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IRISH SOUNDS
Horslips

Folkrockhelden einer ganzen Generation

HORSLIPS

Und Musik verändert die Gesellschaft doch ...

„Die Horslips waren
echter Rock ’n’ Roll –
auf die irische Art.“

Seán Flynn, Irish Times

Sie waren die Pioniere des Folkrock in Irland, revolutionierten die dortige Musikszene von Grund auf, verschmolzen in kongenialer Weise irische Tradition mit Progressive Rock. Sie wurden mit Jethro Tull und The Grateful Dead verglichen, hinterließen Klassiker wie „Dearg Doom“ oder „The Man Who Built America“, inspirierten (und förderten) Größen wie U2, schrieben Plattengeschichte mit Konzeptalben wie The Táin oder The Book Of Invasions. Sie brachten den Rock ’n’ Roll in die (irische) Provinz, waren von politischer Relevanz, traten immer wieder in Nordirland auf, versammelten bei ihren Konzerten katholische und protestantische Fans friedlich unter einem Dach – und entgingen einem versuchten Anschlag ähnlich dem tödlichen auf die Miami Showband nahe Banbridge 1975 nur knapp.

Horslips Plakat 2009

Sie brachten in ihrer Musik uralte irische Legenden und Mythen einem jungen Publikum nahe und schafften es sogar selbst in die Literatur: Der Titel von Jennifer Johnstons Nordirlandkonflikt-Roman Shadows on Our Skin aus dem Jahr 1977 ist „Time To Kill“ von The Táin entlehnt, dem Roman ist zudem ein Zitat aus demselben Lied vorangestellt. Schriftsteller wie Pat McCabe, Joseph O’Connor oder John Kelly lassen sie in ihren Werken vorkommen. Sie waren kaum Mitte zwanzig als ihre Karriere begann, die zehn Jahre später auch schon wieder endete. Doch sie hinterließen mehr als nur eine große Fußspur, in gewisser Weise prägten sie eine ganze Generation – die Horslips.

Text: Stefan Backes

go! www.horslips.ie
go! www.johnnyfean.com
AUSWAHLDISKOGRAFIE:

Happy To Meet, Sorry To Part (Oats Records, 1972)

Happy To Meet, Sorry To Part

The Táin (Horslips Records, 1973)

The Táin

Dancehall Sweethearts (Oats Records, 1974)

Dancehall Sweethearts

The Book of Invasions – A Celtic Symphony (Horslips Records, 1976)

The Book of Invasions

Aliens (Horslips Records, 1977)

Aliens

The Man Who Built America (Horslips Records, 1978)

The Man Who Built America

The Belfast Gigs (Live; Horslips Records, 1980)

The Belfast Gigs

Roll Back (Horslips Records, 2004)

Roll Back

The Return of the Dancehall Sweethearts (DVD; Horslips Records, 2005)

The Return of the Dancehall Sweethearts

18.000 Iren beiderseits der Grenze, vornehmlich in ihren mittvierziger und fünfziger Jahren, begaben sich am 3. Dezember im Belfaster Odyssey und am 5. Dezember 2009 im Dubliner O2 auf eine Zeitreise in ihre Jugend. Nahezu drei Jahrzehnte nach ihrem letzten öffentlichen Auftritt wagten sich Barry Devlin, Charles O’Connor, Jim Lockhart, Johnny Fean und Eamonn Carr alias Horslips wieder für zwei exklusive Konzerte auf eine ausgewachsene Bühne. Wobei Drummer Carr, der als Nikolaus verkleidet erschien und frisch gepresste Platin-CDs für die geschickt im Vorfeld der Konzerte veröffentlichte Best-of-CD verteilte, sich die Anstrengung nicht mehr zutraute und Feans Bruder Ray den Platz hinter dem Schlagzeug überließ. Und die zwar in die Jahre gekommenen und dem Zusammenspiel entwöhnten Horslips konnten die großen Erwartungen tatsächlich erfüllen. Fünf Wochen intensive Proben reichten aus, um Publikum und Presse gleichermaßen zu überzeugen, die die gespielten Songs noch genauso ausdrucksstark und kraftvoll fanden wie früher, Vergleiche mit Led Zeppelin auf Irisch inklusive, und die Nostalgie spürten, die alle Beteiligten an diesen beiden Abenden zusammengeführt hatte. Seán Flynn schrieb in der Irish Times zwei Tage nach dem Dubliner Konzert: „Die Horslips sind weit gereist von der verschwitzten Atmosphäre der alten nationalen Boxhalle in die ausverkaufte moderne Hochglanzarena des Dubliner O2. Als Metapher für die Veränderung, die Irland in den letzten vierzig Jahren durchgemacht hat, könnte man Schlechteres verwenden.“ Und ergänzte: „In den Siebzigern streuten die Horslips ein wenig Sternenstaub auf ein graues, nach innen gekehrtes Dublin. Vergangenen Samstag versprühten sie erneut ihren Zauber zu einem Zeitpunkt, zu dem wir alle wieder gut etwas Sternenstaub gebrauchen können.“ Und spielte damit auf die aktuelle Wirtschaftskrise an. Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney – verheiratet mit Bassist Devlins Schwester Marie und in Dublin ebenso zugegen wie U2-Manager Paul McGuinness – ließ es sich nicht nehmen, von einer „triumphalen Rückkehr“ zu sprechen.

