FOLKER – Halbmast

HALBMAST

WOLFGANG GROBE

WOLFGANG GROBE

11.3.1940 in Berlin
bis 22.1.2013 in Saarbrücken

Auch schon zu Zeiten der BRD lag das Saarland – erst seit 1959 vollständig als neues Bundesland akzeptiert – an der Peripherie. Viele potenzielle Künstlerinnen und Künstler fuhren bei ihren Konzertreisen schlichtweg stets „an der Saar“ vorbei. Diese Tatsache schien einen Folkie wie Wolfgang Grobe gewurmt zu haben. Er begriff es als Mission, „die Großen der Kleinkunst“ – wie ein Flyer aus den frühen Siebzigerjahren verhieß – ins Saarland zu lotsen, genauer in seine Kneipe Smuggler’s Inn in Dudweiler, seit 1962 Kleinstadt (davor jahrzehntelang „das größte Dorf Europas“ mit damals knapp dreißigtausend Einwohnern). In der Tat schaffte es Grobe, Stars und Sternchen der deutschen Liedermacher- und internationalen Folkszene ins Saarland zu holen. Die Liste der Duos und Solisten, die im Smuggler’s Inn auftraten, ist lang. Hier nur einige Top-Namen: Hannes Wader, Reinhard Mey, Hanns Dieter Hüsch, Hein & Oss Kröher – Anzeichen dafür, dass Grobe sehr stark von der Waldeck geprägt war –, Alan Stivell, Guy & Candy Caravan, John Pearse, Eddie & Finbar Furey, Derroll Adams, Alex Campbell…

Anfang der Achtzigerjahre ergab sich die Möglichkeit, den Konzertschwerpunkt in die Saarbrücker City zu verlagern, und zwar in das legendäre Barrelhouse. Mit seinem Kumpel Franz Walter Freudenberger gründete Grobe den Förderverein Musik- und Kleinkunst Podium Barrelhouse e. V., der sich zur Aufgabe machte, „Interpreten und Laien vorrangig des Saarbrücker Raumes“ zu fördern und sich „der Kontaktpflege und Zusammenarbeit mit anderen gleichgesinnten Personen im In- und Ausland“ zu widmen. Folglich fanden endlich regionale Künstler eine Bühne für ihre Auftritte. Und manche nutzten schließlich das Barrelhouse als Sprungbrett für den Rest der Republik: An Erminig, Espe, Michael Marx und auch Gerd Dudenhöffer (alias Heinz Becker). Gleichwohl traten weiter auch internationale Größen auf wie z. B. Christy Moore oder Robin Williamson, und dank der relativ großzügigen Bühne auch Bands – um nur einige zu nennen: The Bothy Band, Tannahill Weavers, Battlefield Band, Ar Sonerien Du, Mákvirág.
Im Dezember 1982 war „Schicht im Schacht“. Das Barrelhouse mutierte zur Rockkneipe Ballhaus, Grobe zog sich nach Dudweiler – inzwischen ein Stadtteil von Saarbrücken – zurück und nannte seine neue Kneipe passend Grobes Versteck. Dort gab es hin und wieder auch Livemusik – von Folk über Chanson bis Jazz – und das bis in die jüngste Zeit. Ende Januar ist er sehr plötzlich verstorben. Der Saarbrücker Liedermacher Wolfgang Winkler: „Wolfgang Grobe initiierte Kleinkunstabende und Festivals und hat sich um die Kleinkunst verdient gemacht.“ (aus seinem Nachruf in der Saarbrücker Zeitung vom 7.2.2013)

Roland Schmitt


DIETRICH KITTNER

DIETRICH KITTNER

30.5.1935, Oels (heute Olesnica, Polen)
bis 15.2.2013, Bad Radkersburg, Österreich

„Das ist nur eine Pause“, versicherte er noch bei unserem letzten Telefonat vor wenigen Wochen, „selbstverständlich werde ich auf die Bühne zurückkehren, anderes würde ich nicht aushalten.“ Protest gegen Militarismus und soziale Ungerechtigkeit war ihm Lebensinhalt, zunächst im Studentenkabarett Die Leid-Artikler, dann mit fast dreißig Soloprogrammen auf ungezählten Tourneen und in seinem eigenen, ständig ausverkauften Theater am Küchengarten in Hannover. Lange spielte Dietrich Kittner rund zweihundert Vorstellungen pro Jahr, doch er mischte sich nicht nur von der Bühne herab ein. So setzte er sich mit Gasmaske in ein Café, um gegen den Wahnsinn atomarer Bewaffnung zu protestieren und gegen den nicht minder großen Wahnsinn, zu glauben, man könne sich vor den damit verbundenen Gefahren schützen. Diese Aktion endete mit einer Festnahme auf offener Straße. Vom bundesdeutschen Fernsehen wurde er bald ignoriert, der Hörfunk öffnete ihm nur selten die Studiotüren. Dennoch sprach und sang der Mann mit Gitarre und Schiffermütze frei heraus, was ihn bewegte. Dass dabei oft die Grenze zwischen Kunst und Agitation verschwamm, störte ihn nicht. Wenn er eine Metapher wählte und die Freiheit des Westens mit einem Zigarettenautomaten verglich, folgte in der letzten Strophe verlässlich die Erklärung: „Frei wählt nur, wer das Markstück hat.“ Auf direkten Kontakt zum Publikum musste er in den letzten Jahren wegen einer schweren Erkrankung verzichten. Interviews aber nutzte er weiterhin zur Formulierung radikaler Positionen. „Wenn ich einen Schuß frei hätte“, sagte er 2011 dem verblüfften Autor dieser Zeilen ins Mikrofon, „dann würde ich ihn abfeuern als Signal zum Sturm auf Banken.“ Mit Kittner starb einer der letzten, bei denen solch ein Satz nicht nur bildlich zu verstehen war.

Stephan Göritz

Update vom
09.02.2023
Links
go! Home
go! Voriger Artikel
go! Nächster Artikel
FOLKER auf Papier
Dieser Artikel ist ein Beispiel aus der Print-Ausgabe!
Bestelle sie Dir! Einfach das
go! Schnupper-Abo! bestellen und drei Ausgaben preiswert testen. Ohne weitere Verpflichtung!
Oder gleich das
go! Abo ?