Von Michael Kleff
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![]() (Auswahl; Achim Reichels persönliche Meilensteile aus 35 Alben in 40 Jahren):
mit The Rattles:
Solo: |
Achim Reichel & Band unterwegs:
10.03.04 Aschaffenburg, Colos-Saal |
"Leben, du hast mir viel gegeben" heißt es in einem neuen Song von
Achim Reichel. Er findet sich auf dem Mitschnitt des Konzerts, dass
anlässlich des 40-jährigen Bühnenjubiläums des Musikers
im vergangenen Herbst in der Hamburger Fischauktionshalle stattfand. Im Januar
feierte er zudem seinen 60. Geburtstag. Voller Leben, bzw. mit "100% Leben",
wie seine aktuelle Live-Doppel-CD heißt, reist Achim Reichel mit seiner
Band im März durch deutsche Lande, um beide Jubiläen zu
begehen, nachdem er im Februar in kleiner Besetzung im Quartett
unterwegs war. Vergessen wir an dieser Stelle, dass Achim Reichel 1962 seine
Karriere im Star Club mit den Rattles startete, der wohl erfolgreichsten
deutschen Beatband. Stattdessen soll es uns um Reichels Suche nach den Wurzeln
deutscher Kultur gehen. "Poesie und Musik" ist ein altes Thema für Achim
Reichel. Der 1944 auf St. Pauli als Sohn eines Seemanns geborene Künstler
begann bereits vor über 25 Jahren, eine Brücke zwischen deutscher
Verskultur und Rockmusik zu schlagen. Zunächst verfiel er als Mentor
der Gruppe Ougenweide alten deutschen Texten und Melodien. Mit seinem Album
"Regenballade" erntete Reichel dann jedoch Ende der siebziger Jahre nicht
nur Lob. Auf drei Platten zwischen 1976 und 1978 vertonte Achim Reichel Texte
von Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern und Theodor Fontane. Nach seinen
Ausflügen in die Welt zeitgenössischer Dichtung mit Alben wie
"Ungeschminkt", "Blues in Blond" und "Nachtexpress" knüpfte Reichels
letzte Studio-CD "Wilder Wassermann" nun wieder an die alten Balladen an.
Darunter Versgut von Wilhelm Müller, Eduard Mörike, Adolf Glassbrenner
und sogar Goethes "Erlkönig". Die Texte hatte der Hamburger schon eine
ganze Zeit lang gesammelt. Allen Stücken verlieh Achim Reichel ein modisches
musikalisches Kleid, mit Einflüssen aus aller Welt - dazu trugen u.a.
bei der englische Fiddler Peter Sage, der Multi-Instrumentalist Frank Wulff
aus alten Ougenweide-Tagen und ein fünfköpfiges Blasorchester aus
St. Petersburg. Deutsche Sprache und deutsche Mythen zu entstauben, das hat
sich Achim Reichel zum Ziel gesetzt. Die eigene Kultur darf man nicht
irgendwelchen Verrückten überlassen, sagt er im Folker!-Gespräch
mit Blick auf den Missbrauch durch die Nationalsozialisten.
Reden wir etwas über die letzte Studioproduktion - "Wilder Wassermann". War das so ein bisschen ein Neuanfang mit einer Rückblende?
Ich war ja schon mal mit solchen Sachen unterwegs. Damals musste ich mich
allerdings noch irgendwie schräg angucken
lassen, nach dem Motto: Darf man denn unseren
Dichtern solche Musik antun? Trotzdem ist die "Regenballade" ein richtiger
Dauerbrenner geworden. Mit Blick auf die ganze Mediensituation in Deutschland
und angesichts, ja wie soll ich sagen, eines kranken Bewusstseins für
Volkskultur, ist man es in meinem Alter irgendwann leid, mal wieder ein Album
mit flotten Popsongs zu machen. Man fragt sich: Was machst du hier
überhaupt? Der Rundfunk spielt sowieso nur Hits und Oldies. Die spielen
am liebsten deine alten Sachen und zu den neuen sagen sie, ja ja, spielen
wir, wenn's ein Hit ist. Das heißt, es hilft auch gar keiner mehr mit,
Erfolge auf die Reihe zu kriegen. Lange Rede, kurzer Sinn, ich habe mir gesagt,
weißt du was, wenn ich jetzt einfach nur das tun würde, wo ich
am meisten Lust drauf hätte, dann würde ich gerne mal wieder so
ein Balladenalbum machen wollen. Ich steh' halt sehr auf unsere alten Dichter.