Barry Devlin beim Dreh zu The Return of the Dancehall Sweethearts

Rückblende. Als am selben Tag im Jahr 1969 die studierten Grafikdesigner Barry Devlin, Charles O’Connor und Eamonn Carr unabhängig voneinander ihren Dienst bei derselben Dubliner Werbeagentur antraten, ahnte wohl keiner der drei, was aus dieser geradezu schicksalhaften Begegnung hervorgehen sollte. Ein gutes Jahr später suchte die Firma eine Rockband für eine Bierwerbung, fand aber alle jungen Formationen, die greifbar waren, zu „pickelig“. „Wir hatten keine Pickel. Und spielten Instrumente“, sagt Devlin rückblickend. Bass, Gitarre und Schlagzeug waren vorhanden, fehlte nur ein Keyboarder, aber dazu fiel ihm sein für dessen extravagantes Whistle-Spiel bekannter Studienfreund Jim Lockhart ein, der zudem ein ausgewiesener und ausgebildeter Multiinstrumentalist war.

Der Werbespot für das irische Harp-Lager-Bier, den man daraufhin einspielte, ist heute leider verschollen, aber so zu tun, als seien sie eine Band, machte den vieren so viel Spaß, dass sie beschlossen, wirklich eine zu sein und ihre Werbejobs an den Nagel zu hängen. So konstituierte sich die vermutlich einzige einflussreiche Rockformation der Welt, die aus einem Werbespot hervorging. Den noch fehlenden Bandnamen fand man beim Essen im Lieblingschinarestaurant, als jemand „The Four Horsemen of the Apocalypse“ (engl. „die vier apokalyptischen Reiter“) in die Runde warf, was man schnell in das Wortspiel „The Four Poxmen of the Horselypse“ (engl. etwa „die vier pferdelippigen Pockenmenschen“) umfunktionierte – und da war er, der Name.

Das Jahr 1970 näherte sich inzwischen seinem Ende, nun galt es, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Als das erste geplante Konzert in Navan von priesterlicher Hand abgesagt wurde, weil das von O’Connor selbst entworfene Plakat den Zusatz „... and the afro-dizziac light show“ (engl. etwa „... und die afro-disische Lichtshow“) enthielt, bewies man bei der Verwertung dieses „Skandals“ bereits das vermarktungstechnische Geschick, das zu einem Gutteil auch zum späteren Erfolg beitragen sollte. „Priester verbietet Rockkonzert“ lautete die (selbst lancierte) Schlagzeile in den Zeitungen, und man hatte die Publicity, die man brauchte. Auftritte in einer Miniserie beim damals noch einzigen irischen Fernsehsender RTÉ taten ein Übriges.

