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Exprompt

Das Dorf ist die Seele der russischen Musik

RUSSLAND
beim TFF Rudolstadt 2009

Nachbetrachtung eines Länderschwerpunkts

Jens Paul Wollenberg und Valeri Funkner

Dass staatlich inszenierte und massiv geförderte sogenannte Volksmusik- und Volkstanzprogramme in der damaligen Sowjetunion von den dortigen Folkies mit der gleichen Abneigung betrachtet wurden wie hierzulande Musikantenstadl à la Karl Moik oder Florian Silbereisen – das ist schon eine amüsante Vorstellung. Wirklich bedenklich wird es halt immer dann, wenn Musik – welcher Art auch immer – in den Dienst parteipolitischer Zwecke gestellt wird. Das ist hiesigen Volksmusikproduzenten wohl eher nicht vorzuwerfen, doch in Richtung Volksverdummung und dumpfer Abstumpfung geht die Reise allemal. Dennoch gab es auch in der Sowjetunion vor 1989 wirkliche, echte Volksmusikanten, wie zum Beispiel den ungeheuer populären Liedermacher, Schauspieler und Poeten Vladimir Vissotski, dessen Lieder und Texte millionenfach privat kopiert und im ganzen Land von Hand zu Hand weitergereicht wurden. Seine Inhalte waren eben keine gesungenen Parteiprogramme, sondern verständliche, kaum verschlüsselte Worte und dabei doch pure Poesie. Als er 1980 erst zweiundvierzigjährig starb, gaben ihm weit mehr als dreißigtausend Menschen das letzte Geleit. Sein Moskauer Grab wurde zur Pilgerstätte.

Text: Kai Engelke

Die russische Szene „alternativ“

Das TFF Rudolstadt zeigte mit seinem letztjährigen Länderschwerpunkt das Erwartbare und vermutlich auch das Machbare - großartige, im deutschen Umfeld bereits bekannte Musiker, die überwiegend im Grenzbereich zu Klassik, Jazz oder Pop ihre Erfolge feiern, aber wenige Entdeckungen. Der Folker hat sich auf die Suche nach ein paar alternativen Tipps für Neugierige an der Musikszene Russlands gemacht.

Text: Kerstin Hebell und Chris Elstrodt

Wahrscheinlich die bekannteste Folkrockband Russlands ist Melnitsa (russ. „Windmühle“). Gegründet 1999 von Natalia „Hellawes“ O’Shea, zuständig für Gesang, Texte, Harfe, und Alexej „Chus“ Sapkov, Gesang und Gitarre. Komplettiert wird das Instrumentarium durch Cello, Flöte, Geige und Rhythmusgitarre. Auf den letzten CDs ist die Band verstärkt worden durch E-Bass und Schlagzeug. Ursprünglich waren die beiden Künstler Sessionmusiker, die sich innerhalb ständig wechselnder Besetzung ausprobierten und dann zu einer regionalen Folkband – Till Eulenspiegel – stießen. Nach wiederholten Querelen mit deren Bandgründer entschied man sich für einen Neuanfang ohne ihn – Melnitsa entstand. Die Sprache ist Russisch, die für die Balladen verwendeten lyrischen Bilder erinnern an keltische, russische oder nordische Motivkreise, die in ein mittelalterliches Gerüst eingepasst werden. Da Natalia Hellawes mittelalterliche europäische Literatur und Kultur studiert hat, wirken die Eigenkompositionen wie Adaptionen uralter Erzählungen. Sie erhalten so eine scheinbare Authentizität, die viel Raum für sprechende Schlangenköniginnen, Werwölfe, Nachtmahre, Hexen und was wir sonst noch aus russischen oder nordischen Märchen oder Mythen kennen bietet.

