Chava Alberstein & Amal Murkus eine jüdische und eine palästinensisch-arabische Sängerin, zwei Künstlerinnen, deren Hintergrund und Vergangenheit nicht unterschiedlicher hätte sein können, die aber dennoch eines gemeinsam haben: Beide leben in Israel. Gerade der scheinbar schier unlösbare Konflikt in diesem Lande bewegte Ende des vergangenen Jahres die Veranstalter der Centralstation in Darmstadt, die zwei Künstlerinnen gemeinsam in einem Projekt unter der Bezeichnung Lieder der Hoffnung auftreten zu lassen.
Von Matti Goldschmidt
Chava Alberstein wird 1947 in der ehemaligen deutschen Stadt Stettin (Szczecin)
geboren, nach dem 2. Weltkrieg von den Alliierten Polen zugesprochen. Damals
spricht man zuhause mit den Kindern polnisch, während sich die Eltern,
jüdische Flüchtlinge, die die Kriegsjahre in Russland überleben,
auf jiddisch unterhalten. 1951 wagt man aufgrund des weiterhin existierenden
Antisemitismus in Polen den Schritt der Auswanderung nicht wie so
viele andere in die USA oder etwa nach Argentinien oder Australien, sondern
nach Israel.
Dabei,
so erklärt Alberstein, sind ihre Eltern durchaus keine traditionellen
Zionisten und bis heute wisse sie keine eindeutige Antwort, warum man gerade
dieses Land wählt, irgendwie sei es einfach Schicksal gewesen.
Ein Auffanglager für Immigranten in Israel namens Scha'ar ha-Aliyah
ist die erste Station der Familie; in einem Lied gleichen Titels (Album
Mehagrim, 1986) beschreibt Alberstein die Atmosphäre aus
diesem Lager; heute ist Sha'ar ha-Aliyah (Tor der Einwanderung)
eines ihrer populärsten Lieder in Israel. Aus dem Lager kommend findet
man schließlich eine Wohnung im Norden von Haifa. Der Vater als Musiklehrer
lehrt sie das Akkordeonspielen und 1964, knapp 17-jährig, hat Chava
ihren ersten öffentlichen Auftritt mit Liedern u.a. in Spanisch,
Französisch und Englisch. Überhaupt, erzählt Chava Alberstein,
hat es ihr Pete Seeger angetan, den sie Anfang der 60er Jahre live in Haifa
erlebt. Chava, die bislang nur klassische Konzerte mit großen
Sinfonieorchestern kennt, ist beeindruckt, wie Pete Seeger ganz alleine,
nur mit einer Gitarre in der Hand, sein Publikum zu fesseln weiß.
Nach dem obligatorischen zweijährigen Armeedienst kann Alberstein endlich
ihr erstes Album veröffentlichen, das erste von mittlerweile über
50 Alben in einer über 30-jährigen
fast beispiellosen musikalischen Karriere. In Israel ist Chava mit ihren
hebräischen Liedern längst ein Star. Aber gerade als populäre
Künstlerin ist es ihr auch ein Anliegen, Jiddisch als die Sprache ihrer
Vorväter am Leben zu erhalten. Denn wenn für die osteuropäischen
Juden die hebräische Sprache immer mit einem Blick nach vorwärts
verbunden ist, so gilt für Jiddisch genau das Gegenteil. Alberstein
beschränkt sich aber nicht auf einen Rückblick, in ihr lebt diese
Sprache aktiv weiter, getragen auf den Säulen jiddischer und längst
verstorbener Poeten. In ihrer ursprünglichen Muttersprache, nämlich
Polnisch, hat sie jedoch nie gesungen: Ich mag diese Sprache einfach
nicht. Auch Deutsch oder Französisch stehen für ihre Lieder,
ganz im Gegensatz zu ihren ersten Auftritten am Beginn ihrer Karriere, nicht
auf dem Programm. Mit Englisch sei das etwas anderes: Reisende aller Länder
verständigten sich in einer Art Basisenglisch. Darüberhinaus wird
mit Englisch sicherlich ein breiteres Publikum und damit ein größerer
Verkaufsmarkt angesprochen als mit Hebräisch (praktisch nur in Israel
zu vermarkteb) oder Jiddisch (Israel, USA).