Plakat Funky Ceilidhe

Aber das allein dürfte es nicht gewesen sein, was die Horslips in der Folge relativ schnell und scheinbar mühelos die Herzen der heranwachsenden Generation gewinnen ließ. Es schien geradezu, als hätte die irische Jugend nur auf diese Band gewartet. Wobei man nicht von heutigen Maßstäben ausgehen darf, Irland war Anfang der Siebzigerjahre noch sehr ländlich geprägt, hatte eine enorme Arbeitslosenquote, und Auswanderung prägte nach wie vor das gesellschaftliche Bild. Zum Zeitpunkt des EU-Beitritts 1973 war Irland ärmstes Mitgliedsland. Aus heutiger Sicht wenig spektakulär, fielen damals lange Haare, Glitzeranzüge und Plateauschuhe auf, selbst in Dublin, und wurden von konservativer Seite als geradezu blasphemisch betrachtet, während die irische Jugend im europäischen Vergleich großen Nachholbedarf hatte. Für sie waren die Horslips, die sich durch solch extravagante Kleidung aus der Masse auch der anderen Musikgruppen hervorhoben, geradezu revolutionär, im wahrsten Sinne des Wortes bahnbrechend. Die Band zeigte, dass es möglich war, anders zu sein, so zu sein, wie man wollte, die eigene Individualität zu leben. Und das unter Rückgriff auf urirische Motive, sowohl musikalisch als auch in den Inhalten ihrer Lieder.

Horslips First Single, März 1972

Denn es ging den fast ausnahmslos studierten und belesenen Musikern nicht einfach darum, eine allein den schnellen Erfolg suchende, zweitklassige Kopie englischer und amerikanischer Vorbilder abzugeben, sondern durchaus etwas Eigenes, Eigenständiges und vor allem Einheimisches zu schaffen, das mit ihnen selbst, den Menschen um sie herum und der eigenen Herkunft zu tun hatte. Sie nahmen daher Texte aus der keltischen Mythologie, fassten sie in zeitgemäße Worte und kleideten sie in Musik, die einerseits im eigenen Land selbst verwurzelt war, die sie andererseits aber auch neu interpretierten mittels des eher internationalen Idioms der Rockmusik. Was dabei die irischen Wurzeln betraf, war es sicher hilfreich, dass Jim Lockhart Musik studiert hatte, neben Tin Whistle und Keyboard auch Uilleann Pipes und Querflöte spielte und von den Visionen eines Seán Ó Riada inspiriert war, während Charles O’Connor – ein Engländer und somit der einzige Nicht-Ire in der Band – Erfahrung mit traditioneller Musik aus der Céilí-Band seines College in Middlesborough mitbrachte und Johnny Fean sich bei zahllosen Sessions in Limerick und Clare ein umfangreiches Repertoire erspielt hatte. Eine wichtige Quelle für die fünf war dabei die Sammlung O’Neill’s Music of Ireland, die die Notationen von über tausend traditionellen irischen Musikstücken enthält.

Charles O´Connor beim Dreh zu The Return of the Dancehall Sweethearts

Die Gralshüter der ehrwürdigen musikalischen Tradition schrieen Zeter und Mordio beim Anblick haariger, „unseriös“ gekleideter „Wilder“, die „heilige“ Instrumente wie Fiddle, Mandoline oder Bodhrán in die Hand nahmen, sie in in ihren Augen völlig unpassenden Zusammenhängen spielten und damit „Piraterie“ betrieben. Dabei waren die Horslips längst nicht die ersten, die der angestaubten traditionellen irischen Musik frischen Wind in die Segel bliesen: Besagter Seán Ó Riada, die Chieftains, die Dubliners oder auch Andy Irvine mit Sweeney’s Men hatten ihnen in den Sechzigern bereits den Weg geebnet. Und auf der anderen Insel waren Bands wie Fairport Convention oder Pentangle weit vor den Horslips aktiv in der Elektrifizierung indigener Folkmusik. Ihr entscheidender Beitrag aber war letztlich genau die Portion Glamour und der Hauch der großen, weiten Rockmusikwelt – mittels der Bühnenoutfits und bis dahin in Irland unbekannten Konzertelementen wie Lichtshow, Bühnennebel etc. -, der der irischen Jugend half, aus der Trost- und Perspektivlosigkeit der eigenen Wirklichkeit auszureißen, während die Band gleichzeitig identitätswahrend wie -stiftend agierte, indem sie musikalisch wie inhaltlich eben auf Elemente der irischen Überlieferung zurückgriff und diese in einen für damals junge Menschen begreifbaren und erstrebenswerten Kontext stellte. Dazu Seán Flynn noch einmal: „Die Horslips waren echter Rock ’n’ Roll – auf die irische Art.“

