Bluegrass ist heute in fast allen europäischen Ländern vertreten, wenn auch in sehr unterschiedlicher Stärke. Einen repräsentativen Überblick konnte man jetzt bei der dritten Ausgabe von "European Bluegrass Festival & Trade Show" vom 2. bis zum 4. Juni 2000 im niederländischen Städtchen Barneveld-Voorthuizen in der Nähe von Utrecht bekommen. Bei der dreitägigen Marathonveranstaltung traten 40 Gruppen vom "alten Kontinent" sowie auch einige aus den USA auf.
Zum Festival gehörte eine kleine Messe, bei der Instrumente, Platten, "Western Wear" und Zeitschriften angeboten wurden. Konzerte wie Messe waren Höhepunkte der Kampagne "EWOB 2000", der "European World of Bluegrass". Unter dieser Überschrift fanden vom 16. Mai bis zum 12. Juni europaweit Konzerte statt, mit denen für "Bluegrass" geworben wurde. Das Kurzfazit lautet: Die musikalische Qualität war recht hoch, z.T. sogar sehr gut, fast die Hälfte der Bands kam aus der Tschechischen Republik, die Stimmung war, wie bei Bluegrassern üblich, freundschaftlich und kollegial. Bluegrass in Europa ist auf dem Vormarsch, auch wenn es in Deutschland eher nach Stagnation aussieht.
Das Festival ist einerseits als Treffpunkt der Musiker gedacht, als Möglichkeit zur Begegnung und zum Austausch, andererseits soll es eine Breitenwirkung haben, der Öffentlichkeit zeigen, was Bluegrass ist und welche Reize diese Musik zu bieten hat. Es soll keine Bühne für einige wenige Stars sein, sondern ein Forum für möglichst viele. Praktisch jeder, der sich beworben hat, konnte bislang mitmachen. Das durchschnittliche Niveau ist dennoch seit dem Start 1998 gestiegen (ausgesprochene Anfänger waren indes ohnehin nicht dabei). Bei den Auftrittszeiten geht es auch ausgesprochen demokratisch zu: Jede Band hat etwa 25 Minuten für ihren Beitrag. Allenfalls die Gestaltung des Tagesablaufs verrät eine Gewichtung, da die Topbands als Höhepunkt in die späten Abendstunden gelegt wurden. Die spärlichen Einkünfte erlauben auch keine tollen Gagen, nur die Bands mit einer weiten Anreise bekommen ein kleines Kilometergeld. Für Spitzenbands ist diese Politik natürlich kein Anreiz, sich auf den langen Weg nach Holland zu machen, wenn gleichzeitig ein gut bezahlter Gig lockt. So fehlte auch beim diesjährigen European Bluegrass Festival ein echter Publikumsmagnet. Aber, die Veranstalter wollen es so.
Die
Bands kamen aus für Bluegrassmusik relativ exotischen Ländern wie
Finnland, Russland, Polen, Bulgarien und Slowenien, darüberhinaus waren
England, Nordirland, Dänemark, Belgien, Italien, Österreich und
die Schweiz vertreten und natürlich die gastgebenden Niederländer.
Aus dem nahen Deutschland waren vier Gruppen gekommen, Grass Unlimited, die
Looping Brothers, die Lousy Stringband und die Fox Tower Bluegrass Band aus
Jena als Topband. Die starke Anwesenheit der tschechischen Musiker ist keine
Überraschung, hat Bluegrass dort doch seit der Tramp-(bzw.
Wandervogel-)Bewegung der 20er Jahre eine lange Tradition, und das Füllhorn
an hochbegabtem Nachwuchs ist unerschöpflich. Aus den USA war mit Adam
Dewey & Crazy Creek aus Boston eine hierzulande noch ziemlich unbekannte
Band angereist, die dem Stil von Joe Val verpflichtet ist. Dazu kamen mit
Wayne Henderson & Helen White sowie Neil Rosenberg & Richard Blaustein
zwei Old Time Duos.