Ähnlicher Thematiken nimmt sich die Gruppe Veter Vody an. Die drei Musiker erweisen sich durch permanenten Instrumententausch und -wechsel als Multiinstrumentalisten. Den stärksten Eindruck hinterlässt jedoch die sehr prägnante Sopranstimme Maria Larinas. Oftmaliger Wechsel zwischen akustischen und elektronischen Instrumenten eröffnen ihrer Musik eine Bandbreite, die ihnen einen Platz im Herzen russischer Folkfans sichert, sie aber gleichzeitig ins Vorprogramm von Blind Guardian oder anderer Metalbands bringt. Doch es geht auch traditioneller: Da Natalia Hellawes Liebe zur keltischen Musik bei Melnitsa zu wenig Raum hat, gibt es für Sehnsuchtsanfälle in diese Richtung seit 2003 den „keltischen“ Ableger Clann Lir, der Traditionelles dann auch in Gälisch daherkommen lässt. Keltisches bieten auch Telenn Gwad, hier sowohl in irischer als auch bretonischer Ausrichtung, wobei Initiator Oleg Boyko Adamovich, der von der klassischen Barockmusik her kommt, auch durchaus deren alte Instrumentenvarianten verwendet. Auch er fährt mehrgleisig: Er gründete ein vierköpfiges Kammerensemble und eine Rockband und verfasst darüber hinaus moderne Kirchenmusik. Die Gruppe Mervent sieht sich in bretonischer Tradition und ist ein weiterer Wegbereiter des keltischen Trends in der russischen Folklore. Man kann einwenden, dass dies ja nicht mehr russische Musik ist. Verzichtet man deswegen auf sie, beraubt man sich aber zum Teil ungewöhnlicher Hörerlebnisse, da hier mitunter Interpretationen verwendet werden, die so in ihren Ursprungsländern niemals zu hören sind.Beschäftigt man sich mit der Musikszene Russlands, kommt man über kurz oder lang auf das Thema Neofolk und Pagan zu sprechen. Ist diese Bewegung in Westeuropa ausschließlich Teil der Gothicszene, findet sie in Russland eine weitere Verbreitung. Gibt man Pagan in eine Musikvideosuchmaschine ein, stößt man schnell auf Videos, die Bilder des russischen Jugendstils mit Motiven der slawischen Vorzeit verwenden: alte russische Mythen, Helden muromezscher Prägung, blonde, zierliche Frauen und hölzerne slawische Götterstelen. Sie beschwören ein altes Russland herauf, in dem es noch echte Helden gibt, die kämpfen und trinken, ohne traurige „Opfer“ des Alkohols zu werden, die in die tiefen Wälder reiten, angetan mit Rüstungen oder russischen Trachten. Bilder, die Assoziationen wecken – nach dem Motto „Früher war alles besser“. Nun gibt es im Pagan- oder Neofolkbereich viele Bands, die wie Melnitsa wunderschöne, vielleicht auch ein wenig melancholische oder blutige Balladen verfassen. Das macht aber überhaupt nichts, ähnliches kennen wir ja von Garmana und generell aus der nordischen Folkszene. In Russland stößt Pagan jedoch zum Teil ins gleiche Horn wie der Staatsnationalismus, der zum Beispiel die Zarenzeit oder Peter den Großen neu verherrlicht. Das Genre idealisiert hier dementsprechend eine vorchristliche, slawisch geprägte Zeit. Die Pagan- und Neofolkbewegung, die sich in Westeuropa gerade von nationalistischen Ideen distanziert, scheint dies in Russland nur zum Teil zu tun. Für den nicht Russisch sprechenden musikbegeisterten Folkie bedeutet das leider, dass man sich unter Umständen auf ideologisch fragwürdiges Terrain begibt, wenn man lediglich der Musik folgt. Sich mit den russischen Texten auseinanderzusetzen, ist daher eine lohnenswerte Arbeit – Übersetzungen findet man zum Teil im Internet.

