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False True Lovers (Folkways, 1960/ |
Während sie nach einer Antwort suchte, belegte sich ihre Stimme, und dann brach sie in leises Schluchzen aus. Das war mir bei einem Interview noch nicht vorgekommen. Das Aufnahmegerät wurde abgeschaltet, um ein Taschentuch zu finden, damit sich die freundliche ältere Lady die Tränen abwischen konnte. Offensichtlich hatte die Frage einen wunden Punkt berührt. Was denn der Grund dafür gewesen sei, wollte ich wissen, dass sie in den 70er Jahren mit dem Singen aufgehört hatte. „Das Problem ist nicht physischer, sondern rein psychologischer Natur“, erklärte Shirley Collins, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. „Ich war damals psychisch in einer so desolaten Verfassung, dass ich meine Singstimme verlor. Aus! Weg! Ich konnte nicht mehr singen. Was immer ich auch versuchte, es ging nicht mehr - bis heute.“
Bis dahin hatte ihre Stimme ihr Leben geprägt. Sie war ihr Aushängeschild
gewesen, das künstlerische Medium, mit dem Shirley Collins sich der Welt
mitteilte. Jetzt musste sie sich neu definieren. Das Trauma rumort immer
noch in ihr. Der Verlust ihrer Singstimme setzte einen Schlusspunkt unter
die Karriere der heute 70-Jährigen, die in den späten 50er Jahren begonnen
hatte. In den 60er Jahren war sie dann zu einer der Großen des britischen
Folkrevivals geworden, ihr engelhafter, glasklarer Gesang zu ihrem
Markenzeichen. Er stach heraus, egal ob die Begleitung von einer einzelnen
Gitarre (gespielt von Davy Graham), einer energiegeladenen Folkrockband (mit
Richard Thompson) oder einem Ensemble von Renaissancemusikern (darunter
David Munrow und Christopher Hogwood) kam. Ihre Alben, von denen viele in
enger Kooperation mit ihrer Schwester Dolly entstanden, gelten mittlerweile
als Meilensteine des Folk, Juwelen einer Epoche, die bis heute Gültigkeit
besitzen. Jüngste Anzeichen dafür: Seit ein paar Jahren hat eine junge
Generation von britischen Folkmusikern Shirley Collins als Wegbereiterin
wiederentdeckt. Diese jungen Leute strömen in ihre Vorträge, die sie bei
Folkfestivals hält. Dort referiert sie über die traditionelle Musik ihrer
Heimat Sussex oder die gemeinsame Aufnahmereise mit Alan Lomax, dem
bahnbrechenden Archivar der amerikanischen Rootsmusik [ein Lomax-Porträt
findet sich in Folker! Heft 04/1999;
Anm. d. Red.], dem bahnbrechenden Archivar der amerikanischen
Rootsmusik. An diese Reise im Jahr 1959, welcher viele der atemberaubendsten
Aufnahmen aus dem alten Süden der USA zu verdanken sind, erinnert sich
Shirley Collins auch im Folker!-Gespräch.
Von Christoph Wagner
Wie kamen Sie mit Alan Lomax in Kontakt?
Ich traf ihn Mitte der 50er Jahre bei einer Party von Ewan MacColl, dem Folksänger, in London. Er war gerade von einer Aufnahmeexkursion in Italien und Spanien zurück. Ich bewunderte ihn, weil ich seine BBC-Radioprogramme The Adventures Of A Ballad Hunter gehört hatte, wo er über seine Erfahrungen als Musikethnologe in den USA berichtete.
Sie haben ein Buch veröffentlicht, das ihre Erlebnisse bei den Feldaufnahmen mit Alan Lomax im amerikanischen Süden Ende der 50er Jahre schildert. Was war der Anstoß?
Vor sechs Jahren, als ich einmal meine Mutter besuchte, sagte sie, ob ich meine Briefe zurückhaben wollte. „Welche Briefe?“, fragte ich. „Deine Briefe aus Amerika.“ Sie hatte alle aufgehoben. Als ich die Briefe las, kam die Erinnerung zurück. Daraus entwickelte sich das Buch. Bei dieser Reise habe ich Tagebuch geführt, das einzige Mal in meinem Leben. Das war eine große Hilfe.
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