DIE ERSTE WOCHE IM AUGUST

SECHZIG JAHRE SIDMOUTH FOLK

WO ALLES ANFING

CHILTON HUNDREDS AUF DER ESPLANADE * FOTO: PAUL CLAYDEN

Sidmouth muss man sich so vorstellen: Man bewegt sich östlich von Exeter in der Umgebung von Orten mit typisch englischen Namen wie Budleigh Salterton, Ottery St. Mary oder Newton Poppleford. Bei letzterem kommt das Hinweisschild Richtung Sidmouth. Nach kurzer Fahrt über bewaldete Hügel dann freie Sicht: links der große Zeltplatz, rechts oben das Tanzzelt Bulverton Marquee und geradeaus etwa zweihundert Meter tiefer gelegen – das Meer. Und davor: Sidmouth! In dem normalerweise ziemlich beschaulichen Ortskern angekommen, befindet man sich sozusagen an der Wiege eines in mehrfacher Hinsicht einzigartigen Festivals.

TEXT: MIKE KAMP

Heute ist Alan Bearman die zentrale Figur der Sidmouth Folk Week. Der künstlerische Leiter ist ein Veteran des Festivals: Bereits 1987 stieg er als „Song Producer“ (so der offizielle Titel des Verantwortlichen für das Liedprogramm) in das Team ein. Er lässt eine einschneidende Krise um das fünfzigjährige Jubiläum des Festes noch einmal Revue passieren: „Die Open-Air-Arena mit ihren ungefähr sechstausend Plätzen war dem Risikofaktor Wetter voll ausgesetzt. Die Arena zog vor allem Tagesbesucher an, Touristen auch, die nur für einen Nachmittag oder Abend kamen. Bei schlechtem Wetter blieben die weg, und das beeinflusste die Einnahmen negativ, denn wir hatten dort eine sehr teure Bühne stehen. Nach 1997 gab es also ein paar schlechte Jahre, von denen wir uns erholen mussten. Als wir uns Richtung fünfzigsten Geburtstag bewegten, wurde uns bewusst, dass die Offiziellen der Stadt finanziell nicht mehr hinter uns standen. Also war klar: Noch ein schlechtes Jahr überleben wir nicht. Daher sagten sich die Verantwortlichen, die das damals alles größtenteils schon seit achtzehn Jahren durchzogen: Wir sollten mit dem fünfzigsten Festival aufhören. Und so kam es auch.“
» Selbst sechs Tage Regen
würden das Festival heute
nicht ausradieren.
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Die Gemengelage war in der Folge ein wenig unübersichtlich, es gab Vorwürfe von lokaler Seite ebenso wie von den Veranstaltern. Das Festival an und für sich wollte jedoch niemand sterben lassen, die lokalen Geschäftsleute wegen der zusätzlichen Einnahmen nicht und die treuen Besucher erst recht nicht. So tuckerte es ein paar Jahre auf Sparflamme, ohne zentrales Management jeweils eine Woche ohne Preis- und Terminabsprachen vor sich hin. Die Stadtväter sahen das Manko, sorgten wieder für schmale Managementstrukturen, und 2012 wurde Alan Bearman eingeladen, die künstlerische Leitung erneut zu übernehmen. „Das Verhältnis zur Stadt ist heute um vieles besser. Man hat verstanden, dass Sidmouth ohne das Festival etwas sehr Wichtiges fehlen würde.“
SESSION IM PUB * FOTO: GIUSEPPE CLARK
Die Open-Air-Arena ist Geschichte, und das hat die Richtung des Festivals ein wenig verändert. Die großen aufwendigen Tanzshows gibt es nicht mehr. „Die Hauptkonzerte finden heute im großen Zelt am Stadtpark Ham statt, das bestuhlt um die zwölfhundert Zuschauer fasst. Viel von dem Geld, das früher in die Arena investiert wurde, geht heute in die Produktion von Konzerten an kleineren Veranstaltungsorten. Wir organisieren immer noch an die siebenhundert Events in den acht Tagen, aber das Wenigste davon ist open air. Natürlich ist das Wetter weiterhin ein Faktor, aber selbst sechs Tage Regen würden das Festival heute nicht ausradieren.“
go! www.sidmouthfolkweek.co.uk

Die Sidmouth Folk Week findet 2014 wie gewohnt in der ersten Augustwoche statt, und zwar genau vom 1. bis 8. August.

Kirchen, Gemeindezentren, Hotels, Kneipen, diverse Zelte sowie das Klubhaus des Rugby- und das des Segelklubs dienen als Veranstaltungsorte für Konzerte und Workshops, während die Tanzvorführungen immer noch draußen auf der Esplanade, im Stadtzentrum oder im Bulverton Marquee stattfinden, mit einem Shuttlebus einfach zu erreichen. Es ist eigentlich in der ersten Augustwoche kaum möglich, dem Festival in Sidmouth zu entkommen. Selbst ohne einen Penny zu bezahlen, lässt sich die Festivalatmosphäre genießen, besonders bei Sonnenschein und dann mit Seesalzgeschmack. Der besondere Stolz der Festivalverantwortlichen ist die Vielfalt. „Wir decken ein breites Spektrum an Folkmusik ab, und das ist für diverse Altersgruppen interessant. Es kann passieren, dass irgendwo grauhaarige Damen und Herren ganz entspannt tanzen, während eine knappe Meile entfernt etliche Hundert Besucher unter fünfundzwanzig Jahren wesentlich energiegeladener zur Sachen gehen. Das wissen wir, das wollen wir, und entsprechend organisieren wir das Fest. Die Leute picken sich eben aus den siebenhundert Veranstaltungen das raus, was für sie von Interesse ist. So schafft sich jeder quasi sein eigenes Sidmouth.“

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Update vom
23.04.2014
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