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Piet Pollack |
Sie gehören zu den wichtigen Vertretern, die ihren Ursprung noch in der Blütezeit des DDR-Folk hatten, obwohl sie nicht die Popularität von Folkländer, Wacholder oder Horch erreichen. Vielleicht liegt es daran, dass die Musik von Antiqua weniger spektakulär ist, qualitativ hochwertig ist sie allemal. Und vielseitig: Die Spannbreite reicht von Renaissancemusik, Madrigalen, höfischen Instrumentals und Tänzen bis hin zu folktypischen Kneipensongs und erotischen Volksliedern. Dabei werden historische Instrumente neben Percussion und Synthesizer eingesetzt, alte Musik in modernen Arrangements geboten.
Von Reinhard Ständer
Die meisten DDR-Folkgruppen gründeten sich
an Unis und Hochschulen. So auch Antiqua 1981 treffen sich an der
Pädagogischen Hochschule Potsdam Piet, Arnim und Paul und haben ein
Jahr später in Hennigsdorf als Die Gartenzwerge ihren ersten
Auftritt. Offizielles Gründungsdatum von Antiqua ist der 8. Oktober
1982. Die damals noch dreiköpfige Folkband orientiert sich an
Zupfgeigenhansel und den zahlreichen Gruppen der inzwischen beachtlichen
DDR-Szene. 1983 beginnen erste Versuche, zum Volkstanz zu spielen, später
hat Antiqua wie andere Folkgruppen auch eine eigene Tanzgruppe: Schwenkhops.
Dadurch steigt die Zahl der Auftritte enorm,
ein neues Publikum wird erschlossen. 1984 nimmt die Gruppe an einer der
legendären Leipziger Folkwerkstätten teil. Kerstin wird neues
Gruppenmitglied und das erste eigene Liederheft erscheint. Um die Heftreihe
fortzusetzen, veröffentlicht Antiqua in der Tagespresse einen Aufruf
zur Volkslied-Sammel-Aktion. Die erste Auslandstournee führt
die Gruppe in die damalige Sowjetunion. Außerdem organisiert man die
erste Potsdamer Bezirkswerkstatt und die Bezirksarbeitsgemeinschaft
Musikfolklore (offizielle DDR-Bezeichnung, die sich in der Szene
nie durchsetzte). 1986 gewinnt Antiqua bei den Arbeiterfestspielen in Magdeburg
eine Goldmedaille, Andrea wird in die Gruppe aufgenommen. Mit der Tanzgruppe
gibt es Unstimmigkeiten, die dazu führen, dass Antiqua ab 1987 nicht
mehr zum Volkstanz spielt. Arnim organisiert im gleichen Jahr die erste
Drehleier-Werkstatt der DDR. Ein Jahr darauf ist die Gruppe mit zwei Titeln
auf einem LP-Sampler vertreten: Kirmestanz und
Dorfschulmeisterlein. Die Gruppenmitglieder erhalten ihre
Berufsausweise als Musiker, was nur wenige Folkies schaffen. 1989 organisiert
man das 2. Drehleiertreffen, es beginnt ein Richtungsstreit: Sollen wir eher
Folk, alte Musik oder Liedhaftes spielen, lautet die Frage. Nach der politischen
Wende hat der Trägerbetrieb (heute würde man Sponsor dazu sagen)
kein Geld mehr für Kultur. Dafür gibt es erste Auftritte im Westen.
In Hennigsdorf wird ein kleines Tonstudio ausgebaut, eine neue PA gekauft,
der Synthesizer hält Einzug, eine Demokassette erscheint. Die erste
deutsch-deutsche Drehleierwerkstatt wird ein Erfolg. Mehrere Auftritte
führen die Gruppe nach Baden-Württemberg, es beginnt eine
Zusammenarbeit mit dem Instrumentenbauer Rainer Pauly aus Heilbronn. Man
ist im ARD-Abendprogramm in Kein schöner Land dabei.
Höhepunkt für Antiqua: das von der Gruppe komplett selbst organisierte
Internationale Bordunfest 1993 anlässlich der 1000-Jahr-Feier Potsdams,
u.a. mit Valentin Clastrier, Filou, Älabätsch, La Rotta, Appellation
Contrôlée (Ja, solche Jubiläen sollte man finanziell nutzen!).
Ein zweites Bordunfest, freilich in kleinerer Version, folgt 1995. Ein Jahr
später erscheint endlich die erste CD der Gruppe, die zweite ein Jahr
darauf. Die Zahl der Auftritte liegt jetzt bei 20 bis 30 jährlich, zu
DDR-Zeiten waren's ein paar mehr.
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1988 Was wolln wir auf den Abend
tun |
Piet Pollack, beruflich Sportlehrer, spielt Drehleier, Gitarre, Mandoline und gelegentlich Keyboard, ist verantwortlich für Organisation und Finanzen. Der Folker!-Leserschaft sollte er durch seine Artikel zur Bordunmusik bekannt sein. Kerstin Franke, Musiklehrerin, ist die Haupt-Gesangsstimme (Sopran), außerdem spielt sie Flöten, Krummhorn, Schalmei und Dudelsack. Andrea Keller, ebenfalls Musiklehrerin und Alt-Stimme, spielt Geige, Cello, Bratsche, Keyboard und sorgt für die Arrangements. Paul Grasnick (eigentlich Uwe) spielt und singt die Bässe. Seit 1998 dabei ist Markus Sturzebecher (Tenor, auch Countertenor, Keyboard, Percussion, Arrangements). Nicht mehr dabei, aber Gründungsmitglied und bis 1998 musikalischer Leiter, War Arnim Sotzko (Gitarren, Bass, Oboe). Insgesamt gehörten ein gutes Dutzend Musiker zeitweilig zu Antiqua, genannt wurden nur die wichtigsten.
Auffallend ist der vorzügliche Satzgesang der Potsdamer, z.B. in Orlando di Lassos Landsknechtsständchen oder in Wo soll ich mich hinkehren. Hier spürt man ganz offensichtlich die gute Gesangsausbildung aller Gruppenmitglieder. Überhaupt steht das Team im Vordergrund, eine charismatische Einzelperson wie in anderen Folkgruppen gibt es nicht, auch kein Instrument ragt heraus. Der Einfluss von klassischer Musik tritt stärker hervor als z. B. bei Horch, besonders ausgeprägt bei Pavane Ferrarese, einem Instrumental aus dem 16. Jahrhundert, in einer modernen Bearbeitung. Für mich das interessanteste Stück der ersten CD, die überwiegend Renaissance-Musik enthält, aber auch Folkrockiges wie Mr. Gong oder The Pipie sowie zwei seit Jahren beliebte Titel der Folkszene: Die Taube und den Dr. Eisenbarth in der Horch-Bearbeitung, aber wie alles andere in der Version von Antiqua. Das typischste Stück dürfte Tourdion sein, bei der die Gruppe ihr ganzes Können ausspielen kann. Die ein Jahr danach, 1997, erschienene Maxi-CD mit sechs Titeln zeigt eher die deftig-frivole Seite der Band mit der Schwuchtel-Saga oder dem Nürnberger Bierkrieg, das wahre Können Antiquas vermittelt sie aber nicht. Johann Meusel wird von Jens Wollenberg drastischer und glaubwürdiger vorgetragen. Was aber nicht heißt, dass die Gruppe auf diese Seite verzichten soll im Gegenteil, denn es gibt noch viel zu wenig frechen Deutschfolk auf Tonträgern zu kaufen.
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Mehr über Antiqua und auch ein Interview mit Piet Pollack im Folker! 2/2000