EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

„das war wieder ein wunderschönes und erfolgreiches SXSW“, hieß es im März-Newsletter der Initiative Musik in Berlin über den Auftritt des deutschen Musikexportbüros in Austin. „Die Showcases der deutschen Musiker Fenster, Talking To Turtles und Touchy Mob auf dem ‚Lone Star Riverboat‘ wurden begeistert aufgenommen, zu unserem ‚Wunderbar - finest lunch with the Germans‘ erschienen mehr als 400 internationale Gäste und die deutsche Gemeinschaftspräsentation hat neue Synergie-Effekte ins Leben gerufen.“ Da freuen wir uns doch, dass ein Teil der rund anderthalb Millionen Euro Steuergelder aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers bei der „Deutschland-Präsentation beim weltweit wichtigsten Showcase-Festival South by Southwest“ für die „Verbreitung deutscher Musik im Ausland“ sinnvoll angelegt worden ist. Doch halt. „Deutsche Musik“ heißt mitnichten „deutschsprachige Musik“. Die im Newsletter der Initiative Musik genannten Künstler, die Deutschland in Austin repräsentierten, singen natürlich in Englisch. Verständlich, dass da für die Förderung deutschsprachiger Liedermacher nichts übrig bleibt. Wie ließ Kulturstaatsminister Bernd Neumann im vergangenen Jahr auf eine entsprechende Anfrage der Liederbestenliste mitteilen: Eine Förderung käme aus „Präzedenzgründen“ nicht in Betracht.

Was haben Zigarren und Popmusik miteinander zu tun? Folgt man Frank Zappa, eine ganze Menge. Der Niedergang der Musikindustrie begann seiner Ansicht nach schon zu einem Zeitpunkt, als die Distribution von Musik im Internet noch ferne Zukunft war. Mitte der Achtzigerjahre wies Zappa laut einem Bericht in der Süddeutschen Zeitung darauf hin, dass in den Sechzigerjahren eine Menge ungewöhnlicher und experimenteller Musik entstanden seien, nicht weil hippe junge Leute das Sagen gehabt hätten. „Es waren alte Männer, die auf ihren Zigarren herumkauten. Sie hörten sich die neue Musik an, die sie veröffentlichen sollten, und sagten: ,Ich habe keine Ahnung, was das ist, wahrscheinlich weiß es keiner, wir nehmen das jetzt trotzdem auf, bringen es raus und wenn es sich verkauft - wunderbar!‘ Mit den Typen ging es uns besser als mit den vermeintlich hippen jungen Bossen, die heute selbst entscheiden wollen, was die Leute hören und sehen sollen. Die sind konservativer und gefährlicher für unsere Kunst, als es die alten Zigarren-Typen je waren. Und wie kamen sie ins Geschäft? Die Zigarren-Typen dachten sich eines Tages: ,Ich hab‘s also drauf ankommen lassen, diese merkwürdige Platte veröffentlicht und ein paar Millionen Einheiten davon verkauft. Warum das geklappt hat, weiß ich nicht - aber wir müssen das öfter machen. Ich brauche Rat. Holt mir einen Hippie!‘ Und als die dann irgendwann ihre Füße auf den Chefschreibtisch legen durften, sagten sie: ,Das hier können wir nicht veröffentlichen, das wollen die Kids nicht hören, das weiß ich genau.‘“

