Von Luigi Lauer
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moussolou (1991) Alle bei world circuit. |
Mit gerade mal 33 Jahren ist Oumou Sangaré
die bislang mit gutem Abstand jüngste Empfängerin des IMC UNESCO
Music Prize. Und nur zwei mal ging die Auszeichnung überhaupt an
afrikanische Musiker pardon, Musikerinnen: 1993 an Miriam Makeba,
im März wird sie 70, und 1998 an Cesaria Evora, jetzt auch schon 60.
Von Männern keine Spur, kein Ali Farka Touré, kein Youssou N`Dour,
auch nicht Manu Dibango oder Hugh Masekela und das zu Recht. Schon
ihr Gesang wäre die Auszeichnung wert, mit unglaublichem Druck in der
Stimme meistert sie selbst filigranste Verzierungen.
Behutsam hat Oumou Sangaré die Melodien und Rhythmen der Jäger
aus der Wassoulou-Region in Malis Süden aufgefrischt, hat sparsam
elektrische Instrumente hinzugefügt und die Musik in ganz Afrika
und darüber hinaus bekannt gemacht. Und mit ihren feinsinnigen,
oft ironischen Texten hat sie unermüdlich gegen die Polygamie und die
Praxis der Zwangsehe angesungen. Sich Gehör zu verschaffen, fällt
der aus Bamako stammenden Sängerin leicht, die meisten Konzerte könnte
sie getrost auch ohne Mikrofon bestreiten. Das Volumen ist auch sichtbar,
waghalsig sieht es aus, wenn sie ihren fülligen Körper auf
Stöckelschuhen über die Bühne balanciert.
Doch Oumou Sangaré hat Stehvermögen, in jeder Hinsicht, und sie
hat es seit den ersten Tagen ihrer Karriere gebraucht. Das Fundament einer
Gesellschaft in Frage zu stellen, einer entschieden patriarchalischen,
muslimischen Gesellschaft, und das als Frau dazu gehört schon
etwas. Ich habe mir gesagt, an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal in
ein Mikrofon singe, werde ich diese Missstände anprangern. Sie
hat Wort gehalten. Am 18. November wird ihr dafür in Aachen der
UNESCO-Musikpreis verliehen. Das folgende Interview gab Oumou Sangaré
kurz nach Bekanntgabe der Preisträger exklusiv für den
Folker!.
Folker!: Erst einmal herzlichen Glückwunsch! Der UNESCO-Preis gilt als eine der höchsten Musik-Auszeichnungen der Welt, und es gab 50 Nominierungen. Wie fühlt man sich in einer Reihe mit Herbert von Karajan, Miriam Makeba, Yehudi Menuhin oder dem zweiten Preisträger in diesem Jahr, Gidon Kremer?
Oumou Sangaré: Ich bin sehr, sehr stolz und erfreut, und mein ganzes Land ist stolz auf mich vor allem die Frauen natürlich. Ich bin wirklich sehr stolz! Jetzt wird mein Engagement für die Frauen von der ganzen Welt anerkannt. Jeder in Mali weiß davon, Fernsehen und Zeitungen berichten jeden Tag, und sie freuen sich alle sehr für mich. Wir feiern hier die ganze Zeit, sind ganz enthusiastisch und gleichzeitig auch überrascht über die Auszeichnung.
Der Unesco-Musikpreis heißt amtlich IMC-UNESCO Music Prize. IMC steht für International Music Council, gegründet 1949 von der UNESCO, mit Hauptsitz in Paris. Der Preis wird seit 1975 verliehen, anfangs alle zwei Jahre, inzwischen jährlich. Ausgezeichnet werden Künstler oder Institutionen, deren Aktivitäten einen Beitrag zur Bereicherung und Entwicklung der Musik darstellen und die gleichzeitig für Frieden, Völkerverständigung und andere Ziele gemäß der Charta der Vereinten Nationen eintreten. Verliehen wird der Preis im Rathaus der Stadt Aachen. Details unter: www.unesco.org/imc. |
Es war nicht immer so, dass sich das ganze Land über deinen Erfolg freute.
Als ich anfing, Polygamie und Zwangsheirat zu kritisieren, war ich sehr schlecht
angesehen. Die Leute sahen das nicht gerne, schon gar nicht bei einer Frau,
einem jungen Mädchen. Die Alten hatten Angst, dass ich eine Art Revolution
verursachen würde, dass alle Frauen rebellieren würden. Es war
wirklich sehr schwer für mich.
Die Alten haben mich sehr stark kritisiert, und
auch in der Presse wurde ich ständig angegriffen: Für wen
hält sie sich, dass sie gegen Polygamie und Zwangsheirat singt?!
Aber ich habe nicht aufgegeben, habe immer weitergemacht, und die Frauen
haben mich ganz stark unterstützt und ermutigt: Mach weiter Oumou,
wir stehen hinter dir, wir folgen dir. Das war eine große
Stütze. Ich sagte mir, ich muss einfach reden, denn die Probleme existieren
und niemand wagt, davon zu sprechen. Ich muss reden, auch wenn ich nicht
weiß, was danach passiert. Deshalb habe ich meinen Mut zusammengenommen
und Krieg geführt.
War das nicht auch gefährlich?
Es war sehr gefährlich! Wir sind hier in Afrika! Man kann mich zwar
nicht gleich erschießen, aber in Afrika kann man jemanden bekämpfen
und ihm
großen Schaden zufügen, auch ohne ihn
zu erschießen. Und die Alten hier waren wirklich bereit, mir einiges
anzutun, mich irgendwie zu beseitigen. Ich habe Dinge offengelegt, die sie
nicht akzeptieren konnten. Auch meine Mutter war irgendwann sehr besorgt
um mich und sagte Oumou, hör auf damit! Aber ich sagte,
nein, ich will weitermachen, Mama. Du hast so sehr gelitten, und viele andere
Frauen leiden immer noch, und das muss angeklagt werden.
Das klingt nach persönlichen Erfahrungen.
Oh, ja. Am Anfang meines politischen Engagements stand meine eigene Geschichte,
weil ich aus einer polygamen Familie komme. Meine Mutter war die erste Frau
meines Vaters, bevor er noch andere Frauen heiratete.
Darunter hat meine Mutter sehr gelitten. So hat
alles in meiner Familie angefangen. Es ist also auch mein ganz persönliches
Problem. Von mir selbst weiß ich also, dass alle Frauen leiden, und
ich versuche auf meine Art, all diesen Frauen zu helfen.
Eine andere afrikanische Sängerin, Aicha Koné, sagte einmal, sie fände Polygamie gut, denn im Gegensatz zu anderen Frauen wisse sie, wo ihr Mann ist, wenn er nicht zuhause ist.
Es gibt Frauen, die die Polygamie wollen. Ich hatte große Schwierigkeiten damit. Manche sagten zu mir: Oumou, wir finden die Polygamie gut! Ich sagte, um so besser. Wenn ihr die Polygamie wollt, gibt es überhaupt kein Problem. Mein einziges Anliegen ist, dass Frauen nicht leiden müssen. Ich will nicht, dass eine Frau gezwungen wird, polygam zu leben, dass sie gezwungen wird, zu heiraten, dass man sie schlecht behandelt. Aber das ist es, was bei uns sehr häufig vorkommt, und dann ist Polygamie das Härteste, was man einer Frau antun kann. Die Männer benutzen die Polygamie auf schlechte Art und Weise. Ein einziger Mann kann zwei, drei, vier Frauen heiraten. Und dann leiden die Frauen, werden schlecht behandelt und haben nichts zu sagen. Dieser Zustand macht die Frauen total fertig.
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