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"Es schysst mi a" (Zytglogge, 1976)
Bezugsadressen: |
Tinu Heiniger mit dem Heimatlandorchester unterwegs:
01.11.03 Tübingen, Landestheater (Liederpreis) |
Hager, kantig, sehnig wirkt er, mit wachen Augen, Tinu Heiniger, der
Liedermacher aus dem
Berner Hinterland. Unablässig beobachtet er seine Umwelt.
Genauso wie er aussieht, tönen seine Lieder: zuweilen ruhig und beschaulich,
mit Texten wie aus dem Fels gemeißelt, roh, reduziert. Wer den nach
Franz Hohler zweiten Schweizer Preisträger des SWR-Liederpreises sieht,
glaubt ihm jedes Wort. So singt einer, der einst aus dem Berner Emmental
auszog, um von einer Heimat zu erzählen, die uns ferner erscheinen mag,
als sie in Wirklichkeit ist.
Von Martin Steiner
"Signou, Bärou, Mungnou, Schangnou, Rüegsou, Aeschou, Eggiwil ..., Hogerland, Chrachetal, Heimatland, Ämmital". Nach Preisträgern wie Konstantin Wecker, Franz Josef Degenhardt, Wolf Biermann, Reinhard Mey oder Stefan Stoppok geht der Liederpreis an einen Mann, der Flur-, Dorf- und Bergnamen aneinander reiht. Schön anzusehen sind sie, diese Hügel und Berge. Gemütlich erscheint sie, die Welt ohne Autobahnen und Schnellimbissbuden. Doch unter der Oberfläche der Idylle brodelt es. Am Sonntag betet der Vater mit seiner Familie in der Freikirche, am Montag verdrischt er seine Kinder, bevor er aufs Feld geht. Tinu Heiniger singt sich seit über dreißig Jahren "aus der Enge und Trägheit des Emmentaler Heimatdorfes heraus".
Anders als junge Musiker, die ihrer Heimat den Rücken kehren, steht
der diesjährige Liederpreisträger zu seinen Ursprüngen. "Zuhause
hörte ich in den 50er-Jahren Tag für Tag Radio Beromünster.
Der
Schweizer Landessender spielte unablässig Volksmusik. Als
Zückerchen für die Jungen wurde diese mit etwas Swing-Jazz im Stile
eines Benny Goodman unterbrochen. Das erschien dem Teenager spannender, als
wenn der Sängerbund "Luegid vo Berg u Tal" anstimmte. Tinu Heiniger
lernte Klarinette spielen und trat einer Jazz-Combo bei. Doch auch die Volksmusik
ließ er nicht gänzlich fallen. In jedem seiner Alben können
beide Einflüsse herausgehört werden. Das Lied "Ämmital" auf
seiner aktuellen CD "Heimatland" beispielsweise verwandelt sich plötzlich
sinngemäß in einen Ländler. Auf der anderen Seite steht der
Jazz für die Öffnung, für das, was Heiniger "aufbrechen und
ausbrechen" aus den verkrusteten Strukturen nennt. Ein beredtes Zeugnis legt
seine 1999 mit der Swing Song & Blues Band eingespielte CD "Miss New
Orleans" ab, wo er alte Jazz-Standards mit schweizerdeutschen Texten versieht
und sein Können auf der Klarinette beweist. Das Album dürfte eine
der wenigen konsequenten Verbindungen von altem Jazz und
(schweizer)deutschsprachigem Lied sein. Dass sich der Liedermacher bei der
Aufnahme im Element fühlte, wird sofort klar: Selten hatte seine Musik
und sein Gesang so locker geswingt wie hier. Neben dem Jazz begann sich Tinu
Heiniger auch für die karibische Musik zu interessieren, die nicht nur
seine aktuelle CD nachhaltig prägt. "Ein Rhythmus wie der Calypso
strömt für mich Freude, Leichtigkeit und Sonne
aus.
Sowas stelle ich bewusst der Schwere und
Melancholie des Emmentals gegenüber."
Doch kehren wir zurück zu den späten 60er Jahren. Weder die Volksmusik noch der Jazz gaben Tinu Heiniger den Anstoß, eigene Lieder zu schreiben. Dazu musste er erst Lieder hören, wie sie Franz Joseph Degenhardt und Hannes Wader sangen. Da ging es nicht um "Niene geits so schön u luschtig" (nirgends geht es so schön und lustig zu wie bei uns). Deren Texte erzählten vielmehr von Menschen auf der Schattenseite der Straße, von Gefühlen, vom wahren Leben. Das war es, was Tinu Heiniger auch wollte. Lieder aus dem Leben der Leute erzählen, über das singen, was ihn bewegte. Und das tut er nun schon über dreißig Jahre lang mit ungebrochenem Elan. Er ließ sich auch nicht unterkriegen, als ihm nach der Veröffentlichung seines Liedes "Unterhaltigsbrunz" Morddrohungen ins Haus flatterten und der Blick (das Schweizer Pendant zur Bild-Zeitung) ihn mit üblen Schimpfworten titulierte. Das Lied war eine Anspielung auf die volkstümelnden Lieder des Trios Eugster.
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