Ein Wettbewerb war nicht mit dem Festival verbunden, aber mit einer Umfrage wurden die Bands ermittelt, die in der Gunst des Publikums ganz oben standen. Da nun kaum jemand bei einem 28-Stunden-Programm alle Auftritte hören konnte, ist das Ergebnis natürlich nicht mehr als ein allgemeines Stimmungsbarometer. Auf die ersten Plätze kamen: Rélief (CZ), Bluegrass Stuff (I), Lusation Grass (CZ), Fifty Fingers (CZ) und Sunny Side (CZ) - also wie gehabt: Tschechien vorneweg.
Trotz einiger Old-Time-Acts und Gruppen mit Folk-, Singer/Songwriter- und Countryrockanleihen (u.a. bei der polnischen Grupa Furmana) standen "klassische" Bluegrassklänge im Mittelpunkt des Festivals. Innerhalb dieses Bereichs war viel vertreten von den ultratraditionellen Tschechenbands wie Sunny Side und Early Grass Revival bis zu den zeitgenössischen Klängen etwa der englischen Band Blackjack. Eine New-Grass-Revival-orientierte Band (von denen es in Europa noch mehr als in den USA gibt) war in den Niederlanden jedoch ebensowenig vertreten wie eine ausgesprochen experimentell-avantgardistische Gruppe.
Neil Rosenberg, Autor des bislang unbestrittenen Standardbuches über
die Bluegrassmusik ("Bluegrass A History"), bezeichnete in einem der
Workshops unter Verweis auf Musikerinnen wie Alison Krauss, Laurie Lewis
und Lynn Morris die zunehmende Bedeutung der Frauen als die wichtigste Tendenz
im
US-Bluegrass
der letzten Jahre. Eine Entwicklung, die auch in Europa zu beobachten ist.
Zu nenen sind hier herausragende Sängerinnen wie Lilly Drumeva (Lilly
of the West), Liz Meyer (mit Nugget aufgetreten), Katarina Mitteregger (Nugget),
Adri Richter (Flexibility), Karolina Stanska (Lusation Grass) und Svata
Stepankova (Fifty Fingers). Weitere Workshopthemen waren in Barneveld-Voorthuizen
den Gesangsharmonien im Bluegrass, den Liedkompositionen und den diversen
Instrumenten gewidmet.
Die Veranstaltung in Holland hat ihre Wurzeln in den USA. Dort gründete im Jahr 1985 eine Handvoll von Musikern und Geschäftsleuten die "International Bluegrass Music Association", kurz IBMA, die mittlerweile ihrem Namen gerecht wird und sich auch um die internationalen Aspekte der Bluegrassmusik kümmert. So riefen mit Unterstützung der IBMA vor einigen Jahren einige europäische Aktivisten das "European Bluegrass Network" (EBN) ins Leben. In mehreren Ländern Deutschland ist nicht darunter wurden seitdem auch nationale Bluegrass-Vereinigungen gegründet. Eine Entwicklung, die offensichtlich von der IBMA in den USA mit Freude verzeichnet wird, kam doch schon zum zweiten Mal deren amtierender Geschäftsführer Dan Hays nach Holland, um die europäischen Bluegrassfreunde zu unterstützen, u.a. mit einem namhaften Dollarbetrag zum Aufbau einer besseren organisatorischen Infrastruktur. Da das europäische Bluegrass-Netzwerk jedoch letztlich nur aus selbsternannten Häuptlingen mit dem Schweizer Paolo Dettwiler an der Spitze eines fünfköpfigen Vorstands ohne Indianer besteht und die Aktivitäten eine solide rechtliche Grundlage benötigen, will man noch in diesem Jahr eine offizielle "European Bluegrass Music Association" (EBMA) gründen, in der die nationalen Vereinigungen zusammengefasst werden sollen.
Kontakt EBN:
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Anmerkung der Redaktion:
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Mehr über IBMA, EBN, EBMA und EWOB im Folker! 6/2000