Da kriegt man wirklich in allerhöchster Qualität und Güte
vorgemacht, was man mit der deutschen Sprache anstellen kann. Außerdem
bin ich überhaupt nicht der Meinung, dass man Deutsch nicht singen kann.
Wie hast du die Texte für dieses Album ausgesucht?
Da gab es diverse Balladenbücher mit Lesezeichen, die zum Teil schon
ganz lange da drin waren. Es gibt auch wirklich
tolle Möglichkeiten im Internet auf die Suche zu gehen.
Da habe ich zum Beispiel die "Walpurgisnacht" von Theodor Storm gefunden.
Bei den Auswahlkriterien habe ich mich ausschließlich auf mein ganz
persönliches Empfinden verlassen. Ich denke mir, wenn man so alten Versen
ein anderes Leben einhauchen will, dann muss man auch was spüren, da
muss man eine Emotion dafür haben. Sonst ist das ja nur musikalische
Routine und das ist vielleicht ein bisschen kalt. Insofern habe ich gesagt,
ich mache wirklich nur die Sachen, die mir ganz persönlich gefallen.
Ob's da am Ende irgendwelche Fachstrategen gibt, die sagen, ja aber du
hättest doch eigentlich
Das ist mir alles völlig egal.
Aus den Booklet-Anmerkungen geht ja hervor, dass es bei manchen Sachen vom Inhalt her durchaus auch eine Verbindung zwischen Gestern und Heute gibt. Steckt in dem Ansatz, schöne, singbare Texte in ein neues musikalisches Gewand zu packen, der Versuch, mit alten Sachen Gedanken zu verbreiten, die damals Bedeutung hatten und offensichtlich übertragbar sind auf die Gesellschaft, so wie sie heute ist?
Ja, das sehe ich auch so. Ich hab' mir ja bei dieser Platte weitgehendst Themen rausgefischt, die im näheren oder weiteren Sinne etwas mit germanischer Mythologie oder mit Mythologie überhaupt zu tun haben. Da liegen ja doch eine ganze Menge unserer Grundwerte und unseres Ursprungsdenkens verborgen. Das Vermitteln von Geschichten ging in grauer Vorzeit nur über Erzählen und zwar über Generationen. Mythologische Inhalte haben die Leute immer fasziniert. Irgendwann haben halt unsere ollen Dichter und Denker aus den Geschichten Verse gemacht. Das finde ich ganz spannend. Ich bin dann rangegangen und habe mir wiederum aus den Versen Lieder gemacht, was ja auch nichts Ungewöhnliches ist. Es ist nur hierzulande ungewöhnlich, weil wir's wohl irgendwie vergessen haben oder verlernt oder was auch immer. Im englischsprachigen Raum ist so was ja gang und gäbe.
Gibt es eigentlich einen bestimmten Moment, wo du die Rattles ganz bewusst hinter dir gelassen hast und zum ersten Mal nach diesen alten deutschen Texten gesucht hast?
Einer der entscheidenden Momente war, als ich Detlev von Liliencrons "Pidder
Lüng" gelesen habe. Da habe ich wirklich gedacht: Was, auch sowas kann
Dichtung sein? Ist ja interessant.
Das ist ja nun eine Sprache, die sowas von direkt und frontal
ist ... und sowas von auf die zwölf haut. Da ist so gar nichts mit
poetischer Umschreibung und wovon spricht der Dichter hier eigentlich und
so .... das ist einfach gradeaus und sprachlich rundum brillant. In dem Moment
habe ich angefangen, mich für alte Balladen zu interessieren. Früher
in der Schule hat man uns die Dinger ja einfach nur so zum Auswendiglernen
um die Ohren gehauen. Und wenn man das irgendwie ohne zu haspeln aufsagen
konnte, dann hat man halt eine gute Note gekriegt, aber man wusste eigentlich
gar nicht, was man da erzählt hatte. Den ollen Ribbeck, den haben wir
tatsächlich früher noch irgendwie lernen müssen, auch "John
Maynard". Wir haben sogar den "Wassermann" noch in der Schule gesungen. Insofern
hatte man schon Berührung mit dem ganzen Kram, aber es hat einen gar
nicht wirklich erreicht. Es war eben so 'ne verordnete Sache.
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