Wer Martin Carthy jemals aus der Nähe oder
im Gespräch erlebt hat, der wird bestätigen: So und nicht anders
sollten sich Legenden benehmen! Tun sie nur leider nicht immer! Martin Carthy
allerdings ist sozusagen vorbildlich: Die Gelassenheit eines Elder
Statesman', die Wissbegier eines Kindes, die Natürlichkeit des Nachbarn
jenseits des Zaunes und die ungespielte Bescheidenheit eines Künstler,
der nie mit seinen enormen Talenten hausieren ging. Er hat in den letzten
gut 40 Jahren einfach das praktiziert, was ihm am meisten Spaß macht:
traditionelle und zeitgenössische englische Lieder und Melodien
interpretieren. Damit avancierte er laut dem Rough Guide to World Music
zur einflussreichsten und gefeiertsten lebenden Persönlichkeit
der
englischen Roots Szene. Anlässlich
seines 60. Geburtstages erschien eine ungewöhnliche CD-Box. Für
den Folker! Anlass genug, den Mann, die Musik und die Box zu
beschreiben.
Von Mike Kamp
Early Carthy Martin Carthy war ein überdurchschnittlich guter Schüler
und dennoch hat es trotz Überredungsversuchen des Vaters nie zu einem
Abschluss gereicht (I lost interest, lautet seine lapidare
Erklärung ), zu einer Ausbildung herkömmlicher Art sowieso nicht.
Ursprünglich wollte er Schauspieler werden, aber das Folk-Virus hatte
ihn bereits zu Schulzeiten erwischt und dieses Virus war ein bärenstarkes.
Lonnie Donegan sang The Rock Island Line (die erste Single, die
sich Martin kaufte), Skiffle-Musik war kurz, aber heftig angesagt. Martins
Liebe nahm den Umweg über Amerika, Big Bill Broonzy und Elizabeth Cotton,
bevor er hoffnungslos der englischen Folkmusik verfiel. Wenn es um die
Identifizierung der Schuldigen an diesem Umstand geht, dann fallen
natürlich die Namen der Überväter des britischen Revivals,
Ewan MacColl und A.L. Lloyd, oder der des US-Amerikaners Alan Lomax (s.a.
Folker! 4/99), aber es war Sam Larner, ein 80-jähriger ehemaliger Fischer
aus der Grafschaft Norfolk, dessen Gesang ihn 1958 in einem Londoner Folkclub
ein für allemal zur englischen Folkmusik brachte. So seltsam es sich
aus heutiger Sicht anhören mag, Martin rutschte einfach so in die Rolle
des professionellen Folksängers. Jede Menge Clubauftritte (damals gab
es alleine in London schätzungsweise rund 400 Folkclubs!)
und
1963 eine erste EP mit The Thamesiders ließen bei ihm nie das
Bedürfnis nach einer anderen Beschäftigung aufkommen. Um diese
Zeit kam ein weiterer berühmter Jubilar des Jahres 2001 nach London.
Die Rede ist von Bob Dylan. Dessen erste Anlaufstation war Martin Carthy.
Dylan war besonders beeindruckt von Martins Version von Lord
Franklin (man höre sich nur Mr. Zimmermanns Bob Dylan's
Dream an), aber auch seine Theorie von Pianorecycling hat Dylan
überzeugt (im Beibuch zu The Carthy Chronicles nachzulesen).
Legendär war auch das Treffen zwischen Carthy und einem weiteren Amerikaner,
einem gewissen Paul Simon, der ganz aufmerksam lauschte, als Martin das
Traditional Scarborough Fair anstimmte, so aufmerksam, dass wenige
Jahre später ein Duo namens Simon & Garfunkel mit dem Song einen
Nr. 1-Hit hatte. Da war allerdings aus dem Trad./Arr. der Verfasser
und Arrangeur Paul Simon geworden und das war dann das Ende einer Freundschaft.
Erst im letzten Jahr feierte man offiziell Versöhnung, als beide
anlässlich eines Paul-Simon-Konzertes im Londoner Hammersmith Apollo
das fragwürdige Lied gemeinsam interpretierten. Martins Einfluss war
also bereits damals beträchtlich. Donavan z.B. war absolut kein Fan
des dogmatischen Ewan MacColl, erinnert sich anlässlich eines BBC-Interviews
aber gerne an den Gitarristen und Sänger aus London: Derjenige,
der uns beigebracht hat, wie man all diese traditionellen Lieder singen und
spielen kann, war Martin Carthy.
Carthy und Swarbrick 1965 stand eine dieser Begegnungen an, die für eine der sorgältig gepflegten Legenden der Folkgeschichte sorgen sollte. Dave Swarbrick spielte ohne größere Inspiration die Fiddle in der Ian Campbell Folk Group. Das erste Treffen fand zwar im Troubadour in London statt, aber erst kurze Zeit später, als Martin in Campbells Club in Birmingham spielte, machte es klick zwischen Carthy und Swarbrick. Menschlich passten die beiden bestens zusammen (was gelegentliche Kräche nicht ausschloss), aber vor allem war es eine gemeinsame Sicht dessen, was man mit traditionellen Liedern und Melodien machen darf (so gut wie alles) und was nicht (zwischen Buchdeckel pressen und wegschließen). Es passte einfach, Kritiker bescheinigten dem Duo telepathische Fähigkeiten und tatsächlich machten Martin und Swarb mit Gitarre und Geige eine Musik, wie sie bis zu dem Zeitpunkt noch nicht zu hören gewesen war, eine einzigartige Mischung aus traditionellem und zeitgenössischem Material. So spontan und frei war ihre Musik, dass es überliefert ist, dass Martin bei einem neuen Lied Dave einfach eine Tonart zurief und dann mit dem Song anfing. Nach spätstens ein bis zwei Minuten Stimmen und Probieren stand die Fiddle-Begleitung. Sechs Alben entstanden in den nächsten vier Jahren, allesamt Klassiker vom ersten (Martin Carthy) bis zum letzten (Prince Heathen) und natürlich noch allesamt erhältlich. Naja, eigentlich war Prince Heathen das vorerst letzte Album, denn die Partnerschaft Carthy/Swarbrick wurde in den frühen 90ern für zwei schöne CDs wiederbelebt, Life And Limb und Skin And Bone.
