EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

wir sind stolz darauf, Ihnen die siebzigste Ausgabe des Folker zu präsentieren. Da fehlt doch etwas, werden Sie vielleicht beim ersten Blick auf das Cover sagen. Ja, richtig. Wir haben uns nach langen und intensiven Diskussionen vom Ausrufezeichen und von zwei Balken getrennt. Sozusagen ein gestalterischer Befreiungsschlag. Auch die Innenseiten kommen leicht verändert daher. Wie wir meinen, im Interesse der Inhalte, die wir vermitteln wollen. Für die vielen Stunden, die unser Grafiker Christoph Lammert beim Feilen am neuen „Gesicht“ des Folker verbracht hat, sei ihm an dieser Stelle herzlich gedankt. Ja, auch auf die Unterzeile im Titel verzichten wir ab sofort. Wir meinen, dass der Folker DIE Zeitschrift für Folk, Lied und Weltmusik in Deutschland ist, ergibt sich allein schon aus dem breiten Spektrum der in jeder Ausgabe enthaltenen Themen. Das heißt auch, dass sich trotz optischer Runderneuerung am journalistischen Konzept nichts ändert: Der Folker steht für eine unabhängige und kritische Berichterstattung. Wobei ein besonderes Augenmerk auf die politischen und gesellschaftlichen Implikationen gelegt wird.

Davon zeugen gleich mehrere Beiträge in der aktuellen Ausgabe. So betont Graham Nash, dessen Konzert mit David Crosby und Stephen Stills am 3. Juli in Bonn vom Folker präsentiert wird, klar, dass es ihm und seinen Partnern in den vierzig Jahren ihrer Karriere „gerade nicht nur um Musik, sondern auch um unsere Rolle als Menschen und als Staatsbürger“ ging und immer noch geht. Im Porträt über Chico Buarque, dem meistverbotenen Künstler Brasiliens, erfahren wir, wie enttäuscht er über die neoliberale Politik von Staatschef Lula ist, den er in mehreren Wahlkämpfen unterstützt hat. Dass Musik tödlich sein kann, davon erzählt die Geschichte vom „Soundtrack zum Drogenkrieg“, über die Narcocorridos. Und Günther Wildner behandelt in seinem Gastspiel „gebeutelte Musikmärkte und Medienwahnsinn“ nicht nur in Österreich. Daneben kommen natürlich Szenenachrichten und Geschichten von „Aktivisten“ in unseren Landen nicht zu kurz. Wobei mit Lucinda Williams, den Monsters of Liedermaching sowie Rachel Unthank & The Winterset auch mehrere Künstler im Mittelpunkt stehen, die beim diesjährigen TFF Rudolstadt auftreten.

Leider muss ich mich an dieser Stelle schon wieder als Übermittler schlechter Nachrichten betätigen. Der Programmabbau bei den Öffentlich-Rechtlichen geht in Riesenschritten weiter. Nachdem der Hessische Rundfunk zum Ende des vergangenen Jahres seine letzten popkulturellen Autorensendungen abgeschafft hat, streicht der Sender - einer der größten der ARD - jetzt sein eigenes Kinderradioprogramm. HR2 Domino sendet bisher montags bis freitags regelmäßig und hat eine eigene Kinderradioredaktion, zu der auch die Sendung „Klangohr“ gehört: eine Kindermusiksendung mit einem CD-Test durch eine Kinderjury - eine Art Liederbestenliste für die Kleinen. Der HR leistet sich sechs Vollprogramme, für ein eigenständiges Kinderradioprogramm soll ab Januar 2010 jedoch kein Geld mehr da sein. Wochentags will der HR dann das von Deutschlandradio Kultur kostenfrei zur Verfügung gestellte Kinderprogramm „Kakadu“ senden. Welchen Qualitätsverlust solche Maßnahmen mit sich bringen, weiß man seit dem Ende von Radio Multikulti in Berlin, an dessen Stelle der RBB das Programm von Funkhaus Europa des WDR als Übernahme gestellt hat. Rüdiger Bischoff, der beim HR die Domino-Kinderjury betreut, fordert dazu auf, den politischen Druck nochmals zu verstärken, um vielleicht doch noch ein eigenständiges hessisches Kinderradio erhalten zu können. Informationen der Kampagne finden sich unter go! www.klangohr.de .

Es gibt jedoch auch noch gute Nachrichten in der Medienlandschaft: Rechtzeitig zum Relaunch geht der Folker , wie bereits mehrfach angekündigt, auf Sendung beim Internetradio Byte.FM. Ab diesem Sommer alle vier Wochen (genaue Sendetermine bitte der Folker -Website entnehmen) mit Themen rund um das jeweils aktuelle Heft. Moderiert im Wechsel zwischen Szeneredakteurin Claudia Frenzel, Herausgeber Mike Kamp und dem Chefredakteur. Also: „Einschalten“ und weitersagen!

