Jung, talentiert und portugiesisch, was für ein schöner Traum
frei nach Nina Simones und Weldon Irvine Juniors Young, gifted
and black. Der Hit
aus
dem Jahre 1969 war eine Aufforderung an junge Schwarze, ihre Talente zu
fördern und ihre Kultur nicht zu verleugnen. Dass das Lied auch für
eine junge portugiesische Fado-Sängerin etwas bedeuten könnte,
scheint auf den ersten Blick an den Haaren herbeigezogen. So verwegen ist
der Vergleich mit der schwarzen Musik allerdings nicht, wird doch der Fado
oft als portugiesischer Blues bezeichnet. Außerhalb Portugals wird
er zudem kaum gehört. Seine Wurzeln reichen bis ins 13. Jahrhundert.
In späteren Zeiten haben auch noch Schwarzafrikaner aus Brasilien und
Afrika zu seiner heutigen Form beigetragen.
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Cristina Branco in Holland (CCPH, 1998) |
Im 19. Jahrhundert tanzte die große schwarze Kolonie Lissabons zu Tänzen mit den Namen Fofa und Lundum zum Entsetzen ihrer weißen Mitbewohner. Die sexuellen Anspielungen dieser Paartänze ging ihnen entschieden zu weit. Trotzdem beeinflussten die Tänze zusammen mit den poetischen Modinha-Balladen und Vierzeilern die heutige Form des Fado. Der Weltmusik-Boom hätte dem portugiesischen Blues weltweit zum Durchbruch verhelfen können. Doch Portugal, geografisch abgewendet von Europa, mit Blick auf das weite Meer, wird von uns weder wirtschaftlich noch kulturell besonders beachtet. Cristina Branco hat das Zeug, hier Remedur zu schaffen.
Von Martin Steiner
Ich möchte den Fado von Portugal in die Welt hinaus tragen, ihn
für Europa und die Welt zugänglich machen. Dazu muss ich seine
Strukturen erweitern, offen sein für neue Formen des Fado.
Das
tönt nach Anpassung an weltweite Hörgewohnheiten, ans Radio-Format,
ist aber genau das Gegenteil. Traditionelle Fados mit ihren festgefügten
Strukturen hören sich in unseren Ohren schnell einmal alle ähnlich
an. Cristina Branco hingegen bringt Dramatik in ihren Novo Fado. Ich
bin keine Fadista, keine Fado-Sängerin im traditionellen Sinn. Ich bin
eine ´Cantora de Fado', eine Sängerin, die Fados interpretiert.
Als solche genießt sie die Freiheit, die Vokale der Gesangsparts nach
Gutdünken zu dehnen, ihre Stimme zu heben oder zu senken, während
ihre Begleitmusiker da und dort einen Ton wegnehmen oder eine ungewohnte
Kadenz einfügen. Diese sanfte Renovation des Fado lässt ihn
durchlässiger, zerbrechlicher, erdiger und vor allem spannender erscheinen.
Wenn ich in Deutschland oder Holland auftrete, versteht das Publikum
vielleicht meine Worte nicht. Wichtig ist die Essenz der Musik, ihre
Energie. Während die Kritik sich in Frankreich, den Niederlanden
und Deutschland vor allem von der geschmeidigen Stimme der Sängerin
begeistert zeigt, schreibt der Diário de Noticias aus Lissabon:
Dieser Fado regt zum Denken an,
schafft
es, völlig neue Klangwelten in den Fado zu integrieren, ohne seine
Identität zu verlieren.
Cristina Branco hat ihre Liebe zum Fado recht spät entdeckt. Ihr Großvater war mit der gesamten Familie vor der Salazar-Diktatur in die ländliche Gegend des Ribatejo nördlich von Lissabon geflohen. Dort kam Cristina 1972 im Dorf Almeirim zur Welt, weit weg von den traditionellen Fado-Häusern im Bairro Alto der portugiesischen Hauptstadt. Wie die meisten der Kinder der Nelken-Revolution (25. April 1974) hörte sie lieber Jazz, Blues, Bossa Nova und Rock. Der Fado galt in den Ohren der jungen Portugiesin als rückständig und reaktionär. Lange Zeit hatten ihn die Faschisten für ihre Zwecke missbraucht. Erst als der Großvater ihr zu ihrem 18. Geburtstag die Platte Amália rara e inédita schenkte, eine Platte mit unveröffentlichten Liedern von Amália Rodrigues, wurde sie auf den Fado aufmerksam. Die tief emotionale Stimme der Übermutter des Fado ließ sie nie mehr los. Amália Rodrigues ist die größte Fado-Sängerin aller Zeiten. Wenn ich einen Fado singe, den sie gesungen hat, tue ich das ihr zu Ehren.
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