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Jeannie Robertson - The Great |
Lesetipps: Henderson, Hamish. Alias MacAlias: Writings On Songs, Folk And Literature. Polygon, 1992, 331 S. ISBN 0-7486-6042-9 Porter, James and Herschel Gower. Jeannie Robertson: Emergent Singer, Transformative Voice. Tuckwell Press, 1995, 357 S. ISBN 1-898410-84-4 |
Sie war Sängerin der muckle sangs („big songs“),
der großen schottischen Balladen und sonstiger Lieder. Mit Aufnahmen und
Interpretationen von „My Son David“ oder „The Bonnie Wee Lassie Who Never
Said No“ veränderte sie die Geschichte schottischer und britischer
Balladenkunst und -kunde. Der Folksänger, Liedermacher und Dramatiker Ewan
MacColl, Sohn schottischer Eltern, hatte sie bereits 1954 in einem Artikel
im Daily Worker als „Aberdeener Hausfrau und größten Balladensänger
Schottlands“ eindeutig klassifiziert (er verwendete tatsächlich nicht die
weibliche Form). Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass Jeannie Robertson
eine echte, majestätische Ausstrahlung und Kunstfertigkeit hatte, der man
nur selten im Leben begegnet. Es ist kaum Zufall, dass ihre Biographie den
Titel Jeannie Robertson: Emergent Singer, Transformative Voice
trägt.
Von Ken Hunt
Als ich einen Essay über Jeannie Robertson im Oxford Dictionary of
National Biography ( www.oxforddnb.com) schrieb, stellte sich
bei den Recherchen heraus, dass einige Details in ihrem Lebenslauf nicht
ganz stimmten. Zur Klarstellung: Jeannie Robertson wurde am 17. April 1908
als Regina Christina Stewart in der March Lane - ungewöhnlich, aber in
ihrer Geburtsurkunde steht keine Hausnummer - in Aberdeen geboren. Der
genaue Geburtsort hieß Jack’s Brae. In der dortigen Mundart des
Scots, der mit dem Englischen verwandten Sprache Schottlands (nicht mit
Gälisch zu verwechseln), sind braes Gassen, die zum Flussufer
hinunter führen. Später, nach ihrer Ehe, hieß sie Christina
Jane Robertson, Christina Jeannie Robertson Higgins und auf der Bühne
Jeannie Robertson. Kompliziert? Es kommt noch schlimmer.
Robertson war das jüngste Kind einer Familie mit drei Söhnen und zwei
Töchtern. Ihr Vater war Donald Stewart (ca. 1870 bis ca. 1908/09) und ihre
Mutter Maria Stewart (ca. 1880 bis ca. 1950). Beide Seiten ihrer Familie
waren so genannte schottische „Traveller“. Ganz wichtig ist hier die
Unterscheidung zwischen „Traveller“ und „Gypsy“. Im Englischen sollte man
das Wort auch besser mit großem „T“ (statt „traveller“ mit kleinem)
schreiben, wenn es um das fahrende Volk geht, um Verwechslungen mit
Handelsreisenden oder New-Age-Travellers zu vermeiden. Als Mädchen und als
junge Frau lernte Jeannie Robertson die Traveller-Folklore, also Lieder und
Geschichten (wie z. B. „Silly Jack And The Factor“ auf der CD Scottish
Traditional Tales, Vol. 17) im Sommer am Lagerfeuer oder im Winter im
Aberdeener Zuhause kennen. Alles richtete sich nach den Jahreszeiten. Im
Sommer waren die Traveller meist unterwegs - daher der Ausdruck „Summer
Walkers“ -, um Süßwasserperlen zu fischen (nie auszufischen!) oder in
Blairgowrie beim so genannten berry picking Himbeeren zu ernten.
Robertsons Vater hatte einen Spitznamen. Er hieß „Sodjer“ („Soldat“) Donald, weil es einfach zu viele Donalds bei den untereinander verbandelten Clans Cameron, Croll oder Croall, MacPhee, Robertson und Stewart gab. Doch schon früh in Jeannie Robertsons Leben ereignete sich der tragische Umstand, dass ihr Vater beim Militär ums Leben kam. Wie es zu dem vermutlichen Unfall kam, ist der Familie nie richtig mitgeteilt worden, oder es ist ihnen zumindest nicht klar in Erinnerung geblieben. Später heiratete Jeannies Mutter dann einen James Higgins.
