EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

auch weise Männer können in ihrer Beurteilung irren. Deutschlands legendärer Konzertveranstalter Fritz Rau wünschte sich wenige Tage vor der Verleihung des Literaturnobelpreises Anfang Oktober in der SWR-1-Sendung „Leute“, dass Bob Dylan diese Ehrung zuteilwerden sollte. Habe er doch, Zitat, „ die Jahrhunderthymnen für uns alle, für Generationen geschrieben“. Die Schwedische Akademie sah das jedoch anders und erhörte Raus Flehen jedoch nicht. Stattdessen wurde in diesem Jahr der schwedische Poet Tomas Tranströmer ausgezeichnet. Der Folker gratuliert in der „Szene“.

„You Make Me Happy“ heißt die Single einer gewissen Sophie Madeleine, die auch der Folker zur Rezension bekommen hat. Das Plattenlabel preist seine Künstlerin unter anderem damit an, dass ihre Single für eine Werbekampagne der Postbank ausgewählt wurde. Das ist kein Einzelfall. Zunehmend scheinen Musiker und ihre Promoter den Einsatz ihrer Veröffentlichungen für Marketingaktionen als Qualitätsmerkmal anzusehen, offensichtlich ohne das jeweils beworbene Produkt auf seine Integrität zu befragen. Aber die „Großen“ im Geschäft machen es ja allen vor: Bono predigt Wasser und trinkt Wein in vollen Zügen. Andere politisch engagierte Künstler singen für Gewerkschaften und gegen das Großkapital, ihre CDs verkaufen sie aber über Amazon, einen eben dieser Großkonzerne, die zum Beispiel Wikileaks den Hahn beziehungsweise den Server zugedreht haben. Aktuelle Berichte über Amazon USA beschreiben zudem unzumutbare Arbeitsbedingungen und Dumpinglöhne. Wenn man von Michael Franti Post bekommen will – wie der Chefredakteur, der um ein signiertes Cover der letzten Ausgabe bat – muss man Rückporto beilegen. Frantis Auftrittshonorar liegt im höheren fünfstelligen Dollarbereich. Kein Wunder, dass deswegen Veranstalter wie etwa die des Newport Folk Festivals ihn nicht verpflichten können. Konsequente Musiker gibt es nur noch wenige. Billy Bragg zum Beispiel, der einen gut bezahlten Auftritt im New Yorker Musiktempel Brooklyn Academy of Music absagte, weil im Kleingedruckten zu lesen stand, dass der Veranstaltungsort von dem Zigarettenmulti Philip Morris gesponsert wird, stieß auf ungläubiges Staunen der Organisatoren. Der Folker hat sich in einer der letzten Ausgaben mit dem Thema „Authentizität“ in der Musik beschäftigt. Und in der Tat scheint es im Musikgeschäft ebenso immer weniger glaubwürdige Vorbilder zu geben wie in der Politik. Vielleicht bleibt da nur der Rückgriff auf tote Künstler. Die können wenigstens nichts mehr falsch machen.

Es ist schon zur Tradition geworden, dass der Folker in der letzten Ausgabe des Jahres dem Gewinner des Liederpreises der Liederbestenliste gratuliert. Stoppok wird für sein Lied „Zeit für ein Wunder“ geehrt, das im Wertungszeitraum von Mitte 2010 bis Mitte 2011 über sieben Monate die meisten Punkte der Jury erhielt und fünf Mal auf Platz eins stand. Bereits zum dritten Mal erhält der mit schlesischen Wurzeln in Hamburg geborene, im Ruhrgebiet groß gewordene und heute in Oberbayern lebende Künstler den in seiner Art in Deutschland einzigartigen Preis. Das Preisträgerkonzert findet am 18. November im Pantheon-Theater in Bonn statt. Der Folker freut sich in diesem Zusammenhang besonders, die Tour von Stoppok präsentieren zu können (siehe „Szene“). Der diesjährige Förderpreis der Liederbestenliste geht an Uta Köbernick, die wir in dieser Ausgabe ausführlich vorstellen. In der Begründung heißt es, dass die Berlinerin mit derzeitigem Wohnsitz in der Schweiz Lieder schreibe, „deren Texte zeigen, dass nichts spannender ist als der vermeintlich banale Alltag. Ihre Sprache ist aktuell, verleugnet aber nie eine Spur Romantik. Humor kommt nicht zu kurz, auch wenn er manchmal ziemlich schräg ist oder einem das Lachen nicht selten im Hals stecken bleibt. Musikalisch setzt Uta Köbernick auf Einfachheit, auf wunderbar reduzierte Instrumentierung und schlichte Melodien, die aber nichts vermissen und so Platz für die Konzentration auf die Texte ihrer Lieder lassen.“

