Er ist so was wie der Nachlassverwalter der französisch-spanischen Band Mano Negra. Mit welcher Eigenwilligkeit er dieses Amt vertritt, ist auf den beiden unter seinem Namen erschienen Alben zu hören. Manu Chao ist ein musikalischer Reporter, der statt einer Kamera stets ein Datgerät und die Gitarre im Gepäck hat. Er ist ein Freund ausgiebiger Reisen, aber keiner von sonderlich vielen Worten. Viel lieber verwandelt er seine Gedanken und Ideen in Musik, die er wie es sich für einen Globalisierungskritiker gehört im vergangenen Sommer auch in Genua unter die Leute brachte.
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Mit Mano Negra:
Solo: (alle Virgin France) |
Von Caíta Azpiri
Ich möchte eine andere Zukunft für meine Kinder. Aus keinem anderen Grund bin ich nach Genua gefahren. Unser Konzert dort kam innerhalb weniger Tage zustande: Per Handy mit den Leuten vom Genoa Social Forum und dem Zapata-Zentrum, mit Hausbesetzern aus Mailand und Genua und mit vielen anderen. Ich fand es sehr interessant, zudem kam einiges von dem Geld zusammen, das nötig ist, um die Anwälte zu bezahlen. Die italienische Regierung wusste quasi schon vor dem Gipfel, was sie wollte. Und das hat sie dann auch bekommen: Einen Toten in der Kiste. Zu diesem bitter-ironischen Resümee klopft Manu Chao vehement auf die Tischplatte so als ob der Nachdruck seiner Worte und der darin enthaltenen Gefühle damit ein wenig abgefedert werden könnte.
Die wenigen Konzerte, für die sich der Franko-Spanier nach etlichen
Jahren nun endlich mal wieder in Deutschland blicken ließ, versprachen
mehr von der Organisiertheit, auf die Chao im
Grunde
schon lange nicht mehr steht. Die übliche, für meine Begriffe
mittlerweile überholte Konzerttour reizt mich viel weniger als etwa
das Konzept des Zirkus eines Ortes, der jegliche Fantasien und
Überraschungen zulässt. Genau wie das Leben an sich, an dem mich
auch am meisten der Überraschungseffekt reizt. Und genau den möchte
ich gerne aufs Publikum übertragen. Inwieweit das auch funktioniert,
wenn wie beim Berliner Konzert achttausend Leute die
Konzertbühne in einer riesengroßen dunklen Halle umlagern, ist
eine Frage, die sich der einstige Frontmann von Mano Negra im Moment wohl
eher nicht stellt. Etwas ordentlicher und planvoller sei er nach eigener
Aussage schon geworden, darüber hinaus aber auch spürbar
fröhlicher. Sein sogenanntes Solodebüt hat offenbar nicht nur Manus
Reisekassem sondern auch seinem Gemüt ziemlich gut getan.
Clandestino' brachte mir viel Spaß und jede Menge Kraft
ein. Die enorm herzliche Resonanz der Leute hat mir allerhand Zweifel und
eine gewisse Scheu vor der Zärtlichkeit genommen, die zu Mano-Negra-Zeiten
und davor fast so was wie eine Schande war. Wir waren damals wie im
Rock so üblich immer ein wenig hart drauf. Die
fröhlich-derben
Vibrations
jener Pariser Ethno-Punk-Band entfacht Chao jedoch heutzutage aufs Neue mit
einer losen Musikertruppe namens Radio Bemba: Egal vor welchem Publikum und
unter welchen Umständen ob in einer prall gefüllten
Mega-Konzerthalle, irgendwo in Lateinamerika auf der Straße während
einer seiner vielen Reisen oder in einer kleinen Schmuddelbar in Barcelona.
Dorthin hatte es ihn 1999 nach einem mehrjährigen Madrid-Aufenthalt
und dem Aus von Mano Negra Mitte der Neunziger nicht zufällig verschlagen:
In Barcelona habe ich mich ganz gut eingerichtet und mit einer bunt
zusammengewürfelten Schar von Musikern zusammen getan, alten und neuen
Freunden aus Argentinien, Italien und Mexiko. Wenn überhaupt, dann ist
Spanien für mich einer der letzten europäischen Flecken mit einem
wirklich und für mich lebenswichtigen Straßenleben, wenngleich
es auch dort so langsam von all den EU-Gesetzen kaputt gemacht wird.
Diese machen dem Sohn einer Baskin und eines Galiciers noch in einem anderen
Zusammenhang zu schaffen, der sich auch als roter Faden durch die 16
Stückchen von Clandestino schlängelt: Die unzähligen
sogenannten
Illegalen, die sich ohne Papiere und somit ohne Rechte durch
die Welt von Behörden, Bürokratien und Ausländergesetzen zu
schlagen haben. Auch Manu Chaos neues Album hat wieder so eine Art humanistischen
Überbau bekommen, den bereits der CD-Titel Próxima
Estación ... Esperanza Nächste Station:
Hoffnung ankündigt: Die Lautsprecheransagen der gleichnamigen
Madrider Metro-Station streute der Soundschnipseljäger als akustische
Metapher quer über die ganze CD. Auch wenn an jeder nächsten Station
die Hoffnung lauert, so ist es nach Ansicht des weltgewandten Reisejunkies
doch ziemlich miserabel bestellt. Falls überhaupt jemand
das Zeug dazu hat, diese Welt zu verändern, dann kann die Hoffnung allein
den Jugendlichen gehören. Doch sehe ich gerade deren Erziehung als aktuell
gravierendstes und weltweit zunehmendes Problem. Auf meinen Reisen
egal ob in den Vororten von Paris, von spanischen Städten oder in
Lateinamerika fällt mir auf, dass eine Generation von Zehn- bis
Vierzehnjährigen heranwächst, die weder von ihren Eltern noch der
Schule, sondern zu 90 Prozent durchs Fernsehen erzogen werden. Und das
respektiert bekanntermaßen nichts. Sogar die älteren, die selber
in Gangs sind, kommen mit ihren jüngeren Geschwister nicht mehr klar:
Die
sind ja noch schlimmer als wir, die haben ja schon gar keine Ethik mehr.
Man sieht in aller Welt die Unfähigkeit der Regierungen, mit
diesem Thema umzugehen. Mir scheint es höchste Eisenbahn, sich wieder
mehr der Erziehung zu widmen und diese nicht dem Fernsehen zu überlassen,
anstatt mit neuen Gesetzen die Kids hinter Gitter zu bringen, nur weil man
nicht weiß, was man mit ihnen machen soll. Die Gesellschaft hat mit
diesen, teilweise echt harten Kids quasi ihre eigenen Frankensteins
hervorgebracht. Erstaunlich moralisierende und sensible Töne für
einen alten und irgendwie auch immergrünen Anarcho-Punk wie Manu Chao.
Ähnlich erstaunlich auch die Gelassenheit, mit der er dem großen
Trubel begegnet, der mittlerweile um ihn gemacht wird.
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