Dass sie nun ausgerechnet in Deutschland in gut besuchten Konzerten auftritt, in Darmstadt unplugged mit Oved Efrath (Gitarre) und Avi Agababa (Perkussion), ist für Alberstein nicht unbedingt ein Widerspruch. Anfangs hat sie wenig Interesse, genau in dem Land aufzutreten, dessen Vorväter verantwortlich zeichnen für den Tod ihres gesamten weiteren Familienkreises. Eine rationale Erklärung für ihre Ablehnung habe sie eigentlich nicht, es sei damals einfach eine Art unreflektierte Intuition gewesen. Heute verstehe die Kultur, die die jiddische Sprache samt ihrer Menschen auszulöschen suchte, Jiddisch aufgrund der sprachlichen Verwandtschaft immer noch am ehesten. Und so sieht sich Alberstein selbst als Botschafterin zweier Sprachen vor einem deutschen Publikum: Die eine, nämlich Jiddisch, konnte nicht zerstört werden, und mit der anderen, Hebräisch, entstand gar eine zweite jüdische Sprache.
Im Hinblick auf die politische Lage ist Albersteins Position eindeutig: Die israelische Armee müsse sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen. Wenn eine solche Forderung in Israel nun links sei (und als links wird in Israel alles das bezeichnet, was auch nur annähernd einen Ausgleich mit Palästinensern sucht), dann sei sie durchaus als dem linken Lager zugehörig zu bezeichnen. Dazu müsse sie aber auch gar keiner Partei angehören, sie identifiziere sich einfach mit den Strömungen der Arbeiterpartei und anderer Bewegungen, die friedfertiges Nebeneinander aller Bevölkerungsteile im Nahen Osten anstrebten. Insofern ist für Chava gerade das Doppelkonzert mit Amal Murkus ein Beweis eines kulturellen Nebeneinander zweier israelischer Künstlerinnen.
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Alberstein schätzt und liebt Murkus' Lieder, verzichtet jedoch ganz bewusst auf die bipolaren Worte jüdisch und palästinensisch, spricht gezielt von israelisch, um damit auszudrücken, dass ein Land durchaus zwei Nationen beherbergen könne. Sie träumt davon, dass eigentlich viel mehr jüdische und palästinensische Künstler gemeinsam auftreten müssten jedoch macht die Realität des Alltags heute auch ein nur gemeinsames privates Zusammentreffen oft unmöglich: Personalausweiskontrollen hier, Ausgehverbote dort, kann man tagsüber irgendwo hinfahren, ist bei Dämmerung der Rückweg verwehrt usw. Künstler benötigten viel Luft zum Atmen, viel Freiraum, der durch das Unvermögen der palästinensischen wie der israelischen Seite, einen friedvollen Modus Vivendi zu erzeugen, erheblich eingeschränkt werde. Der Frieden werde kommen, nur zu schade, dass auf dem Weg dorthin so viele Menschen unnötigerweise sterben müssten!
Von modischen musikalischen Trends lässt sich Chava Alberstein nicht
einengen.
Wenn
heute in der israelischen Unterhaltungsmusik rund 70% orientalisch geprägt
sei (in Israel benützt man im musikalischen Bereich neben
mizrakhi für orientalisch als Synonym auch den Ausdruck
yam-thichoni für mediterran), so beeindrucke sie das
überhaupt nicht. Bereits vor 20 Jahren hatte ich griechische Lieder
gemacht, und damals nannte das noch keiner mediterran', sagt
sie. Andererseits schreibe sie durchaus mediterranes Material für andere
Künstler, etwa für die in Israel überaus populäre griechische
Sängerin Glikeriyah, die kein Wort von den hebräischen Texten verstehe.
An ihre eigenen Alben geht Alberstein bewusst ohne Konzept heran,
man sammle neue Lieder, meistens mehr als für ein Album
benötigt werden.
Obwohl die Muttersprache von Amal Murkus arabisch ist, sie stammt aus Kufr Yassif, einer kleinen Stadt östlich von Akko im Nordwesten Israels, sprudeln aus ihr die Worte in einem überraschend fließendem Hebräisch nur so heraus. Geboren 1968, wächst sie mit ihren Eltern und fünf weiteren Schwestern in einem einfachen Haus auf. Von jüngster Kindheit an ist sie mit Politik konfrontiert, da ihr Vater aktiv in der kommunistisch-orientierten Listenkoalition Khadash ist (eine hebräische Abkürzung für Front für Demokratie und Gleichheit, derzeit in der Knesseth mit drei von 120 Sitzen vertreten). Kufr Yassif mit christlichen, muslimischen und drusischen Anteilen steht wirtschaftlich auf festen Beinen, da sich die Einwohner 1948 größtenteils nicht der allgemeinen arabischen Flüchtlingswelle anschlossen, sondern es vorzogen, in ihren Häusern zu bleiben. Während Amals Vater in dieser Stadt ab 1978 über zwei Jahrzehnte das Amt des Bürgermeisters innehatte, war ihre Mutter in der lokalen Frauenbewegung aktiv.
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