Auch in den Rundfunkhäusern unseres Landes legen derzeit Leute ihre Füße auf die Chefschreibtische, die genau wissen, was die Hörer wollen: nämlich das Programm „modernisieren“. Was das heißt, kann man derzeit bei der Diskussion um die WDR 3-Reform verfolgen. Stichworte sind da die Zerschlagung der Programmgruppe Musik, die Ausweitung der Musikplanung per Computer oder die Abschaffung der Musikpassagen. Erstmals regt sich dagegen jedoch öffentlicher Protest. Schon mehr als 17.000 Menschen haben einen Offenen Brief an die Intendantin des Westdeutschen Rundfunks unterschrieben (mehr unter go! www.die-radioretter.de ), die schon vor Jahren begonnene, schrittweise Zurichtung des Kulturradios WDR 3 zu einem magazinierten Wort-Häppchen-Programm mit computergenerierter Musikplanung zu stoppen. Eine im März im WDR-Programmausschuss angesetzte Diskussion über die von der WDR-Geschäftsleitung geplante Organisations- und Programmreform von WDR 3 wurde wegen angeblicher Erkrankung des Hörfunkdirektors abgesagt. Gleichzeitig startete ohne Angabe seiner Funktion Stefan Moll, Leiter der WDR-Internetredaktion, unter der hämischen Überschrift „Die Radiorentner“ im Internet eine Attacke gegen die Kritiker. Unter go! www.radiorentner.de kann man nachlesen, auf welchem Niveau sich das von der WDR-Direktion angedachte Programm dann wohl bewegen wird. Am 9. Mai lädt das Schauspielhaus Köln um 20.00 Uhr zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion ein, zu der neben Vertretern der Initiative Die Radioretter auch die Intendantin des WDR, Monika Piel, eingeladen ist. Gemeinsam mit weiteren Podiumsgästen soll über die Zukunft des Kulturradios und die geplante WDR 3-Reform gestritten werden. Vielleicht sollten die Veranstalter dann auch gleich die geplanten Programmreformen anderer Anstalten auf die Tagesordnung setzen, wie z. B. beim Deutschlandradio Kultur. Wie es heißt, soll die Nachtschiene des Deutschlandfunkprogramms „reformiert“ werden, indem die Musikprogramme, u. a. die Autorensendungen in Bereichen wie Jazz, Lied und Weltmusik, durch Wiederholungen aus dem Tagesprogramm oder Talkshows ersetzt werden.

Ich will nicht versäumen, Sie abschließend noch auf die Lektüre dieser neuen Ausgabe des Folker einzustimmen. Sie steht ganz im Zeichen in den kommenden Monaten stattfindender Festivals. Da haben wir die Porträts von Harald Haugaard und Helene Blum sowie von Esther Bejarano und der Microphone Mafia, die für die Programmvielfalt von Folk Baltica 2012 stehen. Wir würdigen Hannes Wader, der im Juni siebzig wird und beim TFF Rudolstadt für sein Lebenswerk mit einer Ehren-Ruth ausgezeichnet wird. Einen Ausblick auf die Konzerte beim größten Folk- und Weltmusikfestival in Deutschland bieten wir auch mit dem Artikel über einen weiteren Ruth-Preisträger dieses Jahres, das Al Andaluz Project, sowie mit einem Beitrag über die Stimme der tunesischen Jasminrevolution, Emel Mathlouthi. Ferdinand Muggenthaler, Pressesprecher von Amnesty International, beschäftigt sich in seinem Gastspiel mit dem Schwerpunktland China beim TFF unter der Überschrift „Auch die Unkultur der Rechtlosigkeit zum Thema machen“. Welche Rolle Musik in der Gesellschaft spielt, zeigt anschaulich der Beitrag über die neuen Barden in Chile.

Ihr Folker-Chefredakteur
Michael Kleff

PS: Der gewaltsame Tod des Teenagers Trayvon Martin in Florida zeigt: Es ist immer noch lebensgefährlich, ein (junger) Schwarzer im Land der Freien und Mutigen zu sein. Präsident Obamas sogenannte „post-rassistische“ Präsidentschaft ist eine Illusion. Angeführt von einer übermächtigen Waffenlobby ist das Land auf dem Weg zurück in die Zeit des Faustrechts. Man könnte meinen, Nina Simone habe „Mississippi Goddam“, ihre wütende Anklage nach einem Bombenattentat in Alabama im September 1963, bei dem vier schwarze Kinder starben, heute geschrieben. Und leider hat sich auch der Inhalt eines anderen Songs aus dem Jahr 1970 nicht bewahrheitet. Damals verkündete Wendy Smith, dass die Türen für eine Revolution weit offenstehen würden. „Time Is Running Out“, sang sie damals. Doch heute, vierzig Jahre später, gilt - wie gesagt - immer noch: Es bleibt lebensgefährlich, ein Schwarzer in Amerika zu sein. Faschismus kommt auf leisen Sohlen heißt es. Nicht so in den USA. Dort ist er in ganz eigener Form lautstark und offen auf dem Vormarsch. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Menschen lautstark jubeln, wenn ein republikanischer Anwärter für die Präsidentschaftskandidatur erklärt, ein schwerkranker junger Mann solle eben sterben, wenn er sich keine Krankenversicherung leisten könne. Oder wenn der Oberste Gerichtshof jüngst entschied, dass eine Leibesvisitation, also eine Ganzkörperdurchsuchung, selbst bei geringen Vergehen nicht verfassungswidrig sei. Zur Liste dieser Vergehen gehört nach Ansicht des Supreme Court auch das Nichtanlegen eines Sicherheitsgurtes!

Update vom
29.04.2012
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