EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

als wir 1998 das „Experiment“ Folker in Angriff nahmen, gab es für mich inhaltlich ein Vorbild im Hörfunk der Neunzigerjahre: Al Globe auf Radio Brandenburg. Die 1997 eingestellte Sendung war ein zweistündiges musikalisches Weltkulturmagazin, das von Montag bis Samstag seine Hörerschaft stets zu überraschen wusste. Mit einer bunten Mischung aus Folk, Lied und Weltmusik, verbunden mit vielen Berichten über Politik, Gesellschaft und Kultur aus aller Welt. Ein solches Radio abseits der engstirnigen Formate sucht man heute vergeblich. Und auch im Printbereich gibt es kaum eine Zeitschrift, die ihre Leserschaft „herausfordert“, die sie nicht nur in ihren persönlichen Interessen bedient. Der Folker will überraschen, informieren und unterhalten in allen Musikbereichen, die etwas mit „Wurzeln“ zu tun haben. Für uns Mitteleuropäer mag Souad Massi „Weltmusik“ sein. In Algerien ist das, was sie macht, die „Folklore“ ihrer Heimat. Die Begriffe „Folk“, „Lied“ und „Weltmusik“ sind fließend. Formale Abgrenzungen werden ihnen nicht gerecht. Die Folker-Redaktion ist von ihrem genreübergreifenden Konzept überzeugt. Wir glauben, dass unsere Leserschaft bei uns Inhalte geboten bekommt, die in keiner anderen Musikzeitschrift in Deutschland zu finden sind. Wir hoffen, dass diese Vielfalt, die ja nicht willkürlich ist, auch für die von Interesse ist, die den Folker manchmal als zu weltmusikfreundlich oder zu folkorientiert ansehen.

Am 18. November findet im Bonner Pantheon das Liederfest 2011 der Liederbestenliste statt. Für seinen Titel „Zeit für ein Wunder“ von der CD Grundblues 2.1 bekommt Stoppok den diesjährigen Liederpreis. Das Lied bekam im Wertungszeitraum von Mitte 2010 bis Mitte 2011 über sieben Monate die meisten Punkte der Jury und stand davon fünfmal auf Platz eins der Liederbestenliste. Der Förderpreis 2011 geht an Uta Köbernick, die wir im nächsten Folker ausführlich vorstellen werden. Als Gast tritt beim Liederfest 2011 Götz Widmann auf.

Und wo wir gerade beim Thema Liederbestenliste sind … Nach dem Rückzug von SWR und BR aus der Durchführung des Liederfests – nur noch Deutschlandradio Kultur und MDR Figaro sind beteiligt – habe ich in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des Vereins deutschsprachige Musik und Koordinator der Liederbestenliste Mitte Juni einen Brief an die Mitglieder des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien geschrieben mit der Bitte an die Abgeordneten, sich dafür einzusetzen, dass die Liederbestenliste eine Förderung, zum Beispiel aus dem Haushalt des Beauftragten für Kultur und Medien erhält. Bis zur Drucklegung dieser Ausgabe des Folker haben 4 [!] von 24 Mitgliedern des Ausschusses geantwortet – zwei Abgeordnete von CDU/CSU, einer der SPD und eine Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen. Linke und FDP: Fehlanzeige! Wobei zur Ehrenrettung der Linken gesagt werden muss, dass die Fraktion dem Verein deutschsprachige Musik vor zwei Jahren eine Spende für die Liederbestenliste machte. Tenor der wenigen eingegangenen Antworten: Man freut sich über das Engagement. Aber … So wiederholt zum Beispiel Monika Grütters, die Vorsitzende des Ausschusses, fast wortwörtlich die Ausführungen von Bundestagspräsident Norbert Lammert, der in einem Schreiben eine Förderung der Liederbestenliste ablehnte, weil es „viele Bestenlisten mit unterschiedlichen Schwerpunkten“ gäbe und dass mit der Förderung des Preises der deutschen Schallplattenkritik die deutschsprachige Szene bereits gefördert werde. In meinem Brief an die Abgeordneten hatte ich dieser Bewertung bereits mit Argumenten nachdrücklich widersprochen. Nur scheint niemand genau hingeschaut zu haben. Und wo ist eigentlich die Antwort von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, der schon 2004 bei einer Diskussion beim Festival Musik und Politik zur Bedeutung der Liederbestenliste sagte: „Die kulturelle Infrastruktur unseres Landes ist hochgradig gefährdet. […] Es gibt heutzutage keine Chance für so etwas wie das politische Lied, das literarische Chanson et cetera, wenn es nicht auch die Inszenierungen gibt und die Organisation dessen. Deswegen finde ich das schon alarmierend mit der Liederbestenliste. Ich finde, man müsste sehen, wie man das fortsetzt.“ Fazit: Politikerversprechen sind nichts wert! Die Handlungsempfehlung der Enquetekommission „Kultur in Deutschland“, wonach dem Staat eine entscheidende Bedeutung für die Sicherung eines vielfältigen kulturellen Lebens und den Erhalt unserer kulturellen Infrastruktur zukommt, ist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt ist.

