Rezensionen DEUTSCHLAND


CASSY CARRINGTON & IHR HERR COSLER
Suite 107

(Engel & Stadt Records/Conträr, go! www.alleliebencassy.de )
12 Tracks, 38:35, Texte

Designer und DJ Rolf Rotterdam aus dem kleinen Schöppingen in Westfalen hatte schon einiges in seinem Leben gemacht. Mit seiner Verwandlung in Köln zu Cassy Carrington startete er eine neue Karriere als Schauspielerin und Sängerin von Popchansons. Als sehr große, fesche Diva präsentiert sie mit dem Pianisten Tobias Cosler, der auch für die Kompositionen und Arrangements und einige Texte verantwortlich ist, ihre eigenen Songs. Liebe und Leben sind ihre Themen, die sie mit Charme, Schwung, Ironie und leichtem Lispeln dem Publikum einschmeichelnd darbietet. Das pralle Leben und die aufregende Liebe sind leichter zu besingen als zu machen. Von Singles und tollen Typen, die man nicht bekommt, singt sie, vom Nörgeln aus Prinzip und dem Wunsch nach mehr Glitter, um den Widrigkeiten des Lebens zu begegnen. Rausch und Leidenschaft auch in einer Beziehung und immer mehr, mehr, mehr. Die Travestierolle als Cassy hatte Rotterdam eher zufällig begonnen, doch sie scheint ihm gut zu passen. „Heute bin ich nicht verkleidet, hab mich nur geschminkt und ein bisschen schön gemacht, wie Frauen halt so sind.“, heißt es im Lied „Lügen muss ich nicht“. Ein Debüt, mit Crowdfunding unterstützt, dass sich hören lassen kann.

Rainer Katlewski

 

CASSY CARRINGTON & IHR HERR COSLER  – Suite 107


IRXN
Irgendwo und irgendwann

(BSC Music, go! bscmusic.com , go! irxn.net )
12 Tracks, 41:42, mit Fotos u. wenigen dt. Infos

Viele gute Musiker in deutschen Landen finden ihren Ausdruck im Irish Folk Rock, singen demzufolge auf Englisch oder gar Gälisch. IRXN-Gitarrist Reinhold Alsheimer meint aber: „Ich denke, dass man dann am authentischsten Lieder schreibt, wenn man sie in der Sprache, in der man denkt, fühlt, träumt, liebt und hasst, schreibt.“ Und diese Sprache ist für die neuerdings in München ansässige Band Irxn eben Bayerisch, genauer Chiemgauerisch und Münchnerisch. Ob historisch hinterlegte Ballade, Revolutions- oder Liebeslied, der bayrische Dialekt oder auch mal ein bayerisch angehauchtes Standarddeutsch verbindet sich mit tradierten, rockig auf Gitarre, Bass, Geige, Tuba und Schlagzeug gespielten Melodien keltischer und anderer Provenienz zu einer harmonisch-passenden Einheit, auch wenn dann doch mal gejodelt wird. Ob das Titellied zur Melodie von „Cotton-Eyed Joe“, die Tuba im Reggaerhythmus in „Die Leichtigkeit des Seins“ oder das russendiskohafte „Wuads Luada“, die Musik reißt einfach mit und groovt einem tief durchs Gemüt. Die Texte kann man online mitlesen unter irxn.net/irgendwo-lyrics.php, allerdings ohne standarddeutsche Übersetzungen.

Michael A. Schmiedel

 

IRXN  –Irgendwo und irgendwann


JENS KOMMNICK
Redwood

(Siúnta Music, SM 2204, go! www.jenskommnick.de )
14 Tracks, 53:16, mit dt. u. engl. Infos

Es gibt hin und wieder Hörerlebnisse, die einen sprachlos zurücklassen. Schönheit vermag das. Und davon fließt dieses Album über. Jens Kommnick, ein Gitarrist von der niedersächsischen Nordseeküste und längst kein Unbekannter mehr, legt mit Redwood sein drittes Soloalbum vor. Der musikalische Bogen umfasst Traditionals aus dem weiten Feld der keltischen Musik, klassische Kompositionen und eigene Werke. Kommnick ist mehr als ein begnadeter Steelstringgitarrist, er spielt Harfe, Cello, Bouzouki, Mandoline, Uilleann Pipes, Whistles, Drehleier, Piano … „Cedar House“, eines der berührendsten Stücke des Albums, ist seinem Freund Reinhard Mey gewidmet, mit dem ihn auch musikalisch viel verbindet. Wir hören ein Blockflötenquartett der Renaissance, den letzten Satz aus dem Zweiten Brandenburgischen Konzert von Bach in einer aufregend instrumentierten Folkversion, einen balkaninspirierten Tanz, bretonische, irische, dänische Weisen, und immer klingt alles so, als hätte es gar nicht anders sein können. Kommnick beherrscht alle Spielarten: virtuos, zupackend, still, in sich gekehrt. Alles ist versehen mit einer Leichtigkeit, die einem frohen Herzen zu entspringen scheint und sagt: Alles ist gut.

