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Camaleão Azul: O Sul |
Portwein, sonnige Algarve-Strände und der bittersüße Fado - die Klischees des atlantischen Landes im Südwesten Europas sind schnell aufgezählt und wurden im Sommer des vergangenen Jahres in den Medien während der Fußball-EM wieder allzu oft breitgetreten. Portugal hat sich aber längst von seiner ungewollten Rolle als Hort der Melancholie befreit. Ein modernes, multikulturelles Gesicht zeigt sich in den unterschiedlichsten Musikströmungen zwischen keltischem Norden, den von Emigrantenszenen und Elektro-Pop geprägten urbanen Zentren und der maurisch angehauchten Südküste. Jenseits von Amália und Madredeus wollen wir ein paar progressive Tendenzen aus der portugiesischen Szene vorstellen, die sich gleichwohl mit traditionellem Material auseinander setzen.
Von Stefan Franzen
Schon an der südlichen Urlaubsküste, der Algarve, stößt man musikalisch auf
überraschendes Neuland. Mit dem Projekt Camaleão Azul ("blaues Chamäleon")
siedelt hier eine der bemerkenswertesten Bands Portugals, die im Ausland
noch völlig unbekannt ist. Vom Fischerstädtchen Olhão aus basteln Sängerin
Viviane Guereido und Multi-Instrumentalist Tó Viegas an einem wohl
einmaligen Mix: Lichtdurchflutete Poesie des Algarve-Dichters Fernando
Cabrita wird mit poppigen Rhythmen gekoppelt, die Inspiration nährt sich aus
der idyllischen Umgebung. "Wir leben auf dem Land, das ist sehr wichtig für
uns", bekräftigt Viviane. "Unser Studio liegt mitten in der Natur und so
transportieren einige der Stücke Ruhe und Frieden. Das spiegelt sich auch in
der Poesie von Cabrita wider. Unser Ziel ist es, einen wirklichen Dialog
zwischen Musik und Lyrik herzustellen." Und letztere ergeht sich in
feinsinnigen Naturbildern, die vom wechselnden Licht über dem Meer, von den
Gestirnen, vom vergehenden Sommer und alten Fischerhäusern erzählt. Eine
Kostprobe: "In dieser zarten Stunde, in der die Sonne schwach ist wie eine
Lilie und sich in Jade hüllt, zerstreut das Licht den Nachmittag in einem
Delirium." Wer dazu allerdings melancholische Klangnebel erwartet oder
Kammerfolk à la Madredeus, der wird eines Besseren belehrt. In den
Arrangements von Camaleão Azul gibt es neben Akkordeon, viola
braguesa und Adufe-Trommel auch programmierte Beats und Samples. Viviane
ist auf die Breitenwirkung stolz: "Unsere Musik ist so gebaut, dass sie an
jedem beliebigen Ort gespielt werden kann, in Clubs, in Bars, in Diskotheken
oder auch zu Hause nach einem anstrengenden Arbeitstag zur Entspannung. Die
Kombination der traditionelleren mit den elektronischen Elementen
interessiert vor allem die Jugend an der Algarve sehr." Und die Nähe zum
afrikanischen Kontinent klingt auch durch: Arabische Lauten und arabeske
Melodien fangen die Nähe zum Maghreb ein.
Dass Portugal auch immer nach Afrika schaut, zeigt sich heute in der
vielfarbig ausgeprägten Weltmusik-Szene Lissabons. Kapverdier, Angolaner und
andere Emigranten der Ex-Kolonien produzieren hier ihre CDs, und auf den
ersten Blick beherrscht ein kommerzieller Afro-Pop den Markt. Doch es gibt
Beispiele, die aus diesem "World-Mainstream" ausscheren. Manecas Costa ist
die Lichtgestalt eines kulturell wiedererstehenden Guinea-Bissau und kehrt
mit seinem Album Paraíso Di Gumbe auf traditionelleres Terrain zurück
- produziert von der englischen Musikethnologin Lucy Duran. "Musik spielte
in letzter Zeit keine Rolle in meiner Heimat", sagt Costa und sehnt sich
nach der goldenen Zeit kurz nach der Unabhängigkeit zurück. "Mein Land wurde
durch Armut und Korruption 'versenkt', deshalb gibt es so viele Musiker, die
emigrieren und hier in Portugal ihre Chancen auf ein besseres Leben und für
künstlerische Freiheit wahrnehmen wollen. Lissabon hat mein Leben markant
verändert, hier habe ich meine beiden ersten Alben aufgenommen. Aber mein
Traum wäre es, eines Tages wieder zurückzukehren." Musikalisch hat er den
ersten Schritt in diese Richtung bereits getan. Sein aktuelles Opus ist die
erste CD, die seit langem in Guinea-Bissau produziert wurde. Sie koppelt
elegante Vokalstücke mit unbekannten Rhythmen Bissaus. "Ich kämpfe für ein
positives Bild meines Landes", unterstreicht Costa. "Mein Album ist eine
Hommage an die traditionelle Musik Guinea-Bissaus und würdigt die lokalen
Musiker für das Ausland."
Musikalische Emigranten finden sich in Lissabon allerdings auch auf der
Gegenfahrbahn. Terrakota, die hierzulande schon bei der Weltnacht Bielefeld
aufgetreten sind, stehen für eine junge, experimentierfreudige Generation
portugiesischer Künstler, die sich bewusst den Einflüssen des Schwarzen
Kontinents aussetzen und vor Ort neue Ideen absorbieren. Perkussionist
Umberto Tomás erinnert sich: "1999 bereisten wir die Elfenbeinküste, Burkina
Faso, Mali und Senegal. Wir jammten mit den lokalen Musikern, hörten viel
zu, wohnten Beerdigungen und Hochzeiten bei. Als wir zurückkamen, war unser
Kopf voller neuer Rhythmen." Aus den Bereichen Jazz und kubanische Musik
nahmen sie zusätzliche Musiker auf, um die gewonnenen Erfahrungen
stilistisch noch breiter aufzufächern. Eine Mestizo-Philosophie auf mehreren
Ebenen wird hier praktiziert: Die Texte ertönen auf Mandinka, Wolof und
Djola genauso wie auf Spanisch, Italienisch, Englisch und Französisch,
attackieren die Kreuzzüge der USA und greifen die Probleme der Emigranten
auf. "Unsere Sängerin Romi kommt ursprünglich aus Angola und hatte enorme
Probleme, ihre portugiesische Staatsbürgerschaft zu erlangen", erläutert
Tomás. "Andere Emigranten enden als Putzkräfte und Bauarbeiter, leben hier
in einer Art moderner Sklaverei. Themen wie diese greifen wir auf, verpacken
politische Botschaften in tanzbare Arrangements." Und die speisen sich aus
Reggae, Ska, Soukous und Gnawa-Musik. "Was in der portugiesischen Musik
stets im Hintergrund steht", so Tomás weiter, "ist die Sensibilität
gegenüber Rhythmen. Deshalb fahren wir die 600 Kilometer nach Marokko und
entdecken dort diese ganzen erdigen Grooves." Erdige Verwurzelung steckt
auch im Namen: Terrakota steht einerseits für die bekannten Tonwaren,
aber es bedeutet auch "weise Erde". "Ein Appell, die Natur mehr zu
respektieren und ein verwurzelteres Leben zu führen", so Gitarrist Alexandre
Louza.
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