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Beim diesjährigen TFF.Rudolstadt bekommt Achim Reichel für seine CD Volxlieder den Weltmusikpreis in der Kategorie „Deutsche RUTH“. Die Preisvergabe an Reichel und die im vergangenen Jahr in weiten Bereichen fast unbemerkt gebliebene Wiederkehr des deutschen Volkslieds - jenseits der Männerchöre und Volksmusikantenstadel - sind Anlass für den Folker!, einen genaueren Blick auf die Interpretinnen und Interpreten aus Pop, Jazz, Klassik, Folk, Schlager bis hin zur improvisierten Musik zu werfen, die sich 30 Jahre nach dem ersten Deutschfolkrevival erneut auf musikalische Spurensuche in der deutschen Volksliedtradition begeben haben.

Revival mit Politikverdrossenheit

(K)ein schöner Land

Die heimliche Rückkehr des deutschen Volkslieds

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auswahldiscographie

Ein Dutzend + 1 wichtige Neuerscheinungen
mit deutschen (Volks-)Liedern

Bobo: Lieder von Liebe und Tod (Traumton, 2007)
Club der Toten Dichter: Das Buch der Lieder
   - Gedichte von Heinrich Heine neu vertont

   (ZuG-Records/Buschfunk, 2006)
Degas / Weiser: Heimat - Von fern so nah.
   Loreley liebt Tropicalia
(Piranha, 2006)
Deitsch: Königskinder
   (artes-records/Rough Trade, 2005)
Evelyn Fischer: Die Gedanken sind frei
   (Koch/Universal, 2007)
Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung:
   Volksmusik (Versöhnungsrecords, 2007)
Achim Reichel: Volxlieder Die Grenzgänger & Frank Baier: März 1920
   (Müller-Lüdenscheidt-Verlag/Conträr, 2006)
Achim Reichel: Volxlieder (Tangram/Indigo, 2006)
Schöneweile: Volume I (Sony/BMG, 2006)
Singer Pur: SOS - Save Our Songs.
   Deutsche Volkslieder neu arrangiert

   (OehmsClassics, 2006)
Singphoniker: Deutsche Volkslieder
   (OehmsClassics, 2006)
Tritorn: Sonne, Mond und Sterne (NRW, 2007)
Zentralquartett: 11 Songs - Aus teutschen Landen
   (Intakt, 2006)

Weitere interessante Produktionen:
Arbeit: An den deutschen Mond (Textxtnd/CMS, 2004)
Furiopolis: Dornröschenwecker (Westpark, 2005)
Dieter Ilg Trio: Folk Songs (Jazzline, 1997/Fullfat, 2006)


 

1974 kann als das Stichjahr des ersten deutschen Folkrevivals gelten: Tom Kannmacher war noch als Solist unterwegs, bevor er mit Jürgen Schöntges zum Duo fusionierte, und Krauts Zupforchester hatte sich gerade in Elster Silberflug umbenannt, um seinen Hang zum Haschischkraut zu kaschieren. Fiedel Michel zogen in Achim Reichel immer größer werdenden Kreisen ums Münsterland. Auch die Nachkriegskonstanten Hein & Oss waren dabei, als ein erstes kleines Festival in Moers diese Deutschfolkmusiker zusammen brachte. Das erste Revival ging aus einer Szene von Liedermachern und Liedersängern hervor, die - nach dem Vorbild des amerikanischen Folkrevivals - ihre kommentierenden Stellungnahmen zum Zeitgeschehen auch in die Geschichte führten, auf der Suche nach demokratischen Liedtraditionen, die die Nazizeit und die Zensur der romantischen Volksliedsammler überstanden hatten. Die Nationalsozialisten hatten den Begriff des „Volks“ ins Groteske überdehnt und das Volkslied korrumpiert, für nationalstaatliche Interessen vereinnahmt. Die „Deutschfolker“ wollten das kulturelle Vakuum überbrücken und einen neuen Anschluss an die eigenen Musiktraditionen ermöglichen.