Russische Folklore in unseren Breitengraden, besonders wenn sie von bunt gewandeten Kasatschok- und Balalaika-Ensembles oder von Schlagersängern wie Ivan Rebroff oder Peter Orloff dargeboten wird, erzeugt meistens einen übertrieben gefühligen, sentimentalen Beigeschmack, wirkt letztlich unecht und kitschig. Ganz anders die Interpreten, die zum (längst überfälligen) Länderschwerpunkt Russland im vergangenen Jahr zum TFF nach Rudolstadt eingeladen wurden. Zum Beispiel der innovative Klangzauberer Oleg Kostrov. Der steht im Konzertzelt im Heinepark hinter seinen Keyboards, lächelt freundlich ins Publikum, dreht mit sparsamen Bewegungen an irgendwelchen Knöpfen, schiebt Regler hin und her, während sein Gitarrist Eduard Konovalov mit stoischer Mine auf seiner E-Gitarre schrammelt. Auf Zwischenansagen oder sonstige verbale Kontaktaufnahmen in Richtung Zuhörer verzichtet Kostrov völlig, ein Stück geht nahtlos ins nächste über, man weiß nicht: Spielt er gerade seine dritte oder achte Komposition? Lässt man sich allerdings auf die ziemlich gleichförmig dahinfließenden Töne ein, können sie durchaus eine nahezu hypnotische Wirkung entwickeln. Kostrovs Musik besteht aus gesampelten Geräuschen, Stimmen, Klängen und sonstigen elektronischen Sounds, die er zu einem ansprechenden, aber auf die Dauer – trotz der Fülle an unterschiedlichsten Tönen – auch etwas eintönigen Geflecht zusammenfügt. Mal klingt es nach Reggae, dann hört es sich an wie Polka, und zwischenzeitlich glaubt man, ein kleines Zirkusorchester zu hören. Als Filmmusik eignet sich Kostrovs Musik allemal. Tatsächlich hat er bereits die Soundtracks zu einer Reihe von Filmen und Theaterstücken komponiert. Und – nicht ganz unwesentlich – seine Rhythmen sind durchgängig tanzbar. Vor der Bühne im Heinepark drängen sich junge und nicht mehr ganz so junge Menschen und bewegen sich verzückt im Takt der freundlich-psychedelischen Klänge.

Tänzerinnen des Dmitri Pokrovsky Ensembles

Sozusagen am entgegengesetzten Ende der Ausdrucksskala russischer Musik steht das Dmitri Pokrovsky Ensemble, ein A-cappella-Chor auf allerhöchstem Niveau. Liedforscher und Musikethnologen waren die ersten Mitglieder dieses 1973 gegründeten Gesangsensembles. Sie reisten monatelang durch ganz Russland, um die traditionellen Lieder und Tänze, vornehmlich der Landbevölkerung, zu sammeln und auch selbst zu singen. Absolut beeindruckend, welch bombastische Fülle die zehn Sängerinnen und Sänger des Chores bereits während der allerersten Takte erzeugen, die sie während eines Workshops im alten Rudolstädter Rathaus erklingen lassen. Ohne lange Erklärungen integriert die Vorsängerin das gesamte Publikum in den hochprofessionellen Chor, und seltsamerweise klingt alles sofort harmonisch und noch gewaltiger. Die alte Faszination russischer Musik erfüllt den Raum und die Seelen der Teilnehmer.

Mervent

Das stärkste Musikerlebnis beim TFF 2009 war jedoch ohne Zweifel das überragende Quartett Exprompt, dessen Name sich aus dem Finnisch-Russischen herleitet und so viel bedeutet wie „aus dem Stegreif“ oder „Improvisation“. Doch Balalaikaspieler Alexej Kleshchenko fügt seiner Erläuterung sogleich die scherzhafte Bemerkung hinzu: „Jede Improvisation muss vorher fleißig geübt werden.“ Kleshchenko fasziniert das gebannt und konzentriert zuhörende Publikum im Rudolstädter Theater mit seinem gleichermaßen virtuosen wie entspannten Spiel. Atemberaubend ebenso die unglaubliche Fingerfertigkeit, mit der Ehefrau Olga Kleshchenko ihr Instrument, die dreisaitige Domra, bis an die Grenzen des Möglichen führt. Michail Totskij beherrscht das russische Knopfakkordeon, das Bajan, meisterlich. Ewgenij Tarasenko verleiht dem Quartett mit seiner Bassbalalaika nicht nur Fülle und zusätzliche Tiefe, immer wieder verdeutlicht er auch, dass dieses Instrument auch solo vortrefflich sein kann. „Russische Lieder klingen für deutsche Ohren immer melancholisch – egal, ob sie fröhlich oder traurig sind“, wundert sich Alexej Kleshchenko und fügt hinzu: „Aber wir haben auch richtig melancholische Lieder.“ Und dann spielt das Quartett eine Zigeunerweise, so schön – und dabei völlig kitschfrei –, dass so mancher Zuhörer feuchte Augen bekommt. Ein ungewöhnliches Konzerterlebnis, das vom Publikum zu Recht mit etlichen Zugabeforderungen und stehenden Ovationen belohnt wird.