Rolf Beydemüller

 

JENS KOMMNICK   – Redwood


LÜÜL & BAND
Wanderjahre

(MIG Music GmbH MIG 01282 CD, go! www.luul.de )
14 Tracks, 52:37, mit dt. Texten u. Infos

Das Cover zeigt eine kleine Zirkustruppe, Artisten, Fahrende, immer unterwegs, wandernd, von einem Ort zum nächsten, stets auf der Suche nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, vielleicht sogar ein wenig Geborgenheit, Liebe gar. Die Begleitumstände sind jedoch alles andere als günstig: Der Asphalt ist regennass, im Hintergrund sind zerbombte Häuser zu erkennen, wohl Ruinen im Berlin der Nachkriegszeit. Auch Lüül ist ein Fahrender, ein Artist, ein Clown, ein Suchender. Seine Lieder, die er mit unverwechselbarer Stimme, die manchmal ein wenig an Rio Reiser erinnert, vorträgt, erzählen auf beschwingte, auch augenzwinkernde Weise vom Alleinsein („Kleines Solo“), vom gegenseitigen Fremdsein („Morgens in der U-Bahn“), von der Unentrinnbarkeit vor dem Schicksal („Samarra“), von zerbrochener („Draußen“) und neu entflammter Liebe („Maria“). Das Eingangslied „West-Berlin“ ist Lüüls Liebeserklärung an seine Heimatstadt. Neben den eigenen Texten und Kompositionen des Sängers sind einzelne Werke von Erich Kästner, Tom Waits und Goethe zu hören. Der Klang der akustischen Instrumente (Gitarre, Geige, Akkordeon, Ukulele, Kontrabass, Marimba) verstärkt den intimen Charakter dieses hörenswerten Albums.

Kai Engelke

 

LÜÜL & BAND   – Wanderjahre


CHRISTINA LUX
Embrace Live

(BSC Focus 307.178.2/Rough Trade, go! christinalux.de )
14 Tracks, 68:32

Intimität lässt sich von zwei Seiten betrachten. Zeigt die Künstlerin sich selbst verletzlich und singt von den eigenen Gefühlen? Dann ist der Zuhörer nur ein Zaungast und darf an den Geschichten Anteil nehmen, ohne selbst Beteiligter zu sein. Spricht die Künstlerin den Hörer direkt an, verhält es sich genau umgekehrt. Die Welt des Zuhörers gerät in den Vordergrund und die Künstlerin wird lediglich Reiseleiter. Auf ihrem neuen Livealbum vereinigt Christina Lux beide Wege und schafft so eine atemberaubende Nähe. In jedem Song singt die Musikerin ihre Texte in einer Eindringlichkeit, dass sich das Publikum beinah unerlaubt im Herzen der Künstlerin wiederfindet. Gleichzeitig erscheinen dem Hörer eigene Bilder, Geschichten, Erlebnisse, Hoffnungen und Träume, die die eigene Gefühlswelt spiegeln. Manche Songwriter vermögen die Zuhörer mit wenigen Worten in ihren Bann zu schlagen. Die gesangliche Stärke von Christina Lux aber, die jedem Jazzorchester zur Ehre gereichen würde, gibt der intimen Performance der Künstlerin eine einzigartige Kraft und einen scheinbar unauflösbaren Widerspruch zur filigranen Songstruktur. Embrace Live wird so zu einem kostbaren Vertrauten und Verbündeten.

Christian Elstrodt

 

CHRISTINA LUX – Embrace Live


STEPHAN MICUS
Nomad Songs

(ECM Records, ECM 2409, go! www.stephanmicus.com )
11 Tracks, 56:02, mit engl. Infos

