EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

aus gegebenem Anlass – siehe unten – fällt dieses Mal das PS länger aus als das eigentliche Editorial. Aber was gesagt werden muss, muss gesagt werden. Wie zum Beispiel, dass ich die Nase voll habe von den leeren Worthülsen, mit denen Politiker den öffentlichen Raum verschmutzen. Vielleicht haben Sie es in den Medien mitbekommen: Im vergangenen November wurden Bundestagspräsident Norbert Lammert 46.000 Unterschriften von Menschen, die Deutsch als Landessprache im Grundgesetz verankert sehen wollen, überreicht. Der CDU-Politiker freute sich sehr darüber, weil auch er sich in seinen Reden immer wieder für die Förderung der deutschen Sprache einsetzt. Da dachte sich der die Liederbestenliste tragende Verein deutschsprachige Musik, in Lammert den richtigen Partner zur Unterstützung dieser einmaligen Institution gefunden zu haben. Weit gefehlt. Politische Sonntagsreden und ein möglicher Grundgesetzartikel haben leider mit gesellschaftlicher Realität wenig zu tun. Das hätte man wissen sollen. Lammert ließ sich vom Medienbeauftragten der Bundesregierung beraten und die Liederbestenliste in seinem ablehnenden Bescheid wissen, dass eine Förderung aus „Präzedenzgründen“ nicht in Betracht komme. Schließlich gebe es in der Presse, im Radio und im Internet reichlich „spezielle Bestenlisten“. Und man unterstütze ja auch schon den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Zum besseren Verständnis muss ich ergänzen: Da dort schließlich eine [!] von 29 Jurys dem Lied gewidmet ist, reicht das wohl an Förderung. Zumindest für den Bundestagspräsidenten. Ganz abgesehen davon, dass die meisten von der Schallplattenkritik bewerteten CDs keine deutschen Produktionen sind. Und – aber das konnte Lammert da noch nicht wissen – der deutschen Sprache mit der Gewinnerin der Goldenen Kamera, der Opel-Markenbotschafterin Lena, in der Kategorie „Beste Musik National“ ohnehin schon bestens gedient ist.

Bevor ich mich jetzt völlig in Rage schreibe, etwas für die Freunde des Positiven in der Folker-Leserschaft: Ich finde allein die Tatsache positiv, dass es in diesen Zeiten noch eine Musikzeitschrift gibt, die weitgehend unabhängig von den Marktanforderungen – was nicht heißt, dass wir keine Anzeigen zulassen, wenn auch nicht von jedem – journalistisch über das Geschehen in der Folk-, Lied- und Weltmusikszene berichtet. Beispielsweise mit aktuellen Porträts wie dem über den Wiener Künstler Georg Breinschmid, dessen Doppelalbum Brein’s World CD des Monats der Liederbestenliste im Februar war. Oder exklusiv auf www.folker.de mit einer Würdigung der Karriere von Joan Baez, die im Januar siebzig wurde. Dabei geht es nicht nur um die Erfolgsdaten der Musikerin. Die andere Seite ihres Lebens ist von sozialem und politischem Engagement geprägt. Dafür wurde die amerikanische Künstlerin verfolgt – Gefängnisse hat sie mehr als einmal von innen gesehen -, aber auch geehrt, unter anderem mit zwei Ehrendoktortiteln. Die fünfzigste Ausgabe unseres „Labelporträts“ zeigt in einem Überblick, ob und wie Plattenfirmen angesichts der dramatisch veränderten Rahmenbedingungen für die Produktion und den Vertrieb von Tonträgern überleben. Hinzu kommen wie immer Berichte aus der Szene, Kommentare und Kurzporträts, zu deren hoffentlich wieder einmal unterhaltsamen wie informativen Lektüre ich Sie herzlich einlade.

