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Samba Pra Burro (Trama, 1998) |
Er gehört zur Avantgarde der brasilianischen Musikszene, die sich einerseits gerne im Fundus der reichen Folklore bedient, andererseits aber neue Akzente setzen möchte. Er ist musikalischer Trendsetter, Nietzsche-Fan und einer, der gerne gegen Windmühlen kämpft. Sein Name ist Otto, und er weiß genau, was er will: eines Tages im Jenseits mit anderen Musikern jeden Tag wilde Partys feiern und trommeln bis in alle Ewigkeit.
Von Suzanne Cords
Früher war er wohl das, räumt Otto Maximiliano Pereira de Cordeiro Ferreira
ein, was man in Brasilien einen malandro nennt: ein
Überlebenskünstler, der in den Tag hinein lebt und dessen Hauptbeschäftigung
das Nichtstun ist. Am liebsten verbrachte Otto seine Zeit mit Freunden am
Strand, trank eisgekühltes Bier, schaute Bikini-Mädchen hinterher, rauchte
Maconha und philosophierte im Kreis Gleichgesinnter über das Leben.
Eigentlich hatten ihn seine Eltern aus dem kleinen Städtchen Belo Jardim im
Hinterland Pernambucos in die Hauptstadt Recife geschickt, damit er was
"Anständiges" lernte. Doch die bloße Vorstellung, nach dem Abschluss der
Mittelstufe noch weitere fünf Jahre auf der Universität die Schulbank zu
drücken, trieb ihn fast in den Wahnsinn. Dann doch lieber das Leben
genießen. Und ab und zu Musik machen, denn die Batucada, das Trommeln, hatte
es ihm angetan. Schließlich ist Otto dort aufgewachsen, wo die Wiege der
brasilianischen Volksmusik steht: Maracatú, Forró, Baião, Ciranda, Frevo,
Arrastrado und die Verse der Repentistas, jener Musiker, denen man ein paar
Worte an den Kopf wirft und die aus dem Stegreif eine kleine Geschichte dazu
reimen und entsprechend musikalisch untermalen. Die Idole der
camponêses, der Bauern, waren Luiz Gonzaga oder Jackson Pandeiro,
Männer, die im typischen Gewand Lampiãos mit breiten Krempenhütten ihre
Musik machen. Lampião ist im Nordosten ein Held, er war eine Art
brasilianischer Robin Hood, der bis heute verehrt wird. In Ottos Welt war
die Musik keine touristische Folklore, sondern gehörte zum Alltag, und alle
sind bei den zahlreichen Volksfesten von der Festa de São João bis
zum Bumba meu Boi in ihrem Element, tanzen, singen oder spielen
cavaquinho. Denn im Nordosten Brasiliens kann man sich ein Leben ohne
Musik gar nicht vorstellen.
1989 kam die Wende in Ottos Leben. Seine Freundin, eine Brasilianerin
französischer Abstammung, beschloss, in Paris zu studieren, und Otto folgte
ihr nach Frankreich - mit gerade mal 150 Dollar in der Tasche. Die Liebe
zerbrach nach einem Monat - doch Otto verliebte sich neu: in das Land, in den
alten Kontinent und in die Herausforderung, in einer fremden Welt weit fort
von der Familie, den Freunden und der gewohnten Umgebung zu überleben. Und da
er seine alte Leidenschaft für das Trommeln mitgebracht hatte, wurde er zum
Straßenmusiker und gesellte sich zu den anderen Musikern in der Pariser Metro
oder auf dem Montmartre. Und er entwickelte plötzlich einen ungeheuren
Wissensdurst, der ihm als Pennäler abgegangen war. Otto stürzte sich in den
immensen Kosmos der Bücher und verschlang wie besessen Klassiker und Werke
berühmter Philosophen. Nietzsche hat es ihm besonders angetan. "Ich dachte,
oh, mein Gott, ich versteh' kein Wort von dem, was der Kerl da sagt, aber
gerade dieses Nichtwissen hat doch auch seinen Reiz. Und so stelle ich mir
ständig die Frage: Wer bin ich? Was sind meine Träume? Warum gibt es diese
Welt?"
Otto, so betont er, ist auf der Suche nach der Bedeutung des Seins. Und von immenser Bedeutung in seinem Leben ist die Musik. "Ich hab' sie eines Tages gefunden", sagt er, als ob es sich um ein glitzerndes Ding handelt, nach dem man sich auf der Straße bückt. Aber irgendwie war es ja auch so, meint er, wenn er nicht seiner Freundin gefolgt wäre und in Paris ohne Geld auf der Straße gestanden hätte, dann wäre ihm vielleicht nicht die Idee gekommen, seinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen, und er stünde nicht da, wo er jetzt steht, nämlich auf dem Höhepunkt seines Schaffens. "Das Leben ist eine Kette von gewollten Zufällen", sagt der 36-Jährige.
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