PLATTENPROJEKTE

Es gibt im Musikbereich immer wieder Veröffentlichungen, die den Rahmen herkömmlicher Produktionen inhaltlich wie vom Umfang her sprengen und deshalb einer ausführlicheren Betrachtung bedürfen, als dies in Form einer üblichen Rezension geleistet werden kann. Die Folker-„Plattenprojekte“ widmen sich in loser Folge solchen außergewöhnlichen Serien, Boxen, Sammlungen, Sondereditionen – bis hin zu vergleichbaren Unternehmungen wie etwa Internetprojekten, die auf physische Tonträger inzwischen zunehmend verzichten.


In diesem Heft schreibt RAINER BRATFISCH über


Black Europe – The Sounds And Images
Of Black People In Europe Pre-1927

Wer kennt heute noch den Song „Coon, Coon, Coon“, komponiert von Leo Friedman, mit einem Text von Gene Jefferson und gesungen von Lew Dockstader, einem Weißen mit geschwärztem Gesicht, in den USA immerhin der erfolgreichste Gesangstitel
Black Europe
des Jahres 1901? Im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts waren dort über sechshundert solcher „Coon Songs“, die ein rassistisch geprägtes stereotypes Bild der Afroamerikaner propagierten, auf dem Markt. Ein deutsches Pendant: „Hurrah, die Kameruner kommen!“ heißt ein „Kameruner Parademarsch mit humoristischem Text für Gesang nach Belieben“ von William Winterling, als Partitur für Orchesterstimmen und Piano zu zwei Händen verlegt von Julius Heinrich Zimmermann aus Leipzig zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Kamerun war von 1884 bis 1919 deutsche Kolonie. Missionare übersetzten deutsche Volkslieder in lokale afrikanische Sprachen. In „Deutsch-Ostafrika“ gab es sogar Askari-Blasorchester und Schulchöre. 1895 traten im Passage Panopticum in Berlin „50 wilde Kongoweiber“ auf, im Luna-Park in Berlin-Halensee war ein komplettes „Somalinegerdorf“ zu bestaunen – ein frühes Disneyland.

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DIVERSE:
Black Europe – The Sounds And Images Of Black People In Europe Pre-1927
(Bear Family Records, 2013) 44-CD-Box mit 2 Begleitbüchern (296 u. 356 Seiten)

Black Europe 1

Ethnologen nahmen in diesen Jahren die Musik zahlreicher exotischer Gruppen für das Berliner Phonogramm-Archiv auf. In der Zeit des Ersten Weltkriegs gingen sie in die Internierungslager und dokumentierten dort die Musik afrikanischer Kriegsgefangener. Das Archiv ist heute Teil der Abteilung Musikethnologie im Ethnologischen Museum und eine der weltweit bedeutenden Institutionen, in denen Tondokumente traditioneller Musik aus aller Welt gesammelt und aufbewahrt werden. Insgesamt umfasst es heute über einhundertfünfzigtausend Aufnahmen. Auch französische und britische Ethnologen dokumentierten die Musikkultur in ihren Kolonien.

Seit den Tagen der ersten Tonaufnahmen bis zum Ende der 1920er-Jahre haben Schwarze aus Afrika, aber vor allem auch aus Amerika, mit Musik, Sprechtexten und Tänzen entscheidend zur Herausbildung einer bürgerlichen europäischen Unterhaltungskultur in Europa beigetragen. Schwarze Musiker aus den USA konnten hier auftreten ohne die Einschränkungen, die ihnen die Rassentrennung zu Hause auferlegte. Natürlich: Auch in Europa gab es einen latenten Rassismus, oft mussten sie als „Nigger Song and Dance“ oder „Black and White“ (weil viele dieser Entertainer sich als „Kontrastprogramm“ eine weiße Partnerin suchten) auftreten. Tonstudios waren in den USA in dieser Zeit noch allein Weißen vorbehalten. In Europa aufgenommene Platten sind deshalb auch einzigartige Dokumente der frühen Musikgeschichte der USA. Bob Roberts, Ciro’s Club Coon Orchestra, das Savoy Quartet, The Versatile Four, James Reese Europe und andere spielten in London, Paris und auch in deutschen Großstädten eine Musik, die erst sehr viel später als Jazz ihren Siegeszug um die Welt antrat. Showelemente überlagerten oft die zweifellos vorhandenen musikalischen Werte. Musikalisch reichte die Palette von Minstrelsy, Ragtime und Music-Hall-Streichermusik, Spirituals, Stride Piano und Scat bis zum frühen Jazz.

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Update vom
25.06.2014
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