Informationen über das Festival und eine mögliche Neuauflage im kommenden Jahr finden sich auf ![]() |
![]() (Auswahl)
Die CD Es war in Schanghai kann |
„Turm um uns sich türmt / Tod dem der dich schuf“, erklang
es auf der Schreberwiese im Kölner Friedenspark. Zwischen den Sängerinnen
und Sängern in blauen Takeljacken und Kniebundhosen, sang einer mit, dessen
Augen ein wenig mehr leuchteten als die der anderen Musiker: Jean Jülich,
einer der überlebenden Kölner Edelweißpiraten. Rund 20 Bands und einige
weitere „Epis“ trafen sich bei dem vom alternativen und multikulturellen
Karnevalsverein Humba organisierten Festival, um die alten Lieder neu zu
interpretieren und der Jugend von heute zugänglich zu machen. Rund 5.000
Besucher kamen, hörten und feierten bei bestem Sommerwetter auf fünf Bühnen
im weitläufigen Parkgelände - eine späte Anerkennung für die überlebenden
Epis.
Von Ralf Bittner
Das Festival war ein Ergebnis des Ausstellungsprojektes „Von Navajos und
Edelweißpiraten - Unangepasstes Jugendverhalten im Köln 1933 bis 1945“. Bei
den Vorbereitungen wurde klar, welch hohen Stellenwert damals das Singen und
Musizieren in den Jugendgruppen hatte - ob als Träger der NS-Ideologie in
der HJ oder aber auch als Identitätsstiftung in oppositionellen
Jugendgruppen. Hier wurden überlieferte Lieder der verbotenen bündischen
Jugend, Schlager oder Umdichtungen des offiziellen HJ-Liedgutes gesungen.
Jan U. Krauthäuser, künstlerischer Leiter des Musikprojektes „Es war in
Schanghai“ und Sprecher des Festivalteams, erklärte das Anliegen so: „Die
Jugendlichen von heute sollen dort abgeholt werden, wo sie stehen, um ihnen
den Zugang zu den oft schwer vermittelbaren Themen der NS-Zeit zu
erleichtern.“ Die Mitglieder des Vorbereitungskreises trafen sich mit
überlebenden Edelweißpiraten und baten sie, ihre Lieder für eine CD
einzuspielen. Diese wurde an Kölner Musiker mit der Bitte verteilt, sie auf
ihre Weise neu zu interpretieren. Heraus kam die CD Es war in
Schanghai, mit 18 Stücken zwischen Rock, Pop, Reggae,
lateinamerikanischen Rhythmen, Rap und dem von Jean Jülich interpretierten
Titelstück.
Die Rolle der Kölner Edelweißpiraten und ähnlicher Gruppen im Dritten
Reich war in der Bundesrepublik lange umstritten. 1944 wurden vier von ihnen
- 16 und 17 Jahre alt - in Köln-Ehrenfeld hingerichtet. Bis 1984 wurden
Edelweißpiraten bei den Entschädigungsbehörden als Kriminelle geführt, 1988
wurde ihnen bescheinigt, dass die zwar keine Kriminellen gewesen seien, aber
auch keine Widerstandskämpfer. Erst am 16. Juni 2005, zehn Tage vor dem
Festival, wurden die vier Hingerichteten vom Kölner Regierungspräsidenten
Jürgen Roters offiziell als Widerstandskämpfer anerkannt - 60 Jahre nach dem
Ende der NS-Diktatur, während der die NS-Organe zunächst versuchten, die
unangepassten Jugendgruppen durch Verbot ihrer Aktivitäten zu unterdrücken,
wie etwa durch Fahrtenverbote. Opfer dieses Vorgehens waren unter anderem
auch Hans Scholl, seine Geschwister und Willi Graf. Die späteren Mitglieder
der „Weißen Rose“ wurden bereits 1937 und 1938 wegen Fortführung der
verbotenen Bündischen Jugend verhaftet. „Schließ Aug und Ohr“, eines der im
Kreis der „Weißen Rose“ populären Lieder wurde für die CD von Tanja i
Towarischi eingespielt, die leider beim Festival nicht dabei war.
Ein Thema der Edelweißpiratensongs war im Land der Reisebeschränkungen die Sehnsucht nach der Ferne. So erhält das Lied „Wenn die Sirenen in Hamburg ertönen“ - auf der CD in zwei Versionen vertreten - den musikalischen Gruß „Rio de Janeiro, ahoi, Caballero“. Aus dem damals unerreichbaren Südamerika kommt ein Teil von La Papa Verde. Die Band nahm sich das Lied „Wir waren schon hier und dort“ vor, nicht zuletzt wegen seines kosmopolitischen Charakters. Einige der aus Chile, Mexiko, Kolumbien und Deutschland stammenden Musiker haben selbst Odysseen, Flucht und Vertreibung hinter sich und wissen, welche Beschränkung ein ungesicherter Aufenthaltsstatus und die damit verbundenen Einschränkungen der Reisefreiheit bedeuten.
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