backPLATTEN-PROJEKTE

Es gibt CDs und speziell CD-Serien, die sich den herkömmlichen Kriterien einer Rezension entziehen. Bei ambitionierten Konzepten greift das simple "Daumen rauf oder Daumen runter" einfach zu kurz. Gerade in einer Zeit, wo Tonträger preiswert produziert werden können und die Menge der Veröffentlichungen inflationär ist, sind anspruchsvolle Serien besonders wichtig. Andererseits müssen sich solche engagierten Vorhaben mit strengeren Maßstäben messen lassen als z.B. eine ordinäre Kompilation. In diesem Heft schreibt Luigi Lauer über die

Nonesuch Explorer Series Africa


Das erstaunlichste an dieser Serie dürfte sein, dass sie überhaupt veröffentlicht wurde. Im Original bereits in den späten 60ern erschienen, wurden die ersten Aufnahmen sogar von der NASA ins All verfrachtet - einer der seltenen Fälle von friedlichem Kulturexport durch die Amerikaner. Jetzt auf CDs remastered, wird sich für diese Sammlung von Feldaufnahmen, die von einschlägig bekannten Musikethnologen gemacht und kommentiert wurden, nur ein kleiner Kreis musikethnologisch Interessierter erwärmen lassen. Die allerdings kommen auf ihre Kosten, obwohl - oder weil - der Klang typisch für Feldaufnahmen dieser Zeit ist.

Freunde der Mbira ("Daumenklavier") wissen, dass sie besonders in Simbabwe fündig werden. Gleich drei CDs sind diesem Instrument und dem Land gewidmet. Die Lieder sind oft mit Gesang und Perkussion angereichert. Das deutlich vernehmbare Rascheln ist kein Aufnahmemangel, sondern der in Afrika weit verbreiteten Vorliebe für dieses Geräusch geschuldet. Mbiras werden dafür extra mit Rasselringen oder losen Kronkorken "verziert". Leider ist (sind) in einigen Liedern die Mbira(s) nur schlecht zu hören. Die Schönheit der repetitiven, tranceartigen Muster ist dennoch beeindruckend. Und: Wer die Wurzeln der Musik von Oliver Mtukudzi oder Thomas Mapfumo sucht, ist hier richtig. Perfekt wäre gewesen, zum Vergleich auch Beispiele anderer Länder zu bringen. Sie finden sich zwar auf anderen CDs der Reihe, werden aber nicht zueinander in Bezug gesetzt.

Zwei der Explorer-Alben sind Ghana gewidmet; das eine zielt auf alte Traditionen und Zeremonien und spiegelt besonders die reiche Perkussions-Kultur des westafrikanischen Landes wider. Das andere steht im Zeichen der städtischen Nachtclub-Szenen der 60er/70er Jahre, die, schon vor der Elektrifizierung der Musik, eine völlig neue Mischform hervorbrachten: den Highlife, in dem sich europäische, amerikanische und westafrikanische Stile verbanden. Schade, dass hier nur Saka Acquaye mit Ensemble zu hören ist, Aufnahmen von E.T. Mensah, C.K. Mann, E.K. Nyame oder A.B. Crentsil hätten gut dazu gepasst. Dennoch: ein beeindruckendes Musikdokument.

Auch Burkina-Faso ist doppelt vertreten, mit Rhythmen aus den "Grasslands" und denen der "Savannah". Im Vordergrund des "Grassland"-Albums stehen Perkussion und Gesang für Tanz zu zeremoniellen oder gesellschaftlichen Anlässen, während die "Savannah"-CD vor allem durch die Unterschiede in der Musik der drei größten Volksgruppen interessant ist, die teils starke Bezüge zum muslimischen Nordafrika aufzeigen und ein reichhaltiges Instrumentarium haben.

Der letzte Doppelschlag: Ostafrika, mit Kenia, Uganda und Tansania. Rituelle Musik, Heilungszeremonien und Magie sind auf dem einen Album zentrales Anliegen, was eher anthropologisch Interessierte ansprechen wird, da hier kaum etwas ohne die im Booklet beschriebenen sozialen Kontexte geht. Auch das andere hebt auf aussterbende Musiken ab, mit den Themen Jagd, Initiation, Krieg und Hochzeit im Mittelpunkt. In starkem Kontrast zu vielen (fast-) a-capella-Stücken stehen die bis zu 100 Köpfe zählenden Ensembles mit Perkussion und diversen Hörnern, die wirklich bemerkenswert sind.

