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Maza Meze (Westpark Music, 2000) |
unterwegs: 16.01.07: Kassel, Schlachthof 17.01.07: Jena, Rosenkeller 18.01.07: Halle, Objekt5 19.01.07: Ansbach, Kammerspiele 20.01.07: Erlangen, E-Werk 21.01.07: Regensburg, Leerer Beutel |
Bislang schipperte die Multikultiband von Kölns
rechter Rheinseite auf ihren Alben am liebsten in afrikanischen und
orientalischen Gefilden herum. Exotische Boote auf den ersten vier CD-Covern
der Schäl Sick Brass Band standen als Symbol für Mobilität
und Reise. Auf ihrer aktuellen CD Prasti Music sind die Boote im
Hafen geblieben. Stattdessen stolzieren zwei bleichhäutige Hirsche
über grüne Flur. Die Band ist eine andere geworden, die Musik
auch. Zumindest in gewisser Hinsicht. Lieder von Schweden bis Usbekistan
werden kredenzt, stilsicher intoniert von Anna Lindblom, der neuen
schwedischen Sängerin der Band. Und die bleibt ihrer eigentlichen
Herkunft wie immer treu: der „Schäl Sick“. Gemäß
ihrem Motto: Global denken - lokal blasen.
Von Sylvia Systermans
Die Schäl Sick Brass Band ist reiseerprobt. Mehr als einmal hat sie
sich auf den Weg gemacht, weit über den rheinischen Tellerrand hinaus
bis nach Marokko und Slowenien, Ungarn und in die Türkei. 2004 ging es
auf dreiwöchige Tour durch den Nahen Osten: Iran, Libanon, Syrien,
Jordanien, Ägypten, Israel und Palästina. In direkter
Tuchfühlung mit der anderen Kultur, unter Bedingungen, die schon
manchmal an den Nerven zerrten. Die SSBB ist nicht die erste Band, die sich
nach einer solchen Tour einer besetzungstechnischen Verjüngungskur
unterzogen hat. Der bislang radikalste Einschnitt in der 15-jährigen
Bandgeschichte, erinnert sich Udo Moll: „Vorher war es so, dass immer
nur ein einzelner Musiker gegangen ist und dafür dann ein neuer kam. Da
waren es auf einmal mehrere, die gleichzeitig weggefallen sind, und mehrere,
die dann mehr oder weniger gleichzeitig neu dazugekommen sind.“
Die vier neuen Mitglieder sind die Klarinettistin Annette Maye, der Posaunist Matti Muche, der Schlagzeuger Mirek Pyschny und die Sängerin Anna Lindblom. Vom alten Stamm sind nach wie vor der Tubist Joachim Gellert, Trompeter Udo Moll und - last but not least - Bandleader Raimund Kroboth dabei. Der Wahlkölner aus Bayern hat bei allen Veränderungen seine obligatorische Samtkrone nie aus der Hand gegeben. Ist Prasti Music ein indirekter Reflex auf die Reise in den Nahen Osten? „Die Reise war für uns eher der Abschluss einer Phase. Der neue Anfang kam danach. Und diese Platte ist ganz klar ein Produkt dieses Neuanfangs.“ Für die Band ein großer Schritt nach vorne. „Für mein Gefühl hat sich musikalisch vor allem die stilistische Ausrichtung deutlich geändert. Der Sound ist moderner, transparenter, internationaler geworden. Allein schon durch die Änderung in der Besetzung. Vor dem Wechsel gab es zwei Saxophone und zwei Blechbläser. Jetzt spielen wir mit Tuba, Trompete, Posaune und einer Klarinette. Das klingt einfach kammermusikalischer, schlanker. Die Saxophone erinnern immer gleich so ein bisschen an 70er Jahre Soul. Das ist jetzt eigentlich ganz weg. Es ist für mich vom Sound her viel aktueller.“
Kroboth, der alle Stücke für die Band arrangiert, nimmt die neue
Besetzung als Chance: „Ich kann nicht sagen, dass mir Saxophone gerade
fehlen, ich kann auch nicht sagen, dass mir Saxophone nicht gefallen haben.
Aber das Beste an dem Sound finde ich, dass er tatsächlich
transparenter ist; auch ein bisschen chaotisch, und das gefällt mir,
weil plötzlich bewegt man sich in einer neuen Richtung, und viele sagen
dann: ‚Was ist denn jetzt los? Ist ja irre, dass ihr euch immer wieder
neu erfindet.‘“
Seit gut einem Jahr weht Anna Lindblom nordischen Wind durchs musikalische
Konzept. Stilistische Kursschwankungen, wie es sie immer schon gegeben hat,
wenn eine neue Sängerin zur Band stieß, etwa als sich Mitte der
90er Jahre Maryam Akhondy aus dem Iran der Schäl Sick Brass Band
anschloss oder Iwanka Iwanowa mit ihrer durchdringenden Stimme dem
Brasssound eine balkaneske Note verlieh. Jetzt zeigt die Kompassnadel also
gen Norden. Natürlich in bandeigener Manier. „Prasti“, das
Titelstück der neuen CD, ist symptomatisch für den Stil des
jüngsten Machwerks: Auf eine bulgarische Melodie ließ die
Schwedin Anna Lindblom von ihrer brasilianischen Kollegin Myriam Chebabi
einen portugiesischen Text dichten. „Also, diese Reiseroute ist schon
ein bisschen chaotisch, muss man sagen“, räumt Raimund Kroboth
freimütig ein. Fans kommen aber bei diesem Album voll auf ihre Kosten.
Denn wieder hebt die Schäl Sick Brass Band leichten Mutes
volksmusikalische Klischees aus den Angeln, paart usbekische Folklore mit
portugiesischer Lyrik, türkische Baglama mit böhmischer Waldzitter
und tanzbaren Sounds aus dem Computer. Ein gelungener Multikultimix aus
skandinavischer Schwermut, orientalischen Grooves, jazzigen Kaskaden und
einem ironischen Schuss bayerischer Volksmusik. Und wer zur schillernden
Mixtur weitere Farbnuancen beisteuern konnte, wurde für die Produktion
als Gast eingeladen, wie die griechische Sängerin Kristi Stassinopoulou
und der Sänger Andreas Grötzinger aus Schweden, der
Bouzoukispieler Mustapha Zekirov aus Mazedonien, der türkische
Percussionist Fethi Ak, der polnische Geiger Radek Stawarz und der
Akkordeonist Martin Kübert aus hiesigen Gefilden.
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