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Das Comeback eines wilden Tanzes

PLANET POLKA

Nicht nur in Deutschland ist die Polka groß im Kommen

Polkas waren in Deutschland bisher nur im Musikantenstadl zu hören. Jetzt haben Rock- und Rootsbands wie die Polkaholix und HISS den Gute-Laune-Tanz entdeckt und verpassen ihm ein modernes Outfit. Sie treten damit in die Fußstapfen amerikanischer Vorbilder, die die Polka schon seit Längerem wieder auf die Tagesordnung gesetzt haben.

Von Christoph Wagner

Diskografie:
The Polkaholics:
Polka über Alles
  (www.thepolkaholics.com, 2006)

Polkacide:
Hardcore 2/4
  (Dog Patch Records, 2002)

HISS:
10 J Hiss - Live in der Scala
  (Scala Records, 2005)

DVD:
It’s Happiness - A Polka Documentary

  (ein Film von Graig DiBiase;
  Stun Productions, 2006)


go! www.thepolkaholics.com
go! www.hiss.net
go! www.polkacide.com
E

nde der Dreißigerjahre des 19. Jahrhunderts machte in Europa ein neuer Tanz von sich reden: die Polka! Der flotte Paartanz im Zweivierteltakt war ursprünglich in Böhmen entstanden und erwies sich bald als äußerst populär und verbreitete sich rasch. Galt die Polka noch 1837 in Prag als Novität, so zählte sie zwei Jahre später schon zum Allgemeingut. 1844 wurde Paris von der Polkawelle erfasst, wo ein Sturm der Begeisterung losbrach. Danach schwappte die Euphorie rüber nach London. In der Hauptstadt des britischen
HISS

Weltreiches wurde der neue Tanz von der besseren Gesellschaft aufgegriffen. Von den bürgerlichen Ballsälen der Städte sickerte er ins ländliche Milieu ein. Neben Walzern, Schottischen, One und Two Steps, Breakdowns und Hornpipes wurde die Polka Bestandteil des Repertoires der dörflichen Tanzmusikanten. Spätestens zwei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung hatte sich der neue Tanz durchgesetzt. Ganz Europa befand sich sozusagen im Polkafieber. „Kein Nationaltanz hat wohl binnen so kurzer Zeit die ganze Welt so im Fluge erobert wie die Polka“, zog die Wiener Allgemeine Musik-Zeitung 1845 ein erstes Resümee.

Die Faszinationskraft war so groß, dass klassische Komponisten den Tanz aufgriffen. Im Werk von Bedrich Smetana nimmt die Polka einen prominenten Platz ein. Der 1824 in Prag geborene Komponist hat mindestens dreißig seiner Klavierwerke als Polkas ausgewiesen, viele weitere enthalten Polkaelemente. Nicht zuletzt Smetana ist es zu verdanken, dass die Polka heute als tschechischer Nationaltanz gilt.

Die europäische Auswanderungswelle schwemmte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Polka nach Amerika. Der Tanz wurde überall dort heimisch, wo sich eine nennenswerte Zahl von Immigranten aus Mitteleuropa niedergelassen hatte. Viele wurden im Mittleren Westen ansässig, in den Bundesstaaten Wisconsin, Pennsylvania, Ohio, Illinois und Missouri, die schon bald als „polka belt“ bezeichnet wurden.

Polkacide

Chicago war eine Hochburg für Auswanderer aus Mitteleuropa. In der Metropole am Michigansee drückten bestimmte Volksgruppen den verschiedenen Vorstadtvierteln ihren ganz speziellen Stempel auf. Polen, Böhmen und Slowaken hatten sich am Südrand einquartiert. Die Hauptgeschäftsstraße von „Polish Chicago“ war die Devision Street, die auch „polnischer Broadway“ genannt wurde, weil sich hier über sechzig Bars, Tavernen und Gastwirtschaften befanden. In den meisten wurde regelmäßig Musik geboten. Dann schwelgte das Publikum bei den vertrauten Herz-Schmerz-Melodien in Erinnerungen an die alte Heimat. Neben Walzer und Oberek stand die Polka hoch im Kurs.

The Polkaholics

Neben dem amerikanischen Mittelwesten verfügte der Bundesstaat Texas über einen hohen Anteil an mitteleuropäischen Einwanderern. Deren musikalische Traditionen vermischten sich mit spanisch-mexikanischen Einflüssen. Von den Salons der wohlhabenderen Immigranten gelangte die Polka ins Milieu der texanisch-mexikanischen Unterschicht, wo sie einen raueren Anstrich erhielt. Bald wurden die zarten Saiteninstrumente durch das lautere und robustere Akkordeon ersetzt, das heute der Tex-Mex-Polka ihren charakteristischen Klang verleiht. Der südtexanische Stil erlangte in den 1960er Jahren durch Doug Sahm und sein Sir Douglas Quintet und in den 1970er Jahren durch Ry Cooder und Flaco Jimenez weltweit Bekanntheit, ein Erbe, das heute die Brave Combo fortführt.


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