YASMIN LEVY * FOTO: TALI TAMAR

Es lebe die Traurigkeit

Yasmin Levy

Schöne neue Tangowelt



Plötzlich war sie da, diese Leidenschaft für den Tango. Er schmeichelte sich ins Ohr, brachte die Seele zum Weinen und verführte Yasmin Levy dazu, ihm Tag und Nacht Gesellschaft zu leisten. Sie litt und jubilierte mit ihm, sie atmete ihn ein und spürte ihn ganz tief in ihrem Inneren. Blind vor Leidenschaft habe er sie gemacht, süchtig nahezu, gesteht die Israelin. Kein Wunder, dass aus dieser intensiven Beziehung ein Album entstand: Tango.

TEXT: SUZANNE CORDS

YASMIN LEVY * FOTO: TALI TAMAR
Bis dato hat sich die Achtunddreißigährige vor allem der Ladinomusik gewidmet, jenen Jahrhunderte alten Liedern der sephardischen Juden, die einst aus Spanien flohen und diese mündlich von Generation zu Generation weitertrugen. Bei ihrem letzten Album Libertad experimentierte sie mit Flamenco und türkischer Musik, doch jetzt scheint sie endgültig ihre Bestimmung gefunden zu haben – den Tango. „Es ist wie die Liebe zu einem neuen Mann“, versucht Yasmin Levy ihre Gefühle in Worte zu fassen. Mehr noch: „Endlich bin ich in meiner Welt angekommen.“ So viel Begeisterung hat ihren Grund, denn die Israelin outet sich als Kind des Trübsinns. „Ich bin schon mit einer traurigen Seele geboren“, sagt sie. „Traurigkeit ist für mich ein Geschenk. Wenn ich traurig bin, bin ich glücklich. Und der Tango ist wie ich.“

» Wenn ich traurig bin, bin ich glücklich. «
Schon in jungen Jahren fühlte sich die kleine Yasmin alt, als habe man ihr die ganze Bürde dieser Welt aufgelastet. Doch genau dieses Gefühl weckt in ihr die schöpferische Ader. „Ich kann nicht arbeiten, wenn ich glücklich bin. Es klappt einfach nicht, egal wie oft ich es versuche.“ Jetzt endlich müsse sie sich nicht mehr rechtfertigen, dass sie traurige Lieder bevorzuge, endlich könne sie die Schuld auf den schwermütigen Tango schieben. Der Seelenschmerz ist ihr Sprachrohr, und daher ist es umso verwunderlicher, dass sie den Tango erst so spät für sich entdeckte. Und doch wieder nicht, denn die Musik verlangt Reife, hat die argentinische Sängerin Marilí Machado einmal gesagt: „Man lernt den Tango erst zu lieben, wenn man über dreißig ist. Um ihn zu verstehen, braucht man Lebenserfahrung. Leidenschaft, Sehnsucht, Schmerz, Trauer, Verlust: Es gibt eigentlich kein Thema, keinen Aspekt des Lebens, das der Tango nicht berührt.“ Ein ganz Großer dieser Kunst, Enrique Santos Discépolo, brachte es einst auf den Punkt: „Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.“

Ein Unbekannter war er nicht in Yasmin Levys Leben, denn schon ihre Mutter, die der Tochter die Ladinomusik in die Wiege legte, hatte eine Schwäche für den argentinischen Gesang aus Buenos Aires. „La Cumparsita“, vielleicht der bekannteste Tango überhaupt, begleitet die kleine Yasmin durch ihre Kindheit. Doch er erzählte nicht ihre Geschichte, ihre Wurzeln lagen im Judentum, im wehmütigen Ladinogesang.

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AKTUELLES ALBUM:
Tango (World Village/Harmonia Mundi, 2014)

COVER TANGO

Dass sie ihn jetzt doch singt, war die Idee ihres Ehemanns Ishay Amir. Der ist ein großer Fan des spanischen Romasängers Diego el Cigala, der in Flamenco-Kreisen zu den ganz Großen gehört und trotzdem eines Tages den Tango für sich entdeckte. „Du könntest das auch versuchen“, meinte Amir zu seiner Frau, als sie etwas Neues für ihr Repertoire suchte. Das war der Moment, in dem sie abtauchte, stundenlang den großen Namen lauschte und ihre Technik bewunderte: Carlos Gardel, José Razzano oder Roberto Goyeneche, in den 1950er-Jahren besser bekannt als „El Polaco“, der Pole. Besonders letzterer hat es Yasmin Levy angetan. Er war der Archetyp des Bohemien in der lokalen Musikszene von Buenos Aires, eine lebende Legende. Goyeneche war nicht nur Sänger, sondern auch Schauspieler, unter anderem in dem Epos Sur, bei dem Fernando Solanas Regie führte. „Wenn El Polaco ins Spiel kommt, kann man den Tango nicht nur hören wie bei anderen Interpreten, er macht ihn sichtbar“, so Yasmin Levy. „Für mich ist er der Inbegriff des Tangos, er hat mir seine Seele offenbart und war mein bester Lehrmeister.“

Trotz aller Begeisterung für das neue Genre hatte die Israelin zunächst Bedenken, mit dem Gesang in die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich musste Mut beweisen, denn es gibt viele großartige Tangosänger in Argentinien. Es ist nicht leicht, sich auf ihr Terrain zu wagen und mit ihnen zu konkurrieren. Der Tango ist heilig, und im Vorfeld habe ich schon einige Schelte einstecken müssen.“ Levy ließ sich trotzdem nicht abschrecken. „Das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass niemand die Lieder hören will“, sagt sie. „Aber ich musste auf mein Herz hören und mich dieser neuen Herausforderung stellen.“

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Update vom
22.10.2014
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