Diese Liederwelle war eingebettet in eine politische Kultur. Es brauchte wohl eine politisch engagierte Szene, um den Rückgriff auf Anke Jochmaring deutsche Traditionen zu ermöglichen. Diese Musikszene war Teil einer neuen Bewegung, die tief in den Alltag hineinragte: mit Wohngemeinschaften, Müsli und politischem Widerstand, mit Auftritten auf selbst organisierten Festivals, in selbst verwalteten Jugend-, Kultur- und Bürgerzentren und einem Netz von Bürgerinitiativen, die auf lokaler Ebene und auch bundesweit z. B. bei der Verhinderung der Atomkraftwerke erfolgreich waren. Um 1980 ebbte das Interesse an den musikalischen Ausgrabungen ab und die neue deutsche Welle schuf eine populäre deutschsprachige Musik.

Von Birger Gesthuisen

Abgesehen von Ausnahmeerscheinungen wie Liederjan, die ununterbrochen auf dem Volksliedsektor tätig waren, dauerte es fast 25 Jahre, bis wieder vermehrt deutsche Volkslieder gesungen wurden. Die neuen Protagonisten zeigen sich von ihrem Ausflug selbst am meisten überrascht. Die bislang englisch singende Bobo stellte im letzten Jahr Bobo bei der Podiumsdiskussion zu diesem Thema in Rudolstadt fest: „Ich bewege mich sonst in ganz anderen Gefilden. Da redet niemand über Volksmusik.“ Das Vokalsextett Singer Pur - Echopreisträger im Bereich Klassik des Jahres 2005 - bat schon vier Jahre zuvor zahlreiche Arrangeure um ihre Mitarbeit. Mit großer Resonanz: Aus einem Berg von kunstvollen Bearbeitungen wählten sie 22 Lieder von 17 verschiedenen Arrangeuren aus. Die Sängerin Anke Jochmaring von Tritorn wuchs wiederum mit amerikanischen Jazzstandards auf, bevor sie 1998 an der Berliner „Hanns-Eisler“-Hochschule für Musik auf deutsche Lied- und Chansontraditionen aufmerksam gemacht wurde. Auch Deitsch und Achim Reichel verbrachten offensichtlich viel Zeit für die Recherche. So zeugen im Booklet von Reichels aktueller CD viele kompetente Anmerkungen von weit reichenden Nachforschungen. Als er in den 60er Jahren mit den Rattles im Vorprogramm der Beatles auftrat, sang er in Englisch, ohne die Sprache zu verstehen. Heute stellt er fest: „Wenn Club der toten Dichter da was von innen kommen soll, dann sollte dies in der Sprache stattfinden, in der man träumt, in der man zu Hause ist.“

Deutsche Romantik als gemeinsamer Nenner

Beide Revivals grenzen sich nicht nur klar von rechten Volkstumsbewahrern ab, für beide war/ist es ein wichtiges Motiv, dieses Gefühl einer kulturellen Enteignung zu überwinden, das die Nazis hinterließen, und einen selbstverständlichen Umgang mit diesen Musiktraditionen keinesfalls den Neonazis zu überlassen. So stellt Reinhard Repke vom Club der toten Dichter fest: „Wir haben diese Deitsch schöne deutsche Sprache und holen uns damit auch ein Stück Deutschland zurück. Wir sollten den Rechten die Fahne wieder wegnehmen.“ Vor 25 Jahren hätte ein Ensemble zum letztjährigen Heine-Jubiläum (150. Todestag) sicherlich auf dessen poetisch-politisches „Deutschland - Schöne Weile ein Wintermärchen“ zurückgegriffen. Der Club der toten Dichter vertonte das romantische Buch der Lieder mit stimmungsvollem Blues und Soul. Das ist typisch für diese neue Welle, denn die heutige musikalische Rückbesinnung ist unpolitisch. Mit einer Ausnahme: der CD März 1920 von den Grenzgängern und Frank Baier mit vielen historischen Liedern, die - wie auch Achim Reichels Volxlieder-CD - im letzten Jahr den Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik erhielt. Dabei gäbe es heute sicherlich noch weit mehr Anlässe für politische Lieder als vor 30 Jahren. So spiegelt das zweite Revival in seiner Politikverdrossenheit auch die derzeitige Stimmungslage in Deutschland wieder.


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im Folker! 3/2007