Als Gast tritt beim Liederfest 2011 Götz Widmann auf. Als „Poesie des alltäglichen Wahnsinns“ beschreibt der Musiker selbst das, was er macht. Und so wenig die Vertreter der sogenannten Antifolkbewegung mit klassischer Folkmusik zu tun haben, so wenig entspricht er dem gängigen Bild des Liedermachers. „Wer sich unter dem Wort Liedermacher immer noch weltverbesserndes Correctnessgequengel vorstellt“, kenne ihn nicht, sagte Widmann dem Folker einst im Interview.

Die mit Unterstützung unseres Magazins präsentierte Liederbestenliste kann auf ein durchaus erfolgreiches Jahr 2011 zurückblicken. Erstmals wird die monatliche Hitparade der deutschsprachigen Musik nun auch in Österreich vorgestellt. Seit September geht Mirjam Jessa jeden dritten Mittwoch im Monat in ihrer Sendung „Spielräume“ im ORF darauf ein. Und ab Januar wird es auch auf WDR 5 jeden Monat eine einstündige Sendung zum Thema geben. Dennoch ist vor allem die finanzielle Zukunft der Liederbestenliste selbst und des jährlichen Liederfests unklar. Entscheidungen darüber werden bei der diesjährigen Mitgliederversammlung des Vereins deutschsprachige Musik am 19. November in Bonn getroffen, bei der auch ein neuer Vorstand für die nächsten drei Jahre gewählt wird.

Mit Franz Josef Degenhardt, der am 3. Dezember seinen achtzigsten Geburtstag begeht, und Bill Monroe, der am 13. September hundert geworden wäre, würdigen wir in dieser Ausgabe des Folker zwei für ihre jeweiligen Genres bedeutende Künstler. Gleichzeitig gratulieren wir stellvertretend für viele andere Musiker aus den Bereichen Folk, Lied und Weltmusik an dieser Stelle Walter Moßmann und Willie Dunn, die beide im August siebzig wurden.

Und damit möchte ich Sie wie immer in die, wie wir hoffen, interessante Lektüre eines neuen Folker-Heftes entlassen.

Ihr Folker-Chefredakteur
Michael Kleff

PS: Im Land der Freien und Mutigen geht es wie immer drunter und drüber. Während die Kandidaten der Republikaner sich für das Amt des US-Präsidenten nach dem Motto „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Reaktionärste im ganzen Land“ mit einer kaum noch zu übertreffenden Mischung aus Arroganz, Ignoranz und Dummheit präsentieren, blicken Politiker und Medien mit erstauntem Unverständnis auf das Geschehen im Zuccotti Park in Downtown Manhattan. Für sie sind die Anti-Wall-Street-Demonstranten in New York – so die zum Murdoch-Medienkonzern News Corporation gehörende Boulevardzeitung New York Post – nicht mehr als eine Art Mob von Herumlungernden. Interessant ist, dass sich die Liste bekannter Musiker zur Unterstützung von Occupy Wall Street zumindest bis zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses dieser Ausgabe in Grenzen hielt. Anti-Flag machten den Demonstranten ihre Aufwartung mit einem kurzen Akustikset. Der New Yorker Rapper Immortal Technique sprach zu ihnen, und Spearhead Michael Franti wurde kurz gesichtet. Auch Tom Morello spielte im Park. Ansonsten sorgten die dort versammelten Menschen – entsprechend ihrem Wunsch nicht nur nach neuen Politikinhalten, sondern auch nach neuen Formen der Beteiligung und des Engagements – mit Trommeln und Gesängen für ihren eigenen Soundtrack. Vielleicht brauchen die politischen Bewegungen dieser Zeit auch keine Führungspersönlichkeiten wie Joan Baez oder Pete Seeger mehr.

Update vom
24.10.2011
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