Doch vergessen wir an dieser Stelle nicht die vor Ihnen liegende Ausgabe. Sie steht ganz im Zeichen der „Nordlichter“. Nach Frankreich, Schottland und Irland beschäftigen wir uns im vierten Schwerpunktheft mit der Musik unserer Nachbarn im hohen Norden. Aber – und da schließt sich der Kreis mit Blick auf meine Eingangsbemerkungen – mit Beiträgen darüber hinaus unter anderem über das Kollegium Kalksburg aus Österreich, Zaz aus Frankreich, Madison Violet aus Kanada und die Musik des arabischen Frühlings haben wir auch etwas für die Freunde von nordamerikanischem Folk, von Lied und von Weltmusik.

Und damit möchte ich Sie wie immer in die, wie wir hoffen, interessante Lektüre eines neuen Folker-Heftes entlassen.

Ihr Folker-Chefredakteur
Michael Kleff

PS: Im Land der Freiheit und der Heimat der Mutigen läuft der Präsidentschaftswahlkampf an – auf hohem intellektuellem Niveau. Und Gott ist immer dabei. Gleich zwei der Kandidaten der Republikaner, die Obama aus dem Amt jagen wollen, stehen – wie schon George W. – im direkten Kontakt mit dem Schöpfer der Welt: Michele Bachman und Rick Perry. Wobei sich bei diesen Gläubigen der Vollzug eines interessanten Paradigmenwechsels gegenüber urchristlichen Vorstellungen offenbart: vom „Sozialimus“ eines Jesus zum Kapitalismus der fundamentalistischen Christen dieser Tage. Entsprechend sehen die politischen Vorschläge dieser Kreuzritter zur Befreiung Washingtons vom Übel der Regierung aus. Viele konservative Protestanten, aber auch eine Reihe von Katholiken verkünden, dass der Schöpfer des Universums für das freie Spiel der Kräfte und für Deregulierung stehe, für die Zerschlagung von Gewerkschaften und für Steuersenkungen für die Reichen. Kapitalismus als Höhepunkt der menschlichen Schöpfung! Atheisten, Säkularisten und Evolutionisten sind für sie das Grundübel einer von Sozialismus und Kommunismus bedrohten Gesellschaft. Über den Widerspruch, dass diese Sozialdarwinisten die Evolutionstheorie Darwins ja eigentlich ablehnen, wird locker hinweggesehen. Theoretische Auseinandersetzungen sind in den USA ohnehin nicht gefragt.

Dieser wirre Eintopf von Ungereimtheiten, der den Diskurs in Politik, Medien und Gesellschaft der USA beherrscht, verursacht bei mir geradezu Übelkeit angesichts der Probleme dieser Welt, die stattdessen dringend angepackt werden müssten.

Update vom
27.08.2011
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