„Der größte Verdienst der
Horslips war es, den Iren
selbst Irland nähergebracht
zu haben, und was es bedeutet,
irisch zu sein.“

Johnny Fean

Damit waren sie im Prinzip für die komplette Zeit ihres Bestehens die einzigen in Irland, die Rock auf Basis traditioneller Musik spielten. Andere, wie Skid Row (mit Gary Moore), Thin Lizzy oder Rory Gallagher, kaprizierten sich fast ausschließlich auf bluesorientierten Rock oder blieben in Sachen Folk auf der rein akustischen Schiene, wie Planxty, die Bothy Band oder Tír Na Nóg. Es ist daher tatsächlich nicht zu leugnen, dass viele Jugendliche im damaligen Irland vor allem aus urbanen Zusammenhängen erst durch die Horslips an ihre eigene traditionelle Musik herangeführt wurden, die sie bis dahin eher verächtlich als unmodern, ländlich und zurückgeblieben betrachteten. Insofern ist der Beitrag der Horslips zur Wahrnehmung irischer Musik im eigenen Land in keiner Weise zu unterschätzen. Johnny Fean kommentiert dies auf seiner eigenen Website in scharfsinniger, selbstanalytischer Weise wie folgt: „Man könnte sagen, dass es der größte Verdienst der Horslips war, den Iren selbst Irland nähergebracht zu haben, und was es bedeutet, irisch zu sein.“

Horslips 1973

Anfang 1972 aber hatte die Band ihre endgültige Besetzung noch nicht gefunden. Neben einem kurzen Gastspiel des Bassisten Gene Mulvanney begann auch Ausnahmegitarrist Declan Sinnott mit zarten neunzehn Jahren seine musikalische Karriere bei den Horslips. Er griff anderthalb Jahre lang bei den Horslips in die Saiten und war beteiligt an der ersten Single, „Johnny’s Wedding“, die im März 1972 erschien. Heute ein nicht wegzudenkender Bestandteil der irischen Musikszene – er war Mitglied der Moving Hearts, arbeitete mit Dónal Lunny und Mary Black, produzierte viele namhafte irische Künstler und tourt nach wie vor mit seinem Freund Christy Moore –, wird er in einem Beitrag im Galway Advertiser vom August 2009 in Bezug auf seinen Ausstieg wie folgt zitiert: „Mit gefiel die Richtung nicht, in die es sich entwickelte. Der Erfolg und der Glamour des Ganzen standen mir zu sehr im Vordergrund.“ Letzteres attestiert auch Seán Flynn der Band in seinem Beitrag in der Irish Times: „In der Tat, das äußere Erscheinungsbild war den Horslips wichtig“, um jedoch im selben Atemzug zu ergänzen: „Das Ganze hatte aber auch eine gehörige Portion Substanz.“

Horslips 1973

Ein gewisser Chris de Burgh war vorübergehend als Gitarrist im Gespräch, die Geschichte aber, wie Johnny Fean dazustieß, ist erzählenswert. Ursprünglich einfach ein Fan, war der exzellente E-Gitarrist den anderen im Zusammenhang eines Auftritts bei einem Festival in Ballyvaughan im Südwesten aufgefallen, wo er selbst mit seiner damaligen Band Jeremiah Henry spielte. Als kurz vor einem großen, ausverkauften Konzert der Horslips im National Stadium – der Dubliner Boxhalle, eigens für Rockkonzerte im großen Stil ausgerichtete Spielorte gab es zum damaligen Zeitpunkt in Irland nicht – Sinnotts Nachfolger Gus Guest das Handtuch warf und man ohne den so wichtigen Mann an der Leadgitarre dastand, galt es, schnell zu handeln. Man erinnerte sich an Fean, und Charles O’Connor setzte sich in ein Taxi und fuhr damit den ganzen Weg von Dublin nach Limerick, wo der Gesuchte lebte, traf ihn zwar nicht an, weil dieser bei einer Session in Doolin weilte, hinterließ aber seine Nummer. Fean wollte kaum glauben, dass die „großen“ Horslips ausgerechnet ihn wollten, rief aber zurück und war wenige Tage später im National Stadium dabei – und blieb.

