Das Leben ist ungerecht, höchst ungerecht! Wem sage ich das! Wenn wir Otto-Normal-Folkies in ruhigen Momenten über unsere Existenz nachdenken und versuchen herauszufinden, was denn nun genau unser Beitrag z.B. für die Folk-Szene ist, wo also in dieser Hinsicht unsere starken Seiten liegen, dann kommen wir nach schmerzhaft langem Überlegen bestenfalls auf ein Talent, ganz wenige von uns vielleicht auf zwei. Die Sache mit den Talenten kann man auch bildlich ausdrücken. Dann befinden sich die Talente nämlich in einem Topf und der Schotte Brian McNeill ist Obelix. Nein, nicht (nur) optisch, aber er muss irgendwann mal in diesen Talentetopf gefallen sein, zu umfangreich ist die Liste seiner Meriten: Meister auf unzähligen Instrumenten (vor allem der Fiddle), Kooperationen mit unzähligen Musikern von Battlefield Band bis Caledon, Komponist unzähliger mitreißender Tunes und intelligenter Lieder, Zusammenstellung unzähliger, überzeugender Konzeptalben und -programme, Produzent unzähliger CDs (z.B. der der dänisch/schottischen Formation Bellows & Drones, s.a. Rezension Folker! 2/2000) sowie Autor von Büchern, zwei an der Zahl. Man könnte Brian McNeill einmal ganz beiläufig fragen: "Zeichnest du etwa auch?" Sollte er bejahend antworten (was mich nicht wundern würde), dann könnten wir uns wahrscheinlich auch auf eine beeindruckende Ausstellung in irgendeiner ungewöhnlichen Galerie gefasst machen.
Von Mike Kamp
Bezug:
CD: FMS 2084, 14 Tracks, 69:37,
Tunebook: Dragonfly Music,
Buch: Black Ace Books, ISBN 1-872988-32-6, |
Es ist müßig darüber zu streiten, was zuerst in Brians Kopf
war, der Roman oder die CD. So wunderbar müßig jedenfalls wie
die Frage nach der Reihenfolge von Huhn und Ei. Selbstverständlich
würde ich auf das Buch tippen, denn von der ersten Idee bis zu den fertigen
Seiten zwischen zwei Deckeln benötigt so ein Buch eine gewisse Zeit.
Ich jedenfalls habe zuerst die
CD
gehört und das Booklet gelesen, wobei das zweitere genauso wichtig ist
wie die erstere. Ich weiß nicht, wie viele Bücher einen Soundtrack
haben oder wie viele Platten auf "Das Buch zur CD" verweisen können.
Das ist sicherlich ein extrem seltenes Phänomen und daher sollten eigentlich
CD und Roman parallel genossen werden. Wenn das aber aus organisatorischen
und/oder finanziellen Gründen nicht möglich ist, sind "CD und Booklet
parallel" ein guter Ersatz. In dem kleinen Heftchen erzählt Brian, wie
er in Sterling den Protagonisten der Geschichte(n), Alex Fraser, trifft.
Die beiden kennen sich, beide sind Fiddler, der eine sesshaft, der andere
umherziehender Straßenmusiker und als solcher permanent in Abenteuer
verwickelt. Sie gehen in einen Pub, packen ihre Instrumente aus, spielen
sich gegenseitig ihre Tunes vor, erzählen sich ihre Erlebnisse und als
sie sich trennen, sind aus den geplanten ein bis zwei Stunden unversehens
sieben geworden.
Und weil er gerade so schön dabei war, bekam auch das längst
fällige Tunebook den Einheitstitel verpasst. Fast die komplette obige
CD ist dabei, außer "Quodlibet"
(weil
von D. Gaughan), "Peace And Plenty" (weil als alter McNeill-Hit bereits
veröffentlicht?) und "In Praise Of Red Hair" (weil? Keine Ahnung).
Dafür sind Instrumentals älterer CDs dabei. Etwa der "Heroe's Reel"
von der CD "No Goods" und ein Teil dieses Reels heißt "Tommy Sheridan's".
Die Person hinter dem Namen ist interessant. Brian McNeill bezeichnet Tommy
Sheridan als Schottlands bekanntesten linken Grassroots-Aktivisten. Heute
sitzt Tommy als einziger Abgeordneter der Scottish Socialist Party im neuen
Parlament in Edinburgh und sorgt am laufenden Band für Verwirrung, wobei
man nicht sicher weiß, ob das an seiner sozialistischen Einstellung
oder an seiner gesunden Sonnenbankgesichtsfarbe liegt (oder an dieser etwas
ungewöhnlichen Kombination).
Das Pfauenbuch ist der Nachfolger von "The Busker", erschienen 1989 und damals
als der Hauptgrund genannt, warum Brian McNeill der Battlefield Band nach
all den erfolgreichen Jahren den Rücken kehrte. Heute wissen wir, dass
das nicht der einzige Grund gewesen sein kann. Natürlich wollte Brian
mehr Zeit haben, aber nicht unbedingt nur für die
(Schriftstellerei,
sondern für all das, was ein hyper-kreativer Kopf wie er bei der notwendigen
Gruppendisziplin einer Band für sich behalten musste. "The Busker" war
bereits mehr oder weniger fertig, als das Gründungsmitglied noch mit
der Battlefield Band durch die Lande zog, und dass die Schriftstellerei in
seinem Leben nicht den allerersten Platz einnimmt, zeigt die Tatsache, dass
zwischen den zwei Büchern eine gute Dekade und jede Menge erfolgreiche
CDs liegen. Der wenig strahlende Titelheld beider Bücher ist der bereits
erwähnte Alex Fraser, Fiddler und Straßenmusiker. Diese Kombination
fordert die Frage geradezu heraus, wie viel McNeill in Fraser steckt.
Authentizität ist garantiert, denn Brian kennt sich aus an Frasers
Arbeitsplatz, den Fußgängerzonen Europas. Und wenn man die
(unterschiedlichen) Lokationen beider Romane betrachtet, dann wird auch hier
deutlich: Der Autor spricht aus Erfahrung. Stellen wir also ganz pauschal
fest: So ganz weit weg voneinander sind Figur und Autor nicht.
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Mehr über Brian McNeill im Folker! 5/2000