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Wohl kaum ein anderes Folkfestival hat so sehr seinen Namen verdient
wie das im finnischen Kaustinen. Es musiziert Folk, es tanzt Folk, es schwitzt
und atmet Folk. Und das ganze Folk macht mit, ein Festival vom Folk fürs
Folk. Für Tanz, jene dramaturgisch angereicherte
Form organisierter
Simultan-Mobilität, sind die Finnen ohnehin leicht zu gewinnen. Eine
Öffnung für Weltmusikalisches, wie bei den meisten europäischen
Folkfestivals, wird in Kaustinen kaum praktiziert - eine mutige Entscheidung
in einem Land, dessen musikalischem Potenzial natürliche Grenzen gesetzt
sind: Es gibt nur fünfeinhalb Millionen Finnen. Seit 36 Jahren wird
in Kaustinen vor allem nationaler Folk gefördert, und das Festival ist
die jährliche Werkschau. Etliche Wettbewerbe im Land sowie die Folkabteilung
der weltberühmten Sibelius-Akademie tun ein Übriges, schon jungen
Menschen Folk schmackhaft zu machen - Identitätsstiftung aus der Erfahrung
russischer und schwedischer Okkupation.
Von Luigi Lauer
Was an den ersten Tagen des Festivals überrascht, ist die Diskrepanz
im Alter der Darstellenden und der Zuschauenden. Während sich an
traditioneller Musik, an überliefertem Handwerk oder alten Tänzen
sehr viele junge Menschen versuchen, ist das Publikum im Durchschnitt schon
deutlich über 50. Es sind die folkloristischen Darbietungen in
traditionellen Kostümen, bei denen Opa und Oma in Nostalgie schwelgen
und sich ihrer
ersten Küsschen im Dunkeln erinnern. Im Verlauf eines jeden Tages und
im Verlauf des Festivals insgesamt findet aber eine deutliche Verjüngung
statt, und die ist kalkuliert. Stufe um Stufe wird die Betriebsspannung
erhöht, werden experimentelle, moderne, gewagte Folkformen auf die
Bühnen geholt, die gefühlte Lautstärke nimmt zu. Ganz
allmählich wird der Terrorfaktor für die Kukident-Fraktion
erhöht, ein organisierter Generationenkonflikt wird gezündet. Für
die Macher in Kaustinen gehört das zum Konzept. Die Traditionalisten
sollen weder verschreckt noch verscheucht werden, doch sie sollen sich ebenso
wenig als Nabel der Welt verstehen wie die Experimental-Folker. Das junge
Publikum ist entweder durch Finnlands zahllose Musik- und Tanzvereine bereits
mit den Machenschaften in Kaustinen vertraut, oder es wird von der Popmusik
abgeworben. Deshalb lässt Programmdirektor Jyrki Heiskanen auch schon
mal einen Teddy-Hagel zu - im letzten Jahr ließ er Finnlands Pop-Idol
Jore Marjaranta auftreten, ein finnischer Backstreet-Boy, der als Pop-Komet
ständig einen kreischenden Schweif hinter sich herzieht. Heiskanen
ärgert es, für diese Politik von der finnischen Presse kritisiert
zu werden. Und er hat Recht: Nur 50 Meter vom Festivaleingang treffen sich
allabendlich um die 150 Jugendliche in einem Dreieck aus Supermarkt, Disco
und Tankstelle, zum Saufen und Lärmen und Baggern und Motormuskeln zeigen.
Tiefergelegte Interessenlage. Wer denen mit dem pädagogischen Zeigefinger
kommt, wird schnell erfahren, wo er sich den gefälligst hinstecken kann.
Man muss es, pardon, hintenrum versuchen, nicht Gebote, sondern Angebote
sind vonnöten. Das erwähnte Popkonzert oder die respektlose
Ulknudeltruppe Rehupiikles waren eindeutige Publikumsrenner, ob einem das
passt oder nicht. Und wenn's eine kostenlose Folk-Dreingabe zum Popkonzert
gibt - schaut man halt mal rein. Und ganz nebenbei spült so ein Konzert
Geld in die Kassen.
Kaustinen hat einen Turnus, der in der Bevölkerungszahl begründet ist. An acht Tagen bespielen 260 Gruppen mit rund 3.300 Mitgliedern die 6 Bühnen. Nach vier Jahren geht es mehr oder weniger von vorne los, zumindest die etwas bekannteren Formationen haben dann alle mal gedurft. Und Stars, die 2003 aufgetreten sind, wie Maria Kalaniemi, Värttinä oder die viel zu selten spielende, extrem gute Gruppe Troka kann man nicht jedes Jahr holen. Aus der Wiederholungsfalle kommt nur, wer sein Ohr ganz nah an der aktiven Szene hat und schnell reagiert.
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