Falls Sie im Folker eine Besprechung des neuen Albums von Bob Dylan vermissen, dann hat das seinen Grund. In der Antwort von Sony Music auf Christian Becks Musterbestellung hieß es lapidar: „... eine Woche vor VÖ kannst Du es Dir unter go! www.musik-promotion.net anhören.“ Auf Nachfrage wurde dem Folker beschieden, dass es nicht genug Promo-CDs gebe, um auch uns eine zu senden. Das liegt im Trend. Im Bereich der CD-Bemusterung gibt es nachhaltige Veränderungen. Immer mehr Labels steigen auf eine digitale Bemusterung um. Das heißt Rezensenten bekommen einen Zugangscode, um sich eine Neuveröffentlichung entweder herunterzuladen oder nur anzuhören. Herausgeber, Chefredakteur und Leiter der Rezensionsredaktion sind sich einig darin, dass wir keine Veröffentlichung besprechen, die uns nur „virtuell“ zur Verfügung gestellt wird. Wir stehen zur Idee von der CD als Gesamtkunstwerk, das von der Musik über die Gestaltung bis zu den Texten reicht. Wir sind der Ansicht, dass die große Mehrheit der Folker -Leserschaft zu den Musikfreunden gehört, die sich nach wie vor CDs kaufen. Daher sollen sich die Besprechungen auch mit diesem Produkt in seiner Gesamtheit beschäftigen.

Im Zuge des kleinen Folker -Relaunch wird gerade auch das sogenannte „Autorenmerkblatt“ überarbeitet, das unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einige Rahmenbedingungen für ihre Beiträge an die Hand gibt. Dabei geht es auch um die um sich greifenden Anglizismen, die vor allem in der Musikpromotion ohne Gegenwehr Einzug gehalten haben. Da werden „Meetings gecancelt“, obwohl sie doch eigentlich „confirmt“ waren - oder heißt es „confirmed“? Künstler treten nicht mehr auf, sondern sie „performen“. Sie schreiben auch keine Texte mehr, sondern „Lyrics“. Ganz zu schweigen von der berühmten „Deadline“. Als ob „Stichtag“ nicht auch alles sagen würde. Der für die Redaktion der nächsten Ausgabe unserer Zeitschrift ist übrigens der 17. Juli. Für den Fall, dass Sie uns mit Anregungen, Kritik und Lob zum neuen Folker schreiben wollen. Wir freuen uns über jede Wortmeldung.

Und damit wünsche ich Ihnen viele interessante Sommerkonzerte bei entsprechender Witterung und entlasse Sie in die Lektüre einer im wahrsten Sinne des Wortes brandneuen Folker-Ausgabe.

Ihr Folker-Chefredakteur
Michael Kleff

PS: Während der neue US-Präsident sich einer unheiligen Allianz aus eigenen Parteifreunden, privaten Krankenversicherern, Agrar- und Energiewirtschaft sowie multinationalen Konzernen gegenübersieht, die alle in Stellung gegangen sind, um sein ohnehin nur moderates Reformprogramm zu verhindern, kämpft ASCAP (The American Society of Composers, Authors and Publishers), eine der Gesellschaften für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte in den USA, für ihre Mitglieder. Im Bundesstaat Rhode Island wurde jetzt ein Barbesitzer verklagt, weil sich im Patrick’s Pub manchmal einige Kunden spontan zusammenfinden, um als Amateure die Gäste zu unterhalten. Dabei kamen unter anderem Songs von Grateful Dead und Tom Petty zur „Aufführung“, deren Rechte bei ASCAP liegen. Laut Klage ist dies ein Verstoß gegen das Urheberrecht. ASCAP verlangt 120.000 Dollar Schadensersatz für nicht gezahlte Gebühren. Es versteht sich von selbst, dass es seitdem im Patrick’s Pub in Providence keine Livemusik mehr gibt. Mich würde interessieren, ob ASCAP auch dem Pentagon eine Rechnung geschickt hat für die Benutzung von urheberrechtlich geschütztem Material bei der Folterung von Gefangenen im Irak, in Afghanistan und im Gefängnis von Guantánamo Bay. Zu den dort zur „Aufführung“ gekommenen ASCAP-Künstlern, deren Musik inhaftierte vermeintliche Terroristen zum Reden bringen sollte, gehören unter anderem Metallica, Aerosmith, Nine Inch Nails und Prince. Und für den Fall, dass eine Rechnung geschickt wurde, wird ASCAP den US-Verteidigungsminister nach dem Prinzip „gleiches Recht für alle“ für den Fall, dass er nicht bezahlt hat, ebenso verklagen wie Patrick Griffin in Rhode Island?

Update vom
05.07.2009
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