Kardes Türküler (1997, Kalan) |
Lange Zeit lagen große Teile der anatolischen Musikressourcen
brach: Das Land mit so vielen Spuren einer schillernden Geschichte wurde
dominiert von türkischer Musik. Der Ethnozentrismus zeigt heute wohltuende
Brüche. Vor allem der Erfolg von Kardes Türküler lässt
auf einen Wandel hoffen. Davon zeugen die 100.000 verkauften Tonträger
ihrer letzten Produktion und eine landesweite Tournee der Folk-Bigband.
Wer immer von Asien oder Afrika auf dem Weg nach Europa war (und umgekehrt):
die meisten Händler und Migranten passierten die heutige Türkei,
hinterließen ein Stück ihrer Kultur oder ließen sich
inspirieren. In der Ethno-Schatzkammer Anatolien spielen Teile der biblischen
Geschichte, der griechischen Mythologie und Mesopotamiens. Die Kreuzzüge
durchpflügten das Land und das riesige Osmanische Reich hatte hier sein
Zentrum. So wurde Anatolien zum Ort von tausendundeiner Kultur ein
bis heute unterschätztes Terrain.
Von Birger Gesthuisen
Diese Geschichte und ihr kaleidoskopartiger Teppich verschiedener Kulturen wurden im 20. Jahrhundert überlagert von einem türkischen Nationalismus, der die Reste eines zerfallenen, recht liberalen Riesenreichs zusammenhielt. Durch dieses Raster fielen auch Kulturen, die Anatolien schon weit vor der Ankunft der Türkvölker geprägt hatten. Noch Ende der 80er Jahre war die Ansicht weit verbreitet, kurdisch sei lediglich ein türkischer Dialekt. Dass sich solche Diskriminierungen einmal rächen würden, zeigte dann die weitere Geschichte. Der Bürgerkrieg hatte einen unerwarteten Effekt: Er verstärkte auch den Blick anderer Ethnien auf ihre Kultur und Geschichte.
In dieser Zeit formierte sich eine neue Musikgruppe an der Istanbuler Bosporus Universität. Hier gibt es zwar keine Musikabteilung, aber von den Studentenclubs dieser Universität gingen schon immer wichtige Impulse für die Musik- und Theaterszene der Türkei aus. Die lockere Formation kam um 1990 zusammen und spielte anfangs internationale Folklore, dann anatolischen Pop im Stile der 70er Jahre. 1992 starteten die Studenten ein Projekt mit dem Namen Kardes Türküler Lieder der Brüderlichkeit (der hier ganz bewusst auch in der Konnotation von Schwesterlichkeit gebraucht wird). Bis heute nennen sie sich Projekt, um den offenen Charakter ihrer Arbeit zu betonen.
Die Perkussionistin Diler Özer sieht sich selbst als Teil dieser Entwicklung. Um 1992 begannen die Menschen in Anatolien über ihre Identität zu reden nicht nur die Kurden, sondern auch die Armenier, die Lasen und Georgier. Und auch ich bemerkte erst in dieser Zeit, dass meine Großmutter eine Tscherkessin war. Die Entdeckung nicht-türkischer Familienmitglieder und Vorfahren ist eigentlich überhaupt nicht ungewöhnlich in einem Land, von dem manche sagen, dass es vielleicht mehr Angehörige ethnischer Minderheiten gibt als Türken. Aber dieses Ensemble wollte endlich das Gefühl von Bedrohung durch diese Minderheiten, das hinter dem türkischen Nationalismus steht, umdrehen in einen berechtigten Stolz auf den kulturellen Reichtum Anatoliens. Wir wollten zeigen, dass es diese Musiken noch immer gibt. So viele Völker leben seit Jahrhunderten auf diesem gemeinsamen Stück Erde und ihre Musik konnte lange Zeit einfach nicht wahrgenommen werden, meint Altuð Yýlmaz, der Forscher des Projekts.
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