Johnny Fean beim Dreh zu The Return of the Dancehall Sweethearts

Hört man sich die ersten Alben der Horslips heute an, klingt das technisch nach tiefsten Siebzigern, mitunter nahezu altbacken, während Produktionen von zum Beispiel Jethro Tull oder Alan Parsons Project in Sachen Sound Mitte des damaligen Jahrzehnts schon ein gutes Stück voraus waren und durchaus Referenzcharakter besaßen oder neue Maßstäbe setzten. In Irland fehlte es zu der Zeit schlicht an hochwertigem Equipment und nicht zuletzt an finanziellen Mitteln. Als die Horslips 1972 ihr erstes Albums Happy To Meet, Sorry To Part aufnehmen wollten, gab es in ganz Irland kein einziges Aufnahmestudio, das den technischen Anforderungen an eine solche Rockproduktion gewachsen gewesen wäre. Das Risiko aber, nach London zu gehen und sich somit in den popmusikalischen Olymp zu wagen, war der Band zu groß. Barry Devlin: „Als Rock- oder Popband in Dublin hattest du zum damaligen Zeitpunkt ein sehr eingeschränktes Potenzial. Selbst die absolut beste Dubliner Band mit Ambitionen in Richtung England lief Gefahr, die absolut schlechteste Band in London zu sein.“ So mietete man kurzerhand das mobile Aufnahmestudio der Rolling Stones und zog sich in ein georgianisches Landhaus in der Grafschaft Tipperary zurück, um innerhalb drei Wochen das Debütalbum einzuspielen. Veröffentlicht im Dezember desselben Jahres, verkaufte sich Happy To Meet, Sorry To Part innerhalb zwei Wochen 35.000-mal in Irland, was auf der Insel Jahre später erst Abba überbieten sollte.

„U2 im Point Theatre oder
im Croke Park waren
kein Vergleich zu den
Horslips in Claremorris
an einem milden Sommerabend.“

John Waters, Journalist

In Michael Deeny fanden die Horslips bereits früh einen kongenialen Manager, der exzellentes geschäftliches Talent besaß und durch sein für die damalige Zeit einzigartiges Konzept der Band national wie international die größtmögliche Eigenständigkeit bewahrte, die in diesem Business zu erzielen war – auch das sicherlich ein mitentscheidender Aspekt für deren Erfolg. Man produzierte alle Alben auf dem eigenen, eigens dafür gegründeten Label Oats Records (später Horslips Records), entwarf sämtliche Cover, Plakate und sonstige Designs selbst – immerhin waren drei Bandmitglieder studierte Grafikdesigner -, und auch die Finanzierung geschah komplett aus eigener Tasche. Im Prinzip lief es so, dass man mittels Konzerttourneen die nötigen Gelder einfuhr, um ein neues Album zu produzieren, dass man dann benutzen konnte, um sich neue Märkte und damit Auftrittsmöglichkeiten zu erschließen. Dieser Kreislauf wurde nur in wenigen Fällen durchbrochen. Die Lizenzen verkaufte Deeny – der den psychologischen Vorteil eines leichten Sprachfehlers mitbrachte, der seinen Geschäftspartner es scheinbar erschwerte, ihn abzuweisen – dann zu oft erstaunlichen Konditionen (die teilweise selbst Größen wie die Rolling Stones nicht bekamen) an die großen internationalen Majors wie Atlantic Records oder RCA – eine zur damaligen Zeit absolut innovative und einzigartige Vorgehensweise.

Horslips 1974

Dessen ungeachtet aber waren die Horslips in allererster Linie eine Liveband, und ihr Einfluss wie ihre Anziehungskraft rühren weit mehr daher als aus ihren Plattenproduktionen. Was sie zudem in entscheidender Weise von anderen Rockbands unterschied, war, dass sie Irland komplett, auch bis in die entlegensten Winkel des Landes hinein bespielten. In den meisten Ortschaften standen damals an größeren Veranstaltungsräumen nur sogenannte „Ballrooms“ oder „Dancehalls“, scheunenähnliche Dorfhallen zur Verfügung, die vor allem den seit den Fünfzigerjahren hier populären Showbands als Spielorte dienten. Die irischen Showbands zeichneten sich dadurch aus, dass sie Standardtanznummern im Repertoire hatten und internationale Pophits aus den Bereichen Rock ’n’ Roll, Country oder Jazz coverten und somit eine breite Masse jüngerer wie älterer Menschen ansprachen. Ernsthafte Rockmusiker rümpften gegenüber solchen Hallen die Nase und wollten in keinster Weise mit den Showbands in einen Topf geworfen werden. Die Horslips aber betrachteten sich als „Band des Volkes“ und gastierten von Claremorris im Westen bis Termonfeckin im Osten, von Youghal im Süden bis Ardara im Norden nahezu in jeder Region des Landes, so gut wie immer vor ausverkauftem Haus. „Sie waren die erste Rockband, die Konzerte im ländlichen Irland gaben“, erinnert sich Michael Deeny. Und der Journalist und Schriftsteller John Waters kann ergänzen: „Ich habe U2 im Point Theatre gesehen oder im Croke Park vor begeistertem Publikum, aber das war kein Vergleich zu den Horslips in Claremorris an einem milden Sommerabend – allein die Vorfreude darauf, die gespannte Erwartung ...“