Die „Nomaden-Lieder“ sind das persönliche Tagebuch eines unermüdlich Reisenden. Stephan Micus bereist seit Jahrzehnten die Welt. Er ist Forscher und Lauschender. Micus bringt Instrumente von diesen Reisen mit: ein Ndingo aus Botswana (eine Art Kalimba), eine Genbri aus Marokko (eine dreisaitige Basslaute), die balinesische Suling, die ägyptische Nay und eine japanische Shakuhachi (Flöten) – die Liste ist lang. Micus sucht vor Ort nach Lehrern, die ihm das nötige technische Rüstzeug fürs Spiel vermitteln. Und dann begibt er sich mit seinen Fundstücken in die Stille, überlässt sich der Musik, die sich in seinem Inneren formuliert. Und hier wird alles dann auf eine authentische und persönliche Weise eins: der Klang der Instrumente aus aller Welt, die enge Verbundenheit mit ihrem Ursprungsland und die Klangwelt eines Künstlers, der seit den Siebzigerjahren klingt wie kein anderer. Von Album zu Album stellt Micus andere Instrumente in den Fokus, ordnet sie neu an, erschafft Kombinationen, die es so noch nicht gegeben hat. Immer dabei ist Micus’ warme Stimme. In den Eingangszeilen wird die innere Grenzenlosigkeit des Menschen in Khalil Gibrans schönen Worten beschrieben. Micus macht sie hörbar.

Rolf Beydemüller

 

STEPHAN MICUS   – Nomad Songs


QUADRO NUEVO
Tango

(GLM Music/Fine Music, FM 196-2, go! quadronuevo.de )
Promo-CD, 15 Tracks, mit engl., dt. Texten u. vielen Fotos

Im Winter 2014 packt eines der bekanntesten deutschen Quartetts in Sachen Weltmusik wieder einmal die Instrumente ein und geht auf Reisen. Dieses Mal startet Quadro Nuevo jedoch nicht zur „Grand Voyage“, zu großflächiger musikalischer Rundtour, sondern begibt sich gezielt auf die Spuren des originalen Tangos, also direkt nach Buenos Aires, quartiert sich dort in einer alten Villa des Stadtteiles Boedo ein und inhaliert die Atmosphäre der Stadt. Quadro Nuevo galt viele Jahre als „die europäische Antwort auf den argentinischen Tango“. Mit diesem Album, dem bislang vielleicht wichtigsten der Bandgeschichte, legen die vier Musiker, neben Saxofon, Klarinetten, Kontrabass, Konzertharfe und Bandoneon ergänzt durch Chris Gall am Piano, nun ein beeindruckendes musikalisches Zeugnis einer Annäherung an das Fremde vor, brillant gespielt, ideenreich und zauberhaft transparent arrangiert, vor allem aber mit großer Bescheidenheit und ungeheurem Respekt. Tangoklassiker wie „La Cumparsita“, „El Dia Que Me Quieras“ oder „Por Una Cabeza“ erscheinen neben Eigenkompositionen wie „Casa De Los Sueños“ von Andreas Hinterseher (Bandoneon) oder „Buenos Aires Taxi Drive“ von D. D. Lowka (Kontrabass). Großartige Musik und unbedingt tanzbar.

Cathrin Alisch

 

QUADRO NUEVO – Tango


TALKING EARTH TRUST
Spirit of Colours – Et Flair von den Farwen

(Bee Records, go! www.beerecords.com , go! www.talkingearthtrust.de )
Do-CD, 30 Tracks, 54:31, plus CD-ROM Audio, 29:01, plus Video, 57:46, mit Fotos, dt. Infos u. Texten in verschiedenen Sprachen

Es ist keine Liebe auf den ersten Klang. Etwas chaotisch klingende Weltmusik mit schrägen Jazztönen und Rhythmen, die auch einem Nichttänzer nicht tanzbar vorkommen. Dann aber Klangfarbtupfer aus Rhythm and Blues, aus türkischer und indischer Musik und beim dritten Hinhören die Wahrnehmung, dass dort nicht nur auf Englisch gesungen wird, sondern auch auf Türkisch und Hindi – und auf Mosel- und Rheinfränkisch, nicht sehr gut verstehbar, aber doch vertraut. Was ist das? Roland Schmitt löste das Rätsel schon im Folker 6/1998: Der Saarländer Udo Redlich versammelte über hundert Musiker aus allen erreichbaren Einwandererkulturen um sich und brachte sie dazu, miteinander zu musizieren und dabei ihre jeweilige Musikkultur mit einzubringen. Diese so – aufgrund häufiger Fluktuation – immer wieder neu entstehende globale Musik unterlegten saarländische Ureinwohner mit Mundarttexten. Dadurch verbindet sich die Musik der weiten Welt mit der Sprache der Region, was ersterer zu neuen Wurzeln und letzterer zu neuer Weltläufigkeit verhilft. Wer offen ist für ungewohnte Hör- und bei den Videoclips auch Sehweisen, kann sich von diesen drei Scheiben inspirieren lassen für ein gelingendes Miteinanderspielen und -leben.

Michael A. Schmiedel

 

TALKING EARTH TRUST – Spirit of Colours – Et Flair von den Farwen

Update vom
02.09.2015
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