In der Schule in Blairgowrie (Perthshire) traf die sechsjährige Jeannie
Donald „Donty“ Higgins (1907-1971), der später ihr Ehemann werden sollte. Es
war, wie zu vermuten, eine kleine Welt. Der 14 Monate ältere Mann war der
Großneffe ihrer Mutter. Und jetzt wird es erst richtig kompliziert. Denn
nach dem Tod seiner ersten Ehefrau heiratete Dontys Vater Jeannies ältere
Schwester Lizzie Ann. Wenn nun Donty Jeannie heiraten wollte, hätte ihn das
gleichzeitig zum Sohn und zum Schwager seines Vaters gemacht. Herschel Gower
und James Porter stellen das in ihrer Biographie als eine Form von Inzest
dar. Das war es mitnichten, wie mir ein Verwandter von Jeannie Robertson
versicherte. In den überschaubaren Kreisen der Traveller habe es viele
solcher engen Familienverbindungen gegeben.
Wahr ist, dass Donty Higgins und Jeannie Robertson ausrissen, um zu heiraten. Die Hochzeit fand am 3. September 1927 in der St. Mary’s Cathedral in Aberdeen statt. Dontys Beruf wurde dabei als „pedlar“ eingetragen. In der Behördensprache bedeutete das so viel wie „Kesselflicker“ oder „Zigeuner“. Anlässlich der Hochzeit nahm Jeannie einen neuen Namen an. Das gab es bei den Travellers häufig, und so wurde sie zu Christina Jane Robertson. Sie war als Katholikin getauft und blieb dieser Religion Zeit ihres Lebens treu, obwohl Messe und Sakramente für sie immer wenig Bedeutung hatten.
1939 begann die letzte Blütezeit der Traveller und ihrer Balladenkultur. Jeannie Robertson gehörte dazu. Ironischerweise trug dafür Deutschland eine gewisse Mitverantwortung. Als die Luftwaffe anfing, die schottische Ostküste zu bombadieren, machten sich die Traveller nämlich schnell aus dem Staub. Und zu dieser Zeit galt sie als die Stimme der Traveller. Im Bereich „Up the Dee and down the Don“ - beides Flüsse - war Robertson die ungekrönte Königin. Nur gibt es leider keine entsprechenden Aufnahmen, denn damals galten die Traveller noch „sozialer Abschaum“.
Das begann sich 1953 zu ändern. Der schottische Folklorist, Poet und
Übersetzer Hamish Henderson von der School of Scottish Studies hörte von
einem gewissen Bobby Hutchinson, dass es da eine besondere Sängerin geben
solle. Ein oder zwei Generationen früher wäre Robertson zwar wahrscheinlich
auch als erstaunlich bezeichnet worden, denn sie sang und wusste viel, aber
sie hätte auch einer großen Konkurrenz gegenüber gestanden. Im Jahr 1953
jedoch war sie einzigartig. Nachdem Henderson sie gefunden und seine
„Entdeckung“ an die Öffentlichkeit gebracht hatte, kamen Volksliedsammler
wie Peter Kennedy, Alan Lomax und Jean Ritchie eilends mit ihren Magnacord-
und Ferrograph-Aufnahmegeräten herbei.
In den darauf folgenden zehn Jahren nahm sie für Riverside, Collector, EMI, Topic, Prestige International und Caedmon auf und machte Radiosendungen. Norman Buchan und Ewan MacColl organisierten Konzerte. Alles das festigte ihren Ruf. Wenn sie z. B. „Little Matty Groves“ sang, hatte sie immer zwei Versionen zur Hand, je nachdem, ob die Aufführung lang oder kurz sein sollte. Sie hatte ihre Kunst in langsameren Zeiten perfektioniert und galt als die meistaufgenommene Scotssprecherin.
Jeannie Robertson starb am 13. März 1975 in Aberdeen. 1968 wurde sie mit dem britischen Verdienstorden Order of the British Empire für ihre Verdienste um die traditionelle Musik ausgezeichnet. Ihre wahre Bedeutung aber besteht in dem Einfluss, den sie hatte und immer noch hat. Man braucht nur an Leute wie Martin Carthy, Archie Fisher, Ray Fisher, Andy Hunter, Ewan MacColl, Clive Palmer, Jean Redpath oder Robin Williamson zu denken. Oder an Robertsons eigene Familie, als da wären Carmen Higgins, Lizzie Higgins, Nichole Robertson und Stanley Robertson ...
Eine Liste der exklusiv auf der Folker!-Webseite erschienenen Artikel findet
ihr im Archiv.
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