Nordirland gehörte für die fünf Musiker wie selbstverständlich dazu, und auch dort hat man bis heute eine große Fangemeinde – in beiden Lagern. Bei ihren Konzerten in Belfast, Banbridge oder Omagh standen die gegnerischen Bürgerkriegsparteien friedlich Seite an Seite und jubelten gemeinsam ihren musikalischen Helden zu, die sie beide für sich als irisch und als Teil ihrer eigenen Wirklichkeit betrachteten. Insofern kann man durchaus sagen, dass die Horslips einen Beitrag zum nordirischen Friedensprozess leisteten, auch wenn dessen tatsächliches Einsetzen noch zwei Jahrzehnte auf sich warten lassen sollte – immerhin setzten sie ein Zeichen. Denn selbst von dem brutalen Übergriff protestantischer Paramilitärs auf die Miami Showband 1975, bei der drei von deren Bandmitgliedern ums Leben kamen und der in der Folge viele Showbands aus der Republik davon abhielt, auf der anderen Seite der Grenze zu spielen, ließen sich die Horslips nicht abschrecken und tourten auch im Anschluss weiter regelmäßig durch die sechs zum Vereinigten Königreich gehörenden nördlichen Grafschaften.

Plakat Queen's University

Irland blieb die ganze Zeit während des Bestehens der Band der treuste und lukrativste Markt, auch wenn man mit dem zweiten Album den Wirkungsgrad jenseits der eigenen Landesgrenzen erweitern konnte. Mit The Táin legten die Horslips 1973 eines ihrer wichtigsten Alben überhaupt vor. Dabei handelte es sich um die Vertonung einer der bekanntesten und bedeutendsten Sagen der irischen Mythologie, dem Táin Bó Cúailnge (ir.-gäl. „Der Rinderraub von Cooley“). Mit diesem nun deutlich rockiger ausgerichteten Album und der Hitsingle „Dearg Doom“ landete die Band größere Erfolge auf dem britischen Markt, aber auch in Deutschland. Tourneen folgten. Hierzulande traf man Mitte der Siebziger eh auf ein dankbares Publikum, nachdem das keltische Folkrevival spätestens mit den Dubliners herübergeschwappt war und man eine besondere Vorliebe für Künstler aus Irland entwickelt hatte. Die Horslips reihten sich ein in die Riege der in Deutschland beliebten Acts wie Clannad, Planxty, die Fureys, die Chieftains und natürlich die Dubliners.

Dancehall Sweethearts von 1974, ein weiteres Konzeptalbum, basierend auf den Reisen des blinden irischen Harfenisten Turlough O’Carolan (1670-1738), konnte bei ähnlicher musikalischer Ausrichtung zwar an den Erfolg von The Táin anknüpfen und spielte im Titel wie auf dem Cover ironisch auf die zahllosen Gastspiele der Band in der irischen Provinz an, das nächste wegweisende Werk aber legten die Horslips erst 1976 mit The Book Of Invasions – A Celtic Symphony vor. Diesmal beschäftigte man sich mit dem sagenumwobenen mythischen Kriegervolk der Túatha Dé Dannan (ir.-gäl. „Danús Volk“), die von der keltischen Göttin Danú abstammen sollen. Dieses Album mit seinen Klassikern wie „Trouble With A Capital T“, „The Power And The Glory“, „Sword Of Light“ oder dem eindrucksvollen „King Of Morning, Queen Of Day“ wird noch heute gerne als Referenzalbum für „Einsteiger“ in den Klangkosmos der Horslips genannt und wurde damals für die ersten Gehversuche auf dem amerikanischen Markt genutzt, wo die Reaktionen aber zunächst zwiegespalten waren.

