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Parasiten der Literatur

Wie Schriftsteller politisch und karrieristisch vereinnahmt werden

Dr. Thomas Rothschild

Von Thomas Rothschild*

In was für eine Gesellschaft bin ich da geraten? Ein wütender Deutschamerikaner aus Alabama nennt mich zynisch und verantwortungslos, weil ich, mit Blick auf die mediale Verwurstung durch CNN, die Ansicht äußere, der 11. September 2001 habe nicht das Ende der Spaßgesellschaft, will sagen des Kapitalismus bedeutet, sondern sei selbst Teil dieser Spaßgesellschaft geworden. Eine Russin erklärt mir, die Russen würden verschwinden, weil sich die Tschetschenen in Russland ansiedelten und so rasch vermehrten, wie ja auch in Mannheim die Deutschen gegenüber den Türken in der Minderheit seien. Habe ich mich auf eine Ernst-Jünger-Tagung verirrt oder auf einen Felix-Dahn-Kongress? Keineswegs. Ich befinde mich tatsächlich beim Symposium der Internationalen Brecht-Gesellschaft, das Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny gewidmet ist.

„Linke prügeln“ ist zu einem Volkssport geworden, an dem sich mit besonderem Eifer solche beteiligen, die sich vorübergehend selbst für Linke hielten und durch dogmatische Sturheit auszeichneten, sei es, um Rechnungen mit ihren Nazivätern und Nazimüttern zu begleichen, sei es, um von einer zeitlich begrenzten Konjunktur zu profitieren. Neu ist, dass dieser Sport im Namen derer betrieben wird, die man prügelt. Bei einer Schnitzler-Tagung erklärt eine Ex-Maoistin, die sich einst durch besondere Verbohrtheit hervorgetan hat, Professor Bernhardi setze mit seiner Arroganz seine antisemitischen Gegenspieler ins Recht und Schnitzler habe sein gleichnamiges Theaterstück wohl auch so gemeint. Arthur Schnitzler kann sich nicht wehren.

In Wien gibt es eine Erich-Fried-Gesellschaft, deren Ziel es zu sein scheint, mit dem Namen des Verstorbenen Schindluder zu treiben. 2001 fand ein Symposium dieser Gesellschaft statt, das sich von der FAZ mit großer Verspätung den Titel „All right, what’s left“ lieh. Und wieder wurde Frieds Name missbraucht. Schon im Vorfeld hatte der Schriftsteller Doron Rabinovici Fried in einem Aufsatz wegen seiner Kritik an Israel Antisemitismus vorgeworfen. Auf der Tagung selbst ritt der Frankfurter Historiker Arno Lustiger, den mit Fried soviel verbindet wie Metternich mit Nestroy oder George W. Bush mit Norman Mailer, den man aber dennoch lieber in dieser Gesellschaft begrüßt als ausgewiesene Fried-Forscher und -Freunde, eine wütende Attacke gegen den engagierten Moralisten. Und wieder einmal durfte das dumme, denunziatorische, erpresserische Wort vom „jüdischen Selbsthass“ nicht fehlen. Abgesehen davon, dass ein europäischer Jude für Israel nicht verantwortlicher ist als ein Afroamerikaner für Somalia: Wer spräche jemals vom „deutschen Selbsthass“ der Widerstandskämpfer gegen Hitler oder jener Deutschen, die in der amerikanischen, britischen oder sowjetischen Armee gegen die Wehrmacht kämpften? Wer spräche, ohne sich unter anständigen Menschen verdächtig zu machen, vom „amerikanischen Selbsthass“ jener Amerikaner, die gegen den Vietnamkrieg oder den Irakkrieg protestierten? Nur Juden, die gegen Israels Politik argumentieren, sollen in die Pflicht genommen oder eines Selbsthasses beschuldigt werden? Ein Lustiger, der auf einem Erich-Fried-Symposium gegen den angeblichen „jüdischen Selbsthass“ des Namensgebers geifert, gleicht einem Dichter, der bei der Annahme des Büchnerpreises den Hütten den Krieg erklärt und den Palästen den Frieden anbietet.

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* Thomas Rothschild, 1942 in Glasgow geboren, arbeitet als Literaturwissenschaftler an der Universität Stuttgart. Publikationen u. a. zum politischen Lied, zur Literatur des 20. Jahrhunderts, zu Medienfragen. Drei Jahrzehnte lang, von 1970 bis 2000, besprach er in der Frankfurter Rundschau Schallplatten, vorwiegend aus dem so genannten U-Bereich, Rockmusik, Jazz, Folk, Liedermacher. Im Mai 2000 wurde die Kolumne handstreichartig und kommentarlos eingestellt.


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