backFerner liefen...

...mir bei der Zeitungslektüre der letzten Wochen die Wässerchen im Mäulchen zusammen: Irish Stew aus zerstoßenen Antibaby-Pillen in geschmolzener Plastikhülle, jenseits der Haltbarkeitsgrenze zu Sirup verdickt, in Rheinland-Pfalz, Gott erhalt's, als Fruchtersatz in Erfrischungsgetränke gemixt oder vom belgischen "Bioland"-Konzern als Mischfutter für Schweine und Rinder verhökert. Da wandern die Hormönchen direkt ins Steak, oder, für Vegetarier, in die Milch - aber, aber, ich muss doch sehr bitten! Können wir nicht wenigstens jetzt, beim Essen, das Thema wechseln? Na dann, wohl bekomm's, aber um die Wurst geht's doch! Und wer weiß, woraus sie gemacht wird, dem schmeckt sie nicht mehr. Lecker Sachen aus dem Chemiebaukasten im Zellulosedarm: proppenvoll mit Emulgatoren, Stabilisatoren, Glutamat und Propylgallat, ein Quentchen Natamycin im Aufschnitt (hilft auch als Antibiotikum gegen Mundfäule und Fußpilz), dazu für die paprikarote Salami-Tönung Kaliumnitrit und Natriumnitrit, die im Magen zu krebserregenden Nitrosaminen gerinnen, während Diätmarmelade mit den befruchteten Weibchen der, ähem, Schildlaus gefärbt wird, ebenso wie der Lachsersatz, auf den Tierschützer gern ausweichen, die keine tiermehlgefütterten Lachsfarm-Erzeugnisse mögen.

Kulturgeschichtlich sind Rüstungs- und Fertiggerichtswesen, Tötungs- und Lebensmittelindustrie eng miteinander verzahnt. Vom Attila, der sein allabendliches Tartar erst mürbe galoppieren musste, über die Erfindung des Suppenwürfels durch Kreuzzügler Gottfried von Bouillon bis hin zum heimatfrontsparsamen "Eintopf" der Nazis (vor 1933 in keinem Wörterbuch zu finden) wurden Kriegs- und Kochkunst parallel modernisiert. Unser Ersatzstoffwesen, eines der widerlichsten Aspekte sogenannter "Esskultur" - selbst Patrick Süßkinds Parfüm kann dagegen nicht anstinken - , kam im Ersten Weltkrieg in Schwung. "Der Eiweißgehalt der Mineralnährhefe, der ihren Nährwert bestimmt, wird vorzugsweise durch die Verwendung von Harnstoff gewonnen", ließ Karl Kraus den Laborprofessor in den Letzten Tagen der Menschheit räsonieren: "Eine schon 1915 begonnene Arbeitseinrichtung wurde aufs neue mit großem Erfolge aufgenommen: die Ersetzung des schwefelsauren Ammoniaks bei der Erzeugung der Hefe durch Harnstoff. Meine Herrn! Ist aber der Harnstoff so zu verwenden, so liegt auch die Möglichkeit vor, in derselben Richtung den Harn und die Jauche heranzuziehen!" Von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität: Kein Wunder, wenn Kraus' Landsmann Stefan Zweig bei Niederschrift seiner Erinnerungen an Die Welt von gestern an der Unwiederbringlichkeit der seligen Vorweltkriegszeit verzweifelt ist.