Carthy und der Folkrock 1969 wechselte Swarbrick zu den einen englischen
Folkrock-Pionieren Fairport Convention, ein Jahr drauf wurde Carthy Mitglied
bei den anderen Pionieren des Genres, Steeleye Span. Deren Name hatte er
übrigens mehr oder weniger unbewusst zu verantworten, weil er ihnen
von diesem Lied (Horkstow Grange) und diesem darin vorkommenden
Typen (Steeley Span) berichtet hatte. Als Martin 1970 auf dem Cambridge Folk
Festival mit der E-Gitarre auf die Bühne spazierte, müssen einige
Zeitzeugen Vergleiche mit Dylan und Newport gezogen haben. Tatsache ist,
dass
die beiden Steeleye-Veröffentlichungen mit Martin Carthy, Please
To See The King und Ten Men Mob, absolute Folkrock-Meisterwerke
sind. Als Steeleye Span Ende der 70er Jahre den großen Abschied planten
(aus dem bekanntlich bis heute nichts wurde), da kam Martin für zwei
weitere Veröffentlichungen mit der Band zurück und überzeugte
die Gruppe, zwei Bertold-Brecht-Songs mit ins Repertoire zu nehmen, unvorstellbar
für eine Folkband! Und dann ist da noch das 1999er Jubiläumsalbum
The Journey, wo die gesamte personell erreichbare Steeleye-Geschichte
vertreten war.
Nach Steeleye Span war jedoch sein Folkrock-Ausflug noch nicht zu Ende. Ashley Hutchings rief, und für Battle Of The Field wurde Martin Mitglied bei der Albion Country Band und dem daraus resultierenden Projekt Son Of Morris On. Es spricht Bände über den Menschen Martin Carthy, wenn man feststellen kann, dass sämtliche seiner Kollaborationen im Folkrock-Bereich und darüber hinaus nie im Krach endeten, so dass er zu einem späteren Zeitpunkt immer wieder noch einmal mit den ehemaligen Kollegen zusammenspielen konnte.
Carthy & Co. Swarbrick, Steeleye und die Albions, das ist nur ein kleiner
Ausschnitt aus den Aktivitäten des Martin Carthy. Noch vor seiner
Folkrock-Zeit traf er auf die einzigartige a-cappella-Familiengruppe The
Watersons (1970 heiratete er Norma) und 1975 wurde die musikalische
Zusammenarbeit mit For Pence And Spicey
Ale erstmals auf Platte dokumentiert. Etwas
neueren Datums ist die Formation Brass Monkey mit seinem alten Kumpel John
Kirkpatrick und einer ausgewachsenen Bläsersektion. Entstanden war die
Gruppe, weil Martin sich überlegte, wie man anders als mit Rockzutaten
der Folkmusik neue Kraft und Frische geben könnte. Brass Monkey sind
ein rundum gelungenes Experiment, was nur an der Tatsache leidet, dass die
Mitglieder meist mit anderen Dingen beschäftigt sind. Die meisten Musiker
tanzen aus Kreativitäts- und/oder Finanzgründen bekanntlich auf
diversen Hochzeiten. Eine weitere dieser Tanzgelegenheiten für
Martin ist heutzutage Wood, Wilson & Carthy, wo er sich mit zwei jungen,
energiegeladenen Musikern zusammentut, die altersmäßig (fast)
seine Söhne sein könnten. Oder Band Of Hope mit Roy Bailey. Oder
das Silly Sisters-Projekt. Oder Blue Murder, die extrem
a-cappella-lastige Kombination von Waterson:Carthy, Mike Waterson sowie Coope,
Boyes & Simpson, ganz zu schweigen von unzähligen Sessions mit Menschen
wie Leon Rosselson, Les Barker, Peter Bellamy oder Richard Thompson.
Am wichtigsten ist ihm jedoch momentan Waterson:Carthy mit seiner Frau Norma und seiner Tochter Eliza, seit 1999 incl. Saul Rose. Drei CDs sind bislang erschienen, eine vierte steht kurz vor der Veröffentlichung. Es ist einfach etwas ganz Besonderes, mit der eigenen Familie zu musizieren. Wenn du mit Blutsverwandten spielst, dann passiert etwas ganz Mysteriöses, etwas, was man mit nichts anderem vergleichen kann. Da kommt einfach nichts dran. Es ist etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass es mir passieren könnte. Passiert ist es relativ spät in meinem Musikerleben und es ist erstaunlich, fesselnd, aufregend und fantastisch. Ich glaube nicht, dass es etwas Besseres geben kann.
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