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Kate & Anna McGarrigle (Warner, 1976) |
Während die Geschwister Martha und Rufus Wainwright im Triumphzug gleich mehrmals im Jahr die Welt umrunden, geht es für deren Mutter und Tante, die legendären Kate & Anna McGarrigle etwas beschaulicher zu. Kleiner, aber auch feiner. Womit sie denn auch völlig zufrieden sind. Und wir ebenfalls. Obwohl ...
Von Christian Beck
Wenn das nichts über die Welt im 21. Jahrhundert sagt - und darüber, wie der Kapitalismus mit tödlicher Sicherheit das im Zweifelsfall eher Banale dem wahrhaft Großen vorzieht! Voll sind die Kulturteile der Lautsprechermedien von Kates Sohn Rufus Wainwright - offenbar talentiert, aber alles andere als geschmackssicher. Voll sind sie von dessen Schwester Martha Wainwright - von den Musen deutlich flüchtiger geküsst als das Bruderherzchen, dafür aber um so besser dabei mit einer ebenfalls wenig geschmackssicheren Attacke in Songform gegen beider Vater, Loudon Wainwright III („Bloody Mother Fucking Asshole“). Voll sind sie womöglich gar von ebendiesem Herrn Papa - als Singer/Songwriter mit starkem Hang zum topical song zwar zu Recht legendär, aber auch längst ebenso vergessen. Nur nach den beiden Sonnen am Sternen- und Sternchenfirmament der Wainwrights und McGarrigles, nach Kate & Anna McGarrigle, kräht jenseits der Spezialisten- und Liebhabermedien vergleichsweise kaum mal ein Hahn.
Es geraten den beiden ewigen jungen Sonnenscheinchen aus dem kanadischen
Québec aber natürlich auch solch lächerliche Auswüchse der dominanten
Hypekultur des Westens nur zu einem weiteren Indiz ihrer Größe: Grämen sie
sich über die unterschiedlichen Dimensionen? Niemals! Kämen sie auf eine
solch irdisch-kindische Idee wie Eifersucht - gar auf die eigenen
Sprösslinge? Dass sie nicht lachen! Im Gegenteil, so auch kürzlich beim
Konzert in der intimen Hall Two des spektakulären neuen Musikzentrums The
Sage Gateshead in Newcastle Gateshead. Ohne sich lange fragen zu lassen,
kommen sie bei passender Gelegenheit im Verlauf eines heiter-entrückten
Hausmusikabends voller gleichsam magischer Momente gleich selbst auf das
Thema zu sprechen - und es ist ihnen ja schließlich auch selbst eine Freude:
Ja, Sohnemann und Neffe Rufus wird auch bald in diesen heiligen Hallen
gastieren, zusammen mit Schwesterherz Martha - und zwar im Unterschied zu
Frau Mama und Tante in der großen Hall One! Beschwere sich keiner, er hätte
es nicht gewusst.
Frei von jeglichen Animositäten hatten sich Kate & Anna McGarrigle
auch im vergangenen Frühjahr beim Gespräch in Berlin gezeigt. Auf
Interviewtour zur Promotion ihres aktuellen internationalen Albums La
Vache Qui Pleure („die Kuh, die weint“ - weil man ihr immer die Kälber
nimmt: siehe Wahl der Folker!-CD des Jahres in diesem Heft) hatten
sie, ganz anders als so manch vergleichbare/r Künstler/in, keinerlei
Probleme damit, außer über sich selbst auch über die Sippschaft zu sprechen
- inklusive der Frage, ob der spezielle Erfolg einzelner Mitglieder manchmal
auch ein Problem für die jeweils anderen sei. „Ich freue mich sehr für ihn“,
sinnierte Kate damals über Sprössling Rufus, und es passt da ganz
offensichtlich tatsächlich kein Blatt zwischen die Generationen. „Er liebt,
was er tut. Tut, was er immer tun wollte. Er hat hart dafür gearbeitet. Ist
mit Leib und Seele dabei. Er betet es an. Er liebt Musik! Er betet Musik
einfach an. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der Musik so sehr liebt.“
Und die Tante fügte hinzu - ebenfalls ohne auch nur einen Anflug von Ironie:
„Der ist von nichts und niemandem zu stoppen, wissen Sie ...“
Von nichts und niemandem zu stoppen waren und sind auch Kate & Anna McGarrigle. Ob sie sich bei den Aufnahmen zu ihren ersten beiden Alben in den 70ern gelegentlich plötzlich allein mit dem Toningenieur im Studio wiederfanden - Produzentenlegende Joe Boyd (Pink Floyd, Fairport Convention, Nick Drake, Maria Muldaur ...) machte sich, wie sie sich mit schallendem Lachen erinnern, auch schon mal mitten in den Sessions aus dem Staub, um ein Mädchen zu treffen ... - oder ob, wie man aus interessierten Veranstalterkreisen hört, eine Deutschlandtour derzeit einfach aus Mangel an öffentlichem Interesse nicht zustande kommt, während Sohn Rufus und Tochter Martha gleich mehrmals im Jahr durch hiesige Lande ziehen. „Ich kenne Kinder, deren Eltern größere Stars sind als wir, und es ist schwieriger für die Eltern und die Kinder gleichermaßen. Aber wir waren ja nie so groß, und entsprechend waren auch unsere Egos nie so riesig. Wir sind glücklich, wenn wir Musik machen können, Musik erschaffen ...“
So nahmen sie zu den Boyd-Zeiten zu Beginn ihrer Plattenkarriere eben die
Produktion auch einmal selbst in die Hand, unter anderem indem sie eine
zweite 16- oder 24-Spur-Maschine - wer kann sich an so etwas schon noch
erinnern - an den Start brachten, um Gesangsspur auf Gesangsspur zu legen,
bis hin zu hohen Fs, die sie - Annas Wort drauf („You never do it
again!“) - später nie wieder sangen. Und was ihre Tournee- und
Plattenaktivitäten betrifft, da sind sie im Zweifel ohnehin bereits mit den
Aktivitäten vor der eigenen Haustür zufrieden. So entstand letztlich etwa
auch das aktuelle Album - aus der Notwendigkeit heraus, dem Publikum bei
ihren zahlreichen Auftritten auf dem Circuit frankophonener Festivals und
Kulturhäuser zu den wohlvertrauten Klassikern wie „Complainte Pour Ste.
Catherine“ vom legendären Debütalbum Kate & Anna McGarrigle
endlich auch einmal wieder ein paar neue Songs zu präsentieren.
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