Jim Lockhart beim Dreh zu The Return of the Dancehall Sweethearts

The Book Of Invasions war zugleich Album eins einer Trilogie, die entscheidende Elemente der modernen irischen Psyche aufarbeitete, beginnend in der Vergangenheit, der irischen „Vor“-Geschichte gewissermaßen in Form des mythologischen Subtextes, was fortgesetzt wurde mit dem die Insel mehr als ein Jahrhundert bestimmenden traumatischen Aspekt der Auswanderung auf Aliens (1977) und seinen Abschluss fand in der Analyse des Irischseins im fremden Land auf The Man Who Built America (1978). Auch musikalisch machten die Horslips hier eine merkliche Entwicklung durch, die in gewisser Weise parallel zur inhaltlichen Ausrichtung der Alben lief, aber wohl auch von verkaufsorientierten Gesichtspunkten des sich wandelnden Musikmarktes geprägt war. Stand The Book Of Invasions noch deutlich im Zeichen der gewohnten Neuinterpretation traditioneller Musik mittels progressiv-experimentellen Rocks – nahezu jedem Stück darauf liegt eine überlieferte Melodie zugrunde –, zeigte sich Aliens bereits geradliniger und stärker auf ein internationales Publikum ausgerichtet, während The Man Who Built America schließlich sehr deutliche Zugeständnisse an den Mainstream machte und traditionell-akustische Elemente deutlich zurückschraubte zugunsten eines Hardrock, der zeitgemäßer und ganz offensichtlich auf den endgültigen kommerziellen Erfolg nun auch in Amerika ausgerichtet war.

Horslips, ca. 1976

Das tat der Qualität und dem Gehalt der Musik der Horslips zunächst keinen Abbruch, und die Strategie schien auch aufzugehen, denn die Nachfrage in den Staaten wuchs, doch sie lief der internen Entwicklung der Band zuwider, die sich bis dahin bei über zweihundert Konzerten im Jahr, der ständigen Neuproduktion von Alben, dem nahezu ununterbrochenen Zusammensein über Jahre hinweg verausgabt hatte und deren Mitglieder sich mehr und mehr voneinander zu entfernen begannen. Das Aufkommen von Punk und New Wave stellte zudem neue musikalische Herausforderungen, denen ein auch erschöpftes kreatives Kollektiv nicht mehr gewachsen war. Das letzte Studioalbum Short Stories, Tall Tales geriet somit nur noch zu einem müden Abklatsch dessen, was die Horslips bis dahin abgeliefert hatten, eine willkürliche Ansammlung letzter Lieder, die zum größten Teil verdeutlichten, dass die Band ihr musikalisches Potenzial erschöpft, den Beitrag zur (irischen) Musikgeschichte geleistet hatte, den sie hatte leisten wollen und den sie zu leisten imstande gewesen war. An diesem Punkt weiterzumachen, hätte bedeutet, sich selbst zu parodieren, und da lag es nahe, einen Schlussstrich zu ziehen. Im Frühjahr 1980 folgte eine letzte Tournee durch die USA, man produzierte noch eine Live-CD, und das letzte Konzert fand schließlich am 8. Oktober 1980 in der Ulster Hall in Belfast statt – ohne Vorankündigung der beschlossenen Auflösung. Charles O’Connor zerschlug am Ende demonstrativ seine Geige und warf sie ins verdutzte Publikum. Es hörte einfach auf. Nach zwölf Alben und über zweitausend Konzerten in knapp zehn Jahren verpufften die Horslips als physische Existenz im Äther der Musikgeschichte.

„Die Horslips erschienen
zu einem Zeitpunkt auf
der Bildfläche, als sie
dringend gebraucht wurden,
und verschwanden wieder,
als ihre Arbeit getan war.“

Maurice Linnane, Filmregisseur

Nur ihre Musik blieb, wenn auch zunächst auf eher dubiosen Pfaden. In den Wirren der Auflösung der Band, auch um diese zu finanzieren, verkaufte ihr Manager Jim Slye – der Deeny im letzten Drittel der Siebziger ersetzt hatte – sämtliche Rechte der Horslips-Mitglieder an ihren eigenen Liedern und Designs zu einem Spottpreis an ein nordirisches Label, das fortan zweitklassige Reproduktionen der Originale auf den Markt warf (oder solche lizensierte), und es dauerte fast zwanzig Jahre für die nicht mehr als juristische Einheit bestehende Band, um sich diese unter hohem finanziellen Aufwand vor Gericht zurückzuerstreiten.

