten unterwegs ist und dabei vom Liebhaber zum Bluesforscher und Produzenten wurde. Die Zusammenarbeit der drei Enthusiasten Shaka, Küstner und Schleiken ist eine wichtige Botschaft an unsere Schnellklickzeit: Geschichte wird geschrieben, wenn das Fachwissen erarbeitet ist und in die heutige Moderne eingebunden wird.

Annie Sziegoleit

 

TOM SHAKA – Delta Thunder – The Field Recordings


KONSTANTIN WECKER
Wut und Zärtlichkeit – Live

(Sturm & Klang 010/Alive, go! www.wecker.de )
Do-CD, 27 Tracks, 110:08, mit Infos

Das Doppelalbum Wut und Zärtlichkeit – Live entspricht in etwa Weckers derzeitigem Liveprogramm. Es ist nur zum Teil identisch mit dem gleichnamigen Studioalbum von 2011, präsentiert darüber hinaus fast doppelt so viele Lieder wie dieses. Neben Weckers eigenen Texten enthält die Liveversion auch Stücke, denen Gedichte von Erich Kästner („Ansprache an Millionäre“), Bertolt Brecht („Oh, die unerhörten Möglichkeiten“, „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“) und Rainer Maria Rilke („Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“) zugrunde liegen. Zwar wäre Wecker durchaus in der Lage, auch als Solist zu überzeugen, doch durch die Multiinstrumentalisten Jo Barnikel, Nils Tuxen, Tim Neuhaus und Jens Fischer-Rodrian erfährt seine Kunst eine hochkarätige Erweiterung. Weckers unbändige, vitale Lust am Musizieren, seine gerechte Wut auf gesellschaftspolitische Missstände, sein feiner Sinn für Poesie und Zartheit – all das hat sich im Laufe der Jahre nicht abgeschliffen, eher ist das Gegenteil der Fall. Genau diese erfreuliche, nahezu notwendige Bandbreite künstlerischen Ausdrucks transportiert und vermittelt Wut und Zärtlichkeit – Live auf eindrucksvolle Weise.

Kai Engelke

 

KONSTANTIN WECKER – Wut und Zärtlichkeit – Live

Update vom
25.02.2013
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