Beim diesjährigen TFF.Rudolstadt bekommt Achim Reichel für seine CD Volxlieder den Weltmusikpreis in der Kategorie „Deutsche RUTH“. Die Preisvergabe an Reichel und die im vergangenen Jahr in weiten Bereichen fast unbemerkt gebliebene Wiederkehr des deutschen Volkslieds - jenseits der Männerchöre und Volksmusikantenstadel - sind Anlass für den Folker!, einen genaueren Blick auf die Interpretinnen und Interpreten aus Pop, Jazz, Klassik, Folk, Schlager bis hin zur improvisierten Musik zu werfen, die sich 30 Jahre nach dem ersten Deutschfolkrevival erneut auf musikalische Spurensuche in der deutschen Volksliedtradition begeben haben.
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1974 kann als das Stichjahr des ersten deutschen
Folkrevivals gelten: Tom Kannmacher war noch als Solist unterwegs,
bevor er mit Jürgen Schöntges zum Duo fusionierte, und Krauts
Zupforchester hatte sich gerade in Elster Silberflug umbenannt, um
seinen Hang zum Haschischkraut zu kaschieren. Fiedel Michel zogen in
immer größer werdenden Kreisen ums Münsterland. Auch die
Nachkriegskonstanten Hein & Oss waren dabei, als ein erstes
kleines Festival in Moers diese Deutschfolkmusiker zusammen brachte.
Das erste Revival ging aus einer Szene von Liedermachern und
Liedersängern hervor, die - nach dem Vorbild des amerikanischen
Folkrevivals - ihre kommentierenden Stellungnahmen zum Zeitgeschehen
auch in die Geschichte führten, auf der Suche nach demokratischen
Liedtraditionen, die die Nazizeit und die Zensur der romantischen
Volksliedsammler überstanden hatten. Die Nationalsozialisten hatten
den Begriff des „Volks“ ins Groteske überdehnt und das Volkslied
korrumpiert, für nationalstaatliche Interessen vereinnahmt. Die
„Deutschfolker“ wollten das kulturelle Vakuum überbrücken und einen
neuen Anschluss an die eigenen Musiktraditionen ermöglichen.
Diese Liederwelle war eingebettet in eine politische Kultur. Es
brauchte wohl eine politisch engagierte Szene, um den Rückgriff auf
deutsche Traditionen zu ermöglichen. Diese Musikszene war Teil einer
neuen Bewegung, die tief in den Alltag hineinragte: mit
Wohngemeinschaften, Müsli und politischem Widerstand, mit Auftritten
auf selbst organisierten Festivals, in selbst verwalteten Jugend-,
Kultur- und Bürgerzentren und einem Netz von Bürgerinitiativen, die
auf lokaler Ebene und auch bundesweit z. B. bei der Verhinderung der
Atomkraftwerke erfolgreich waren. Um 1980 ebbte das Interesse an den
musikalischen Ausgrabungen ab und die neue deutsche Welle schuf eine
populäre deutschsprachige Musik.
Von Birger Gesthuisen
Abgesehen von Ausnahmeerscheinungen wie Liederjan, die
ununterbrochen auf dem Volksliedsektor tätig waren, dauerte es fast 25
Jahre, bis wieder vermehrt deutsche Volkslieder gesungen wurden. Die
neuen Protagonisten zeigen sich von ihrem Ausflug selbst am meisten
überrascht. Die bislang englisch singende Bobo stellte im letzten Jahr
bei der Podiumsdiskussion zu diesem Thema in Rudolstadt fest: „Ich
bewege mich sonst in ganz anderen Gefilden. Da redet niemand über
Volksmusik.“ Das Vokalsextett Singer Pur - Echopreisträger im Bereich
Klassik des Jahres 2005 - bat schon vier Jahre zuvor zahlreiche
Arrangeure um ihre Mitarbeit. Mit großer Resonanz: Aus einem Berg von
kunstvollen Bearbeitungen wählten sie 22 Lieder von 17 verschiedenen
Arrangeuren aus. Die Sängerin Anke Jochmaring von Tritorn wuchs
wiederum mit amerikanischen Jazzstandards auf, bevor sie 1998 an der
Berliner „Hanns-Eisler“-Hochschule für Musik auf deutsche Lied- und
Chansontraditionen aufmerksam gemacht wurde. Auch Deitsch und Achim
Reichel verbrachten offensichtlich viel Zeit für die Recherche. So
zeugen im Booklet von Reichels aktueller CD viele kompetente
Anmerkungen von weit reichenden Nachforschungen. Als er in den 60er
Jahren mit den Rattles im Vorprogramm der Beatles auftrat, sang er in
Englisch, ohne die Sprache zu verstehen. Heute stellt er fest: „Wenn
da was von innen kommen soll, dann sollte dies in der Sprache
stattfinden, in der man träumt, in der man zu Hause ist.“
Beide Revivals grenzen sich nicht nur klar von rechten
Volkstumsbewahrern ab, für beide war/ist es ein wichtiges Motiv,
dieses Gefühl einer kulturellen Enteignung zu überwinden, das die
Nazis hinterließen, und einen selbstverständlichen Umgang mit diesen
Musiktraditionen keinesfalls den Neonazis zu überlassen. So stellt
Reinhard Repke vom Club der toten Dichter fest: „Wir haben diese
schöne deutsche Sprache und holen uns damit auch ein Stück Deutschland
zurück. Wir sollten den Rechten die Fahne wieder wegnehmen.“ Vor 25
Jahren hätte ein Ensemble zum letztjährigen Heine-Jubiläum (150.
Todestag) sicherlich auf dessen poetisch-politisches „Deutschland -
ein Wintermärchen“ zurückgegriffen. Der Club der toten Dichter
vertonte das romantische Buch der Lieder mit stimmungsvollem
Blues und Soul. Das ist typisch für diese neue Welle, denn die heutige
musikalische Rückbesinnung ist unpolitisch. Mit einer Ausnahme: der CD
März 1920 von den Grenzgängern und Frank Baier mit vielen
historischen Liedern, die - wie auch Achim Reichels
Volxlieder-CD - im letzten Jahr den Vierteljahrespreis der
deutschen Schallplattenkritik erhielt. Dabei gäbe es heute sicherlich
noch weit mehr Anlässe für politische Lieder als vor 30 Jahren. So
spiegelt das zweite Revival in seiner Politikverdrossenheit auch die
derzeitige Stimmungslage in Deutschland wieder.
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