FOLKER – Rezensionen

Besondere CDs


DIE BESONDERE – DEUTSCHLAND

LIEDERTACH
Liedertach

(Westpark Music CD 87196/Indigo, go! www.indigo.de )
13 Tracks, 56:36, mit dt. u. engl. Infos u. dt., plattdt., engl. u. gäl. Texten

Liedertach 2010

Unter einem „Liedertach“ kann man sich schön etwas vorstellen, bestimmt mehr als unter einen „Ionjan“. Das hätte bei der Fusion der Gruppen Liederjan und Iontach ebenfalls herauskommen können, zumal es sich nach eigenem Bekunden der Musiker um eine Schnapsidee handelte. Das muss aber ein geistreicher Schnaps gewesen sein, denn was man hier hört ist bislang „unerhört“! Allenfalls von den 2Duos kam schon Ähnliches: eine Verbindung von deutschen und irischen/schottischen Stücken und Liedern, nicht brav im Wechsel, sondern einander durchdringend, umschlängelnd, eine Einheit bildend, um dann doch wieder getrennte Wege zu gehen. Besonders herausragend ist dabei die Doppelballade „Aus Texas/Green Among The Gold“. Man hört indes schon dort, dass die irisch-schottischen Melodien und Rhythmen komplexer sind als die deutschen, und letztere dafür etwas mehr geradeheraus. Dieser Kontrast aber bietet eine sehr bewegende musikalische Spannung. Auch die deutschen Tunes werden so präsentiert, zum Beispiel auf den Uilleann Pipes gespielt, dass man einfach nicht genug von ihnen bekommt. Beim „Waltz Of The Golden Ring“ mit doppelter Cellobesetzung schmilzt der Rezensent nur so dahin. Aber auch das Miteinander von je drei unterschiedlichen Männer- und Frauenstimmen, oft mehrstimmig oder mit Haupt- und Satzgesang oder auch mal im Chor erzeugt eine große Klangfülle. Jazzig hört sich das Saxofonintro zu „Music For A Found Harmonium“ an, und bei „La Valse Des Jouet“ wird es auch mal „québécois“. Dem umfangreichen Beiheft sind zudem für jeden Titel Hintergrundinformationen sowie die Liedtexte zu entnehmen. Dieses Wunderwerk vollbrachten: Michael Lempelius, Jörg Ermisch und Hanne Balzer von Liederjan sowie Siobhán Kennedy, Angelika Berns und Jens Kommnick von Iontach. Und, bevor Missverständnisse aufkommen: Es handelt sich um eine Fusion für ein Projekt – nicht auf Dauer. Schade eigentlich!

Michael A. Schmiedel

 

LIEDERTACH – Liedertach


DIE BESONDERE – EUROPA

AODAN
Origin

(Kerne Production ALK 01 DB 10/Coop Breizh 4015380, go! www.coop-breizh.fr )
9 Tracks, 49:11, mit bret. u. frz. Texten

Aodan

Die siebenköpfige Band Aodan hat eine ganz neue Präsentation bretonischer Musik entwickelt. Im Zentrum steht dabei der junge Fest-Noz-Sänger Fanch Oger. Sein kraftvoller traditioneller Gesang wird kontrastiert durch Kosängerin Stefanie Devaux. Meist singt sie mit geschulter Stimme eher klassisch, gelegentlich aber auch soulig oder mit kontrapunktischen Gypsy-Shoutings. Auch die Streichersektion mit zwei Geigen, Cello und Kontrabass produziert oft klassische Klänge, um dann wieder zu rockigen Riffs überzugehen. Für eine funkige Grundstimmung sorgt der von einer Rockband kommende Schlagzeuger Benoît Guillernot. Diese Mischung wird auf dem ganzen Debütalbum konsequent durchgehalten. Das ist überraschend, faszinierend und oft auch anstrengend – aber wohl das künstlerisch Innovativste, was der traditionellen bretonischen Musik in den letzten Jahren widerfahren ist. Stefanie Devaux, die das Projekt mit Geiger Jonathan Dour initiiert hat, ist übrigens eine Deutsche, die in der Bretagne geheiratet hat. Gelegentlich singt sie sogar auf Deutsch. Ihr Gesangspartner Fanch Oger ist nicht identisch mit dem bretonischen Separatisten gleichen Namens. Die Agenda von Aodan liegt eher im Fantasybereich. Auf der Bühne tritt die Band in versponnenen Kostümen auf. Außerdem haben sich alle Musiker eine Fantasy-Identität zugelegt. Stefanie Devaux nennt sich so „Althea, die Beschwörerin des Universums und der Portale der Dimensionen“. Aber die Musik ist sehr ernst zu nehmen.

Christian Rath

 

AODAN – Originl


DIE BESONDERE – EUROPA

GEORG BREINSCHMID
Brein’s World

(Preiser Records 90787/Naxos, go! www.naxos.com )
Do-CD, 28 Tracks, 151:40, mit österr. Texten u. ausführlichen dt. Infos

Georg Breinschmid

„Ma muass aufhean, wanns am scheenstn is“, trällert der zugereiste Parade-Wiener Georg Breinschmid kurz vor Ende des Zweieinhalbstundenmarathons locker in die swingende Klavierbegleitung: „I dad sogn, moch ned zwaa CDs / Wöi sonst wean die Leud beim Onhörn bees / Noch dazu mit Wiiieeener Lied und Jeeeez“. Aber das ist grienende Koketterie im vollen Bewusstsein dessen, dass dem keineswegs so ist! Obwohl in der Tat ein Großteil dieses aus allen Nähten platzenden Füllhorns musikalischer Kompetenz und schöpferischer Energie neben einigen Eckpfeilern der Klassik der Jazz einiger Couleur ist – ziemlich groovig zumeist, jedenfalls nicht von der Sorte, die am liebsten nur dekonstruiert ohne wieder zusammenzusetzen. Auch dann aber birst die Musik des Kontrabassisten aus Amstetten in Niederösterreich in der Regel nur so vor Elementen aus sämtlichen Genres, mit denen sich der Folker schwerpunktmäßig beschäftigt: viel volksmusikalisches Brauchtum, Ländler, Polka, Jodler; Einflüsse, speziell rhythmisch dringliche, aus aller Welt; ziemlich böse Lieder. Nicht bitterböse – der Eindruck ist bei der hemmungslosen Mundart wohl vor allem der Affekt von uns Piefkes -, aber doch recht böse. Wenn auch liebevoll. Und ordentlich verblödelt – auf ebenso geistreiche wie sympathische Weise: Ärger mit dem GPS und dem Computer – wer bei derartigen Tücken des Alltags auf Bierernst hofft statt auf den enormen anarchischen Spielwitz Breinschmids, muss wohl ein hoffnungslos freudloses Leben fristen da draußen. Wie heißt eine Nummer Richtung „Cantaloupe Island“ in diesem Geiste ganz entspannt ohne großes Theater? „Oldtime Hit“. Ein großes lakonisches Vergnügen! Und kein geringeres musikalisches Abenteuer.

Christian Beck

 

GEORG BREINSCHMID – Brein’s World

Update vom
09.02.2023
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