EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

das Urheberrecht ist in aller Munde. Kaum eine Debatte wird so leidenschaftlich geführt. Wie muss ein Urheberrecht im Internetzeitalter ausgestaltet sein? Mit diesen im Folker veröffentlichten Zeilen bin ich „Urheber“. Gelegentlich verwende ich dabei woanders gelesene Gedanken und mache sie in einem neuen Zusammenhang zu meinen. Habe ich damit das Urheberrecht verletzt? Wohl kaum. Das Problem liegt wohl eher dort, wo es Felix Stephan Ende Mai in einem Kommentar für die Süddeutsche Zeitung geortet hat: „Die große Tragik der digitalen Revolution liegt darin, dass ihre hohen ethischen Ansprüche bereits während ihrer Ausformulierung von kalifornischen Monopolistenfirmen wie Facebook und Google kommodifiziert und monetarisiert wurden.“ Provider verdienen eine Menge Geld damit, auf ihren Plattformen Inhalte zu verbreiten. Sie genießen nach unserem Recht ein Haftungsprivileg. Die Nutzer werden kriminalisiert. Die Urheber haben Probleme, ihre Rechte durchzusetzen. Es kommt also auf den Blickwinkel an, aus dem wir den Wert der kreativen Leistung betrachten. Auch der Folker will sich an dieser Debatte beteiligen. Den Anfang machen wir mit einem Beitrag, den Sie auf unserer Website in der Reihe go! „Exklusiv auf Folker.de finden. Exklusiv ist in diesem Fall nicht ganz korrekt, da der Beitrag von Manfred Maurenbrecher unter der Überschrift „Gedanken zum Umbau des Urheberrechts oder Die Erfindung der Piraten“ bereits in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Melodie & Rhythmus in leicht gekürzter Form erschienen ist. Doch das Thema ist uns wichtig. Daher freuen wir uns, Maurenbrechers Ausführungen zum Thema mit seiner Genehmigung und der unserer Musikzeitschriftkollegen auch bei uns zur Diskussion stellen zu können.

Stichwort: Piraten. Auch wenn Mark Zuckerberg kein Mitglied der Piratenpartei ist, sein Abkassierspiel im Zusammenhang mit dem Börsengang von Facebook macht ihn zum Freibeuter. Er faselt davon, „unsere Welt offener“ zu machen, und er beansprucht grenzenlose Freiheiten – da sind wir wieder beim Urheberrecht. Auf der anderen Seite betätigt er sich als Zocker am Kapitalmarkt. Da ist er in guter Gesellschaft mit anderen Menschen, die das hohe Lied der Gerechtigkeit auf den Lippen haben, denen es aber um nichts anderes als Gewinnmaximierung geht. Vielleicht kennen Sie den U2-Song „Elevation“? Aber kennen Sie auch die von Bono mitgegründete Investmentfirma Elevation Partners? 2010 erwarb sie für 120 Millionen US-Dollar 1,5 Prozent an Facebook. Wäre der Börsengang des Unternehmens nicht so kläglich in die Hose gegangen, wäre Bonos Beteiligung jetzt 1,5 Milliarden Dollar wert. Aber ich denke, auch so müssen wir uns um den anerkannten Steuerflüchtling keine Sorgen machen. Bleibt für mich nur die Frage, warum so viele der sich sonst fortschrittlich bis antikapitalistisch gebenden Facebooknutzer – darunter bekanntlich viele Musiker – in die andere Richtung schauen. Vor wenigen Wochen scheiterte eine Abstimmung der Mitglieder über neue Regeln für Nutzung und Datenschutz wegen mangelnder Beteiligung. Dreißig Prozent hätten sich beteiligen müssen. Das wären 270 Millionen Menschen. Mitgemacht hatten jedoch nur knapp 350.000 Nutzer, von denen allerdings die meisten das Regelwerk ablehnten, wonach u. a. Nutzerdaten künftig länger gespeichert werden. Damit wären wir dann auch schon bei den nach Protesten aufgegebenen Plänen von Deutschlands größter Auskunftei Schufa, auch bei Facebook oder Twitter gezielt nach verwertbaren Daten von Verbrauchern zu forschen. Orwell lässt grüßen, oder, wie Bertolt Brecht es formulierte: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.“ Aber lassen wir das …

Kommen wir zu erfreulicheren Nachrichten: der neuen Ausgabe des Folker. Sie steht ganz im Zeichen des diesjährigen TFF Rudolstadt – mit unserer Titelgeschichte über Shantel sowie Beiträgen über Alasdair Fraser & Natalie Haas, die türkische Gruppe Baba Zula sowie Die Strottern. Die Österreicher bekommen in diesem Jahr den Weltmusikpreis Deutsche Ruth. Vor dem Hintergrund einer sich - von Ausnahmen abgesehen – politisch nicht gerade kämpferisch gebenden Liedermacherszene kommt dem Beitrag über die singenden Kabarettisten Dietrich Kittner, Hans Scheibner und Werner Schneyder eine besondere Bedeutung zu. Autor Stephan Göritz bescheinigt ihnen, konservativ zu sein – aber in dem Sinn, dass sie sich die Lust am Verändern bewahrt haben. Um kritische Töne geht es auch beim „Gastspiel“. Nachdem im letzten Heft AI-Pressesprecher Ferdinand Muggenthaler vor dem diesjährigen China-Länderschwerpunkt gefordert hat, auch die Unkultur der Rechtlosigkeit zum Thema zu machen, beschäftigt sich dieses Mal die in Deutschland lebende iranische Musikerin Maryam Akhondy mit der Schwierigkeit, sich im Iran als Sängerin Gehör zu verschaffen. Mit diesen und allen anderen Artikeln im Folker-Sommerheft folgen wir weiterhin konsequent unserem redaktionellen Grundsatz, musikalische Entwicklungen und ihre Interpreten vor dem Hintergrund ihrer gesellschaftlichen Relevanz zu betrachten – ohne dabei die Freude an der Musik zu vernachlässigen.

Machen Sie es sich also gemütlich und genießen Sie ein mit interessanten und unterhaltenden Informationen randvoll gefülltes Heft.

Ihr Folker-Chefredakteur
Michael Kleff

PS: Im Land der Freien und Mutigen wird in diesen Tagen die Endphase des Präsidentschaftswahlkampfes eingeläutet. Dabei befindet sich Barack Obama, der 2008 als „Kandidat der Hoffnung“ gewählt wurde, in einem absoluten – und durchaus selbstverschuldeten – Stimmungstief. Wobei ich mich über die Frage, ob man lieber einen „Republikaner light“ sähe, wie den amtierenden demokratischen Präsidenten, oder lieber einen richtigen Rechtsaußen, wie seinen Gegenkandidaten Mitt Romney, an dieser Stelle lieber nicht auslassen möchte. Trotz schlechter Werte ließ Obama es sich nicht nehmen, dreizehn Prominenten die „Presidential Medal Of Freedom“ zu verleihen. Darunter auch Bob Dylan (mehr in der Szene auf S. XX). Obwohl dieser wiederholt deutlich gemacht hat, dass er sich keineswegs als Vertreter einer Generation sehe, nahm er die Ehrung als „einflussreichster amerikanischen Musiker des 20. Jahrhunderts“ mit Sonnenbrille und Fliege geschmückt gerne entgegen. Wobei der Moment der Auszeichnungsübergabe nicht einer gewissen Komik entbehrt. Ein Blick auf Youtube, wo der Moment festgehalten ist, lohnt sich.

Update vom
10.07.2012
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