Horslips, ca. 1977

Was ansonsten bis zur „triumphalen Rückkehr“ im Dezember 2009 geschah, lässt sich kurz zusammenfassen: Einige der Mitglieder, zunächst Fean und Carr mit den Zen Alligators, dann dieselben beiden plus Charles O’Connor mit Host, versuchten sich für kurze Zeit mit neuen Bands, ohne aber auch nur in irgendeiner Form an ihren Erfolg mit den Horslips anknüpfen zu können. Devlin brachte ein Soloalbum heraus, wurde aber schließlich Drehbuchautor und Regisseur, in erster Linie für Fernsehproduktionen, in den Achtzigerjahren unter anderem auch für Musikvideos von U2. Carr arbeitet seit langen Jahren als Journalist für Radio und Presse sowie als Musikproduzent. Jim Lockhart ist als Produktionsleiter bei RTÉ Radio beschäftigt. Charles O’Connor ging zurück nach England, führt dort zwei Antiquitätenläden und nimmt in seinem Heimstudio gelegentlich traditionelle und Folkmusik auf. Johnny Fean ist der einzige, der seitdem und nach wie vor seinen Lebensunterhalt als Vollzeitmusiker bestreitet, unter anderem gemeinsam mit Stephen Travers, einem ehemaligen Mitglied der Miami Showband, der den Anschlag 1975 überlebte. Ende 2004 kam man schließlich zum ersten Mal nach beinahe fünfundzwanzig Jahren anlässlich einer Ausstellung von Horslips-Erinnerungsstücken im nordirischen Derry wieder musikalisch zusammen, woraus ein Kurzauftritt bei der Ausstellungseröffnung resultierte sowie die Aufnahme einer neuen CD mit dem Titel Roll Back, die vor allem neu arrangierte akustische Versionen alter Klassiker enthielt (siehe Folker 2/2006).

Eamonn Carr beim Dreh zu The Return of the Dancehall Sweethearts

2005 produzierte Maurice Linnane eine aufschlussreiche filmische Dokumentation mit dem Titel The Return of the Dancehall Sweethearts (siehe ebenfalls Folker 2/2006), vor allem, aber nicht nur über die Horslips, sondern auch über ihre Zeit, das Irland der Siebzigerjahre, aus dessen Kontext sie nicht wegzudenken sind (und umgekehrt). Darin kommen unter anderem zahlreiche namhafte irische Zeitgenossen wie Bono und The Edge von U2, die Schriftsteller Pat McCabe und Joseph O’Connor oder Ex-Pogues-Mitglied Phil Chevron zu Wort. Letzterer stellt dabei in Bezug auf die Wirkung der Horslips auf die irische Gesellschaft fest: „Viele, die ich kannte und von denen ich wusste, sie waren Horslips-Fans damals, machten später Dinge, von denen sie vielleicht dachten, dass sie gar nicht möglich sind – bis sie eine Platte von den Horslips hörten ...“ Linnane selbst kommt mit seinem Film zu dem Schluss, dass die Horslips in einer Weise die irische Wirklichkeit prägten, wie es sonst einer Musikgruppe nur in den seltensten Fällen gelingt. „Manche sagen, die Horslips erschienen zu einem Zeitpunkt auf der Bildfläche, als sie dringend gebraucht wurden, und verschwanden wieder, als ihre Arbeit getan war. [...] Ihr Timing war auf jeden Fall perfekt ... Sie tauchten auf, gewannen uns für sich, produzierten eine Handvoll Musik, verschafften uns ein paar tolle Erinnerungen und waren auch schon wieder weg ...“ Quod erat demonstrandum.

Wo nicht anders angegeben, stammen die O-Töne und Zitate in diesem Beitrag aus Maurice Linnanes Film The Return of the Dancehall Sweethearts.


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Update vom
04.03.2010
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