Ihr Folker-Chefredakteur
Michael Kleff

PS: An dieser Stelle wie immer das Neueste aus dem Land der Freien und Mutigen? Nein, ich will nicht über Ägypten reden. Nicht darüber, wie die USA den einen Diktator – Hussein – unter vielen Opfern mit Krieg stürzten und dem anderen – Mubarak – einen Abgang in Ehren ermöglichen wollten … Nein, ich will über eine Bank reden. Die Überschrift könnte lauten: „Skandale über Skandale – und die Citigroup ist immer dabei.“ Was hat denn das mit Musik zu tun? Dazu komme ich gleich. Der etwas längere Exkurs ist zum besseren Verständnis notwendig. Anfang der Neunzigerjahre: Ende der Apartheid in Südafrika. Vorläufer Citicorp war durch seine Töchter in der Citibank mit 800 Millionen US-Dollar Anleihen der größte Geldverleiher an Südafrika während der Zeit der Apartheid. November 2001: Der Energiekonzern Enron bricht zusammen. Es ist der zweitgrößte Konkurs der US-Geschichte. Nach der Pleite stellt sich heraus, dass die Manager die Bilanzen manipuliert hatten. Beteiligt an den Schiebereien war die Citigroup. Juli 2002: Mit Vermögenswerten von fast 104 Milliarden Dollar ist der Zusammenbruch von Worldcom die teuerste Pleite aller Zeiten. Die durch Zusammenkäufe entstandene Telefongesellschaft weist ein Loch in der Bilanz in Höhe von elf Milliarden Dollar auf. Wer ist die Hausbank? Richtig, die Citigroup. April 2003: Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer prangert schönfärberische Aktienbewertungen mehrerer Analysten an der Wall Street an. Damit hatten die Banken unzulässigerweise das Geschäft mit ihren Firmenkunden angekurbelt. Die Beschuldigten legen die Vorwürfe später mit den Behörden in einem Rekordvergleich von 1,4 Milliarden Dollar bei, allein 400 Millionen Dollar zahlt die Citigroup. Oktober 2004: Die Steuerbehörden Chiles erheben Anklage wegen Steuervermeidung gegen den früheren Militärdiktator Augusto Pinochet. Eine seiner Geldwäschebanken war wer …? Ich merke, Sie folgen mir jetzt: die Citigroup-Tochter Citibank, die nach Angaben des Permanenten Untersuchungs-Unterausschusses des US-Senats mindestens fünf Millionen Dollar versteckte und wusch. Februar 2003 bis heute: Invasion des Irak. Als eine der aktivsten Finanzinstitutionen bei der Neuordnung der Wirtschaft des Staates besonders in der ersten Zeit nach der Besatzung bietet die Citigroup privaten Unternehmen erhebliche Kredite an, die gegen späteren Verkauf irakischen Öls abgesichert werden. Neben anderen Kriegsgewinnlern wie Bechtel und konservativen Denkfabriken wie dem American Enterprise Institute, der Heritage Foundation und dem Hudson Institute besitzt die Citigroup eine einflussreiche Position im sogenannten „Irak-Expertenrat“, der eine Lösung für das Land erarbeiten soll. Die Auflistung lässt sich fortsetzen. Denn nun kommt es: Seit Anfang Februar 2011 ist die Citigroup neuer Eigentümer von EMI. Was macht eine Bank als Plattenfirma? „Wir wollen, dass EMI für unsere Aktionäre die absolut beste Performance liefert“, verkündete Citigroup-Manager Stephen Volk nach der Übernahme. Fast hätte ich es vergessen. Es geht um Profit, nicht um Musik. Das weiß man ja schon von den anderen Musikriesen Sony und Universal, wo Musik klein und Gewinne für die Anteilseigner großgeschrieben werden. Was die Musiker dazu sagen? Nun, gefragt werden sie ohnehin nicht. Komponisten wie Johann Sebastian Bach sind schon lange tot, und Konstantin Wecker ist im EMI-Künstlerverzeichnis nur unter der Rubrik „Compilations“ aufgeführt. Das lassen wir als Alibi gelten. Doch mich würde schon interessieren, was öffentlichkeitswirksame Wohltäter wie Wolfgang Niedecken, Manu Chao, Herbert Grönemeyer oder auch Yoko Ono dazu sagen, dass sie jetzt indirekt musikalisch Werbung für die Citigroup machen. Womit wir wieder bei dem – zugegebenermaßen – langen Exkurs zum Wesen dieses Unternehmens angekommen sind.

Update vom
27.02.2011
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