Damals ... das ist
eine ganze Weile her. Es war Anfang 1980. Da ging ich ab und zu in eine Kneipe
in Sutton, etwas südlich von London in der Grafschaft Surrey gelegen.
Zum Roten Löwen" hieß sie, örtlich natürlich besser
als The Red Lion" bekannt. Das Lokal war gleichzeitig Heim und
Herd" eines Folkclubs. Noch vor ihren Pentagle-Zeiten sollen John Renbourne
und Jacqui
McShee dort gespielt haben. Es war Winter, als ich mit einer
Tasche voll Ausgaben der ersten Nummer von Swing 51", einer Zeitschrift,
die ich in jenen Januartagen herausgebracht hatte, das Pub betrat. Im
Hinterzimmer standen ein Mann mit langen schwarzen Haaren und eine Frau mit
ebenfalls sehr langen dunklen Haaren. Er schaute mich an, warf einen Blick
auf die Hefte und meinte nur, also Du bist der Swing 51-Typ!
Ich bin Ian Anderson von Southern Rag.So haben wir uns
kennengelernt, Ian Anderson und seine damalige Frau Maggie Holland (damals
Kern der Gruppe Hot Vultures). Das ist lange her ... aber das waren
Zeiten!
Von Ken Hunt
Vom Musiker zum ChefredakteurIan Anderson wurde am 26. Juli 1947 in der Grafschaft Somerset geboren. Zu Zeiten des britischen Blues-Booms tauchte er zwischen 1966 und 1968 erstmals in der Szene auf. Er produzierte einige EPs auf Saydisc und war mit zwei Titeln auf der wichtigen Anthologie Blues Like Showers Of Rain" vertreten. Es folgten Platten mit Mike Cooper. Der junge Musiker hatte schon bald jedoch ein Problem mit seinem Namen. Gab es da doch diese Beatgruppe" Jethro Tull mit dem Flötisten Ian Anderson. Zwangsweise änderte der heutige fROOTS-Chef seinen Namen in Ian A. Anderson, was ihn nach eigenen Angaben ziemlich nervte. 1973 gründete er mit seiner damaligen Frau Maggie Holland (die immer noch Platten veröffentlicht und auch fROOTS-Autorin ist) die Gruppe Hot Vultures. Weitere Stationen von Ian Andersons musikalischer Karriere waren die English Country Blues Band sowie die daraus hervorgegangene Gruppe Tiger Moth, die in der Besetzung mit Anderson bis 1990 spielte. Heute hat Ian Anderson seinen eigenen Namen ohne A." wieder, die beste Roots-Zeitschrift im Westen (Vom Folker! einmal abgesehen! Anmerkung der Redaktion) und mit Hanitra eine Frau, die bei der madegassischen Gruppe Tarika das Sagen" hat. |
Zur Jahreswende 1979-80 erschienen die ersten Nummern von Southern Rag" und Swing 51". Damals war unheimlich viel los in der englischen Folkszene. Nur, man las praktisch nichts davon, und wir wollten mehr darüber erfahren. Mit der Berichterstattung in den erhältlichen Musikzeitschriften waren wir alle absolut unzufrieden. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man meckert herum oder man unternimmt etwas. Ohne voneinander zu wissen, gründeten Ian Anderson und ich jeweils ein eigenes Musikmagazin. Das Zusammentreffen im Red Lion" war nicht nur der Beginn einer langen Freundschaft. Mit den beiden Magazinen erweiterte sich mein Horizont. Es mag vielleicht etwas übertrieben klingen. Doch dadurch hat sich alles in meinem Leben geändert. Jeder für sich und manchmal auch gemeinsam entdeckten wir eine neue (musikalische) Welt.
Vor fROOTS gab es Folk Roots, davor Southern Rag. Doch eigentlich fing alles mit Folk Review an", erinnert sich Ian Anderson. Fred Woods hatte mir angeboten, sein kleines Magazin zu übernehmen. Er hatte mit seinem Buchladen in Nantwich genug zu tun. Er meinte, er hätte keinen richtigen Überblick mehr, was in der Szene los wäre. Das veranlasste ihn, das Heft an jemand anderen weiterzugeben. Ich brachte ein kleines Team zusammen, das die erforderlichen Fähigkeiten besaß bzw. Lust hatte zu lernen. Wir schauten uns die Geschäftsbücher genau an, und es war klar, dass das Projekt eigentlich eine absolute Totgeburt sein würde. Trotzdem waren wir scharf darauf, eine solche Zeitschrift zu übernehmen."
Ursprünglich wollten Ian Anderson und seine Freunde nur eine regionale Zeitung für Südengland gründen. Bei unseren Tourneen stellten wir immer wieder fest, dass es einen Zusammenhang zwischen einer guten regionalen Zeitschrift und der jeweiligen Szene in dem Teil des Landes gab. Damals gab es rund zwei Dutzend solcher Zeitschriften, aber keine einzige für Mittel- und Südengland. Das war unser Ausgangspunkt. Wir wollten jedoch nicht nur eine regionale Zeitung machen, sondern auch ein gutes Fachmagazin. Wir wollten Interviews abdrucken. Wir wollten weder Besprechungen, die wie Schulaufsätze waren nach dem Motto Was ich in meinen Ferien erlebt habe, noch solche, in denen die Platten immer nur hochgelobt wurden. In gewisser Weise war dieser Ansatz unser Untergang. Die Sache wuchs uns schnell über den Kopf. Das Heft nahm innerhalb kürzester Zeit ein Eigenleben an. Überall wollten die Leute unser Blatt lesen. Wir konnten noch nicht einmal mehr unhöflich sein, wenn wir beispielsweise über die Nordengländer herzogen."
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Mehr über fROOTS im Folker! 2/2000