Titel aus Burkina Faso, Niger und Mali bietet das Album "Westafrica", darunter mehrere Soli. Alleine das Bounkam-Solo, Track 2, ist die Anschaffung wert, ein Instrument, das nicht einmal in der einschlägigen Literatur auftaucht. Es ist klanglich zwischen Duduk, Bluesharp und Saxophon anzusiedeln; die Raffinesse besteht darin, dass das Mundstück auf Ein- wie Ausatmen reagiert - so spart man sich die Zirkularatmung. Mehr Blues habe ich noch in keinem anderen Instrumentalsolo Afrikas gehört.

Den Musiken Burundis ist ein eigenes Album gewidmet, allerdings kommen nur die Hutu zum Zuge. Auch hier finden sich einige atemraubende Instrumentalsoli, besonders die einsaitige Fidel Idingiti wird in Track 5 mit einer Virtuosität gespielt, die viele nicht mit vier Saiten erreichen. Mehrere Stücke dieser bemerkenswerten CD sind Preislieder auf den ehemaligen Präsidenten Micombéro (1966-76).

Am Ende zwei Alben, die ein wenig aus dem Rahmen fallen, das erste davon auf eine im Zusammenhang belustigende Weise: Sie beinhaltet ausschließlich Geräusche von afrikanischen Tieren. Den Platz hätte man wahrlich besser vergeben können, denn für diese Aufnahmen hätte man keinen ganzen Kontinent durchpflügen müssen: Man kann sie noch heute in feinster Qualität im Berliner Zoo kriegen. Das andere Album fällt auf, weil es das einzige ist, das aus Nordafrika stammt. Gut, überwiegend Nordafrika, denn die Nubier, um die es geht, finden sich nicht nur in Südägypten, sondern auch in Nordsudan. Nur 1 Instrument ist zu hören, die Oud, gespielt von Hamza El Din (er singt auch dazu), der mal die pentatonisch dominierte sudanesische Spielweise anschlägt, mal die vierteltonreichere ägyptische Variante.

Zurück zum Anfang: Die Explorer-Serie ist eine überaus mutige Angelegenheit, mit vor allem ethnologisch interessanten und wichtigen Aufnahmen, aber auch vielen Musikspezialitäten, die offene Ohren entzücken müssen. Dafür gebührt Lob. Denn als Käufer sind in erster Linie musikethnologische Institute zu sehen sowie die überschaubare Zahl derer, die ausreichend Geld und Interesse haben, Hobby oder Beruf auf diese Weise zu bereichern. Schließlich ist die Afrika-Abteilung der Explorer-Serie nur der Anfang, weitere 12 CDs mit Musik aus Indonesien und dem südlichen Pazifik sind bereits erschienen; insgesamt ist die Serie auf 92 CDs angelegt. Schon bald kann es im Folker! weitergehen.

Luigi Lauer

Zimbabwe - Shona Mbira Music
(Nonesuch 7559-79710-2/Warner)
10 Tracks, 50:12

Zimbabwe - The African Mbira: Music Of The Shona People
(Nonesuch 7559-79703-2/Warner)
6 Tracks, 37:38

Zimbabwe - The Soul Of Mbira: Traditions Of The Shona People
(Nonesuch 7559-79704-2/Warner)
9 Tracks, 44:39

Ghana - Ancient Ceremonies, Dance Music & Songs
(Nonesuch 7559-79711-2/Warner)
11 Tracks, 37:00

Ghana - High-Life And Other Popular Music
(Nonesuch 7559-79701-2/Warner)
13 Tracks, 32:18

Burkina Faso - Savannah Rhythms
(Nonesuch 7559-79712-2/Warner)
9 Tracks, 37:11

Burkina Faso - Rhythms Of The Grasslands
(Nonesuch 7559-79713-2/Warner)
11 Tracks, 32:24

East Africa - Witchcraft & Ritual Music
(Nonesuch 7559-79708-2/Warner)
16 Tracks, 48:45

East Africa - Ceremonial & Folk Music
(Nonesuch 7559-79707-2/Warner)
13 Tracks, 45:46

West Africa - Drum, Chant & Instrumental Music
(Nonesuch 7559-79709-2/Warner)
9 Tracks, 43:38

Burundi - Music From The Heart Of Africa
(Nonesuch 7559-79706-2/Warner)
12 Tracks, 43:33

Animals Of Africa - Sounds Of The Jungle, Plain & Bush
(Nonesuch 7559-79705-2/Warner)
12 Tracks, 28:51

Nubia - Escalay (The Water Wheel): Oud Music
(Nonesuch 7559-79702-2/Warner)
3 Tracks, 38:20

Alle CDs mit sehr ausführlichen Original-Infos aus den 70er und 80er Jahren in Englisch.

 


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