Ja, was soll man denn überhaupt noch essen? Täglich ein Reiskorn vielleicht, wie Buddha empfiehlt, heute fast nur noch genetisch verändert zu haben, oder die landesübliche Sieglinde festkochend? Allein die Maschinerie, die heute zur Produktion und Distribution von convenience food vonnöten ist, beschert dem militärisch-industriellen Komplex auch in überlangen Friedensperioden nachhaltiges Wachstum. Verzehrt man überhaupt noch was anderes als Schnellimbisskost? Angesichts der im Schlendern mampfenden, schlürfenden und kauenden Zeitgenossen in unseren Fußgängerzonen möchte ich es bezweifeln. "Solang Du Deine Füße unter meinen Tisch steckst" - dieser Elternspruch kann heute keinen Sprößling mehr schrecken. Wer isst denn heutzutage noch am Tisch und im Sitzen? Hunger treibt's rein, Ekel treibt's runter. Früher dauerte es Monate, fachgerecht zu pökeln. Heute wird Räucherschinken, der nie einen Rauchfang von innen gesehen hat, mit Benzpyren besprüht, kriegt eine phosphat- und nitrathaltige Pökellake injiziert, die das Fleisch saftig hält; und wenn der Luftdruck den Glibber aufschäumen lässt, gibt's ein Schaumverhüterli obendrein: geruchs- und geschmacksneutrale Fettalkohole auf Silikonbasis zum Beispiel. Süßes zum Nachtisch? Auch beim Einkochen des Kompotts kommt es zur Schaumbildung, der industriell durch entsprechende Additiva abgeholfen wird. Zitronengeschmack ist ein Nebenprodukt von Schimmelpilzen, das Erdbeerige am Erdbeeryoghurt wird Sägespänen abgezapft; "Zederholzöl", aus dem Himbeergeschmack gewonnen wird, klingt nur unwesentlich delikater und lässt an Kahlschlag auf den Hügeln des Libanon denken.

Was hilft, ist die Macht der Gewohnheit. Was ich nicht weiß, ess ich nicht heiß. Am leichtesten fällt es den Kindern. Die lassen sich oft schon keine Äpfel mehr andrehen, weil sie nicht wie das Grüne-Apfel-Zeugs in Shampoos und Fruchtzwergen schmecken. Sind es nicht "technische Hilfsstoffe", die EU-weit sowieso nicht deklariert werden müssen, werden gaumenbeschummelnde Chemikalien mit duftig-blumigen Euphemismen wie "Aromastoff" umschrieben. Natürlich nur, wenn wir uns mit plastik-eingeschweißten Lebensmitteln aus dem Selbstbedienungsregal versorgen. Denn lose an der Ladentheke angebotene Ware braucht zumeist gar keine Deklarationsschildchen! Tartrazin hält Chips und Kekse knusprig, Buthylhydroxyanisol konserviert Feingebäck mit Marzipanfüllung. Der Konzern Procter & Gamble hat sich übrigens auch Baumwollfasern für die Herstellung von Light-Knäckebrot patentieren lassen, man muss doch auch Altklamotten irgendwie recyclen. Bei Stichproben in Hamburg wurden sieben von zehn angeblichen Garnelen als "Surimi" enttarnt: in Shrimpsform gepresste, orangerot gefärbte Abfälle der Fischindustrie und Krill, eine Erfindung, die wir der Universität Oregon zu verdanken haben. Brechsalz, Finger im Hals oder die von der Polizei neulich sichergestellten "Würgehölzer" der Hammerskinbewegung sind gar nicht mehr vonnöten. Der belgische Tierarzt mit dem ulkig-präservativen Nachnamen Karel van Noppen starb übrigens nicht am plötzlichen Hormonschub, sondern, munkelt man, weil er zuviel wusste - über die Machenschaften der belgischen Fraßwirtschaftsmafia nämlich. Soweit wird es bei uns nicht kommen, dafür sorgt, bis Haltbarkeitsdatum 22. September, Allzeit-bereit-Innenminister Otto Schily. Als der sich noch nicht als Polizistenuniformfärber hervortat, sondern mit radikal linker (Anwalts-) Praxis, anfang der 80-er Jahre, warb die Sektiererpartei EAP mit dem nicht undoofen Wahlslogan: "Womit würzen die Russen unseren Untergang? - Mit Schily!" Muss ich in letzter Zeit oft dran denken...

Nikolaus Gatter
go! www.lesefrucht.de


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