„Russische Lieder
klingen für
deutsche Ohren
immer melancholisch -
egal, ob sie fröhlich
oder traurig sind.“

Alexej Kleshchenko
(Exprompt)

Quasi als Bindeglied zwischen Tradition und Moderne fungiert das Moscow Art Trio. Ist es Jazz, Folk, Avantgarde oder Weltmusik, was die drei Künstler in der Rudolstädter Stadtkirche am Flügel, auf dem Waldhorn, mit verschiedenen Flöten, absonderlichen Blasinstrumenten und vor allem auch mit ihren Stimmen zelebrieren? Völlig nebensächlich – es ist auf alle Fälle faszinierende Musik, die in keine Schublade passt. Die Beschränkung auf ein Genre würde ohnehin nur den Horizont verengen. Über längere Strecken kommen die Klänge scheinbar strukturlos daher, wie zufällig, bis sich irgendwann wieder ein gemeinsamer Rhythmus, ein gemeinsamer Klang, eine gemeinsame Stimme formt, um bald darauf auseinanderzustreben und sich schließlich wiederzufinden. Bei aller Lust am Experimentieren, am kreativen Zusammenfügen unterschiedlichster Klangmöglichkeiten – die Wurzeln des eigenen Tuns bleiben immer präsent. „Das Dorf war die Seele Russlands“, sagt Klarinettist und Stimmenkünstler Sergej Starostin, „dort sind die verschiedenen russischen Musikstile entstanden.“

Natalia 'Hellawes' O'Shea von Melnitsa

Die absurden, surrealen, von tiefschwarzem Humor geprägten Gedichte des russischen Poeten Daniil Charms, geboren 1905 in St. Petersburg, verhungert 1942 in einem Leningrader Gefängnis, erweisen sich bei genauerer Betrachtung als dokumentarische Fragmente einer grausig erlebten Wirklichkeit. Der Leipziger Chansonnier Jens-Paul Wollenberg, kongenial unterstützt von Valeri Funkner am Bajan, spricht und singt die Texte von Charms im Schminkkasten des Rudolstädter Theaters nicht nur, nein, er lebt sie. Wollenberg bringt die tragikomische Figur des russischen Dichters derart intensiv auf die Bühne, dass dem Publikum wiederholt der Atem stockt, und der Schweiß auf der Stirn so mancher Zuhörerin hat womöglich nicht nur etwas mit der Hitze des Rudolstädter Juliabends zu tun.

Oleg Kostrov

Eine Fantasiereise in die Tiefen der sibirischen Wälder, in die Einsamkeit einer gewaltigen Natur, wie sie hierzulande nicht mehr fühlbar ist, dazu das Pfeifen des Windes, Möwengeschrei – das boten meisterhaft die drei anmutigen Damen des Trios Ayarkhaan mit der Kunst ihres Maultrommelspiels. Und noch weitere Dimensionen schwangen mit: die einer langen Stammestradition sowie die einer uns völlig unbekannten Schamanenreligion.

Was bleibt vom Schwerpunkt Russland beim TFF 2009? Neben der endgültigen Erkenntnis, dass russische Folklore weit mehr ist, als Donkosaken und liebliche Balalaikaklänge, vielleicht die Vermutung, dass westliche Volksmusik eine wesentliche Bereicherung durch das verstärkte Einbeziehen der Kultur ländlicher Regionen erfahren könnte.


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Update vom
29.12.2009
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