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Termine: Konstantin Wecker & das Bagdad-Kabul-Projekt beim TFF.Rudolstadt: Samstag, 8. Juli 2006, 21.00 Uhr, Heidecksburg Im Deutschlandradio Kultur, „Tonart“: Montag, 27. März 2006, 2.05-5.00 Uhr (Mitschnitt des Konzerts bei der transVOCALE05 in Frankfurt/Oder) |
Musikprojekte sind so eine Sache: Wenn sie gut gelaufen
sind und man am Ende eines erfolgreichen Konzerts zusammensitzt, dann sagen
alle: „Das müssen wir unbedingt noch einmal machen.“ Aber passieren tut das
nur selten. Projekte sind teuer und erfordern viele logistische und
zeitliche Vorbereitungen, aber sie haben auch den Bonus des „Besonderen“. Um
etwas Besonderes handelt es sich auch beim „Bagdad-Kabul-Projekt“, das
Konstantin Wecker mit Musikern aus dem Irak, Afghanistan, der Türkei und
Deutschland auf der transVOCALE05 in Frankfurt/Oder präsentierte. In diesem
Fall war es die Neuauflage eines Konzertabends, der vorher schon einmal im
Münchener Lustspielhaus über die Bühne ging. Die Idee zum
Bagdad-Kabul-Projekt wurde, wie die Initiatorin Friederike Haupt vom
Bayerischen Rundfunk berichtet, bei einem Gespräch mit einem aus Afghanistan
zurückgekehrten Kameramann geboren - im Biergarten, wo in Bayern
traditionell die besten Ideen entstehen. Die Journalistin machte Konstantin
Wecker, dem bereits ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen waren, dann
mit einigen Musikern aus Krisengebieten wie Afghanistan und dem Irak
bekannt, die sie u. a. bei Besuchen in Asylbewerberheimen kennen gelernt
hatte. Bei Wecker rannte sie damit offene Türen ein. Bei ihrem gemeinsamen
Projekt erzählen die Musiker ihre Geschichte: In ihren Liedern, in ihren
Rhythmen lebt ein Teil ihrer persönlichen Gedanken, ihrer Ängste und Freuden
und ihres Wissens. Alle Beteiligten erzählen von ihrem jeweiligen Land und
davon, wie sie es erleben, auch Konstantin Wecker als musikalischer
Gastgeber. Und obwohl das aufwendige Konzertprojekt erst zweimal aufgeführt
worden ist, bekommt es schon höchste Weihen: Beim diesjährigen
TFF.Rudolstadt werden Konstantin Wecker und seine Mitspieler dafür mit dem
Weltmusikpreis RUTH in der Kategorie „Deutsche RUTH“ ausgezeichnet. Am Rande
der Proben und nach dem Konzert im Kleist Forum in Frankfurt/Oder erzählte
Konstantin Wecker im Folker!-Gespräch über sein Projekt und die
Zusammenarbeit mit den anderen Musikern. Alles fing nach der Rückkehr von
seiner in den deutschen Medien so umstrittenen Irakreise vor drei Jahren
an.
Von Wolfgang Meyering
Nach meiner Irakreise - genauer: ein Jahr danach - hab’ ich mir
gewünscht, mit Musikern aus den kriegsgebeutelten Gebieten
zusammenzuspielen. Und natürlich sind meine Erfahrungen in Bagdad der
Anlass gewesen. Ich habe dort ein Konzert gegeben mit irakischen Musikern,
und ich habe auf zwei Partys gespielt. Im Irak wurde damals praktisch immer
Musik gemacht. Wenn man irgendwo zusammensaß, holte irgendwer eine Oud
heraus und irgendjemand eine Trommel und dann wurde musiziert. Es standen
auch erstaunlicherweise immer mal wieder Flügel und Klaviere herum. Dazu
muss man sagen, dass unter Saddam Hussein auch die westliche Musik gefördert
wurde. Es gab sogar Orchester und eine Universität, auf der u. a. unsere
klassische Musik gelehrt wurde. Der irakische Musiker, mit dem ich gestern
hier und auch damals in München zusammengespielt habe, der hat dort beides
studiert und auch unterrichtet. Das ist schon sehr selten in der
orientalischen Welt. Dann habe ich mir in München Leute gesucht und dabei
Friederike Haupt vom Rundfunk kennen gelernt. Sie hat dann den Kontakt zu
dem irakischen Musiker, der in München als Asylsuchender wohnt, und auch zu
Hakim Ludin hergestellt. Der lebt ja schon seit über 20 Jahren in
Deutschland. Er spricht perfekt Deutsch, trägt aber immer noch die Welt der
afghanischen Musik in sich, die er mir auch vermitteln konnte. Bei Hakim war
das wie eine Liebe auf den ersten Blick. Er spielt ja auch sonst in meiner
Band und wir machen viele Duokonzerte.
Um das Bagdad-Kabul-Projekt bei der transVOCALE05 möglichst optimal im
Kleist Forum präsentieren zu können, waren Konstantin Wecker und seine
Kollegen schon einen Tag vor ihrem Auftritt angereist. Schon am frühen
Donnerstagnachmittag stand die Bühne des großen Saals mit der gesamten der
Technik für die Musiker zur Verfügung. Die trafen nach und nach ein und
wirkten trotz langer Anfahrt alle sehr entspannt. Ein ebenso gelöster
Konstantin Wecker begrüßte jeden mit überschwänglichen und herzlichen
Gesten. Man hatte als außenstehender Beobachter das Gefühl, dass sich alte
Freunde nach geraumer Zeit wieder treffen. Menschen, die etwas Gemeinsames
teilen, etwas, das sie verbindet.
Da fragt man sich, ob sie nicht Vertreter
einer ganz eigenen „Musikernation“ sind.
Das ist keine Frage, das hat mich auch immer so begeistert, egal, wo ich auf der ganzen Welt war. Man muss sagen, wir sprechen hier von Musikern, die aus einer Herzensangelegenheit heraus Musik machen. Die gibt es Gott sei Dank immer noch. Aber es gibt mittlerweile auch die Musiker, die ausschließlich aus einem Hitbedürfnis heraus Musik machen, und die gehören da nicht dazu, zu dieser Kategorie.
Diese Verständigung durch die Musik klappt oft, aber eben nicht immer. Zu Beginn des Projektes gab es durchaus Differenzen, beispielsweise zwischen dem Percussionisten Hakim Ludin und einem anderen afghanischen Musiker, der anfangs eingeplant war und der sehr extreme, reaktionäre politische Ansichten hatte. Hakim Ludin sah damals keine Möglichkeit, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Konstellation, wie sie bei der transVOCALE05 zu erleben war - mit Laith Abdul Ameer aus dem Irak, Hakim Ludin aus Afghanistan, Çetin Oraner aus der Türkei sowie Konstantin Wecker und seiner Band -, wirkte aber sehr homogen, fast ein bisschen wie eine große Familie.
Laith Abdul Ameer ist, wie gesagt, mein irakischer Freund. Mittlerweile
kann man das sagen, dass er mein Freund ist. Laith hat’s, das habe ich
gestern wieder gemerkt. Er geht auf die Bühne und dann setzt er sich erst
einmal hin, egal ob das Publikum irgendwas erwartet. Dann rückt er in aller
Ruhe sein Mikrophon zurecht. Dann stimmt er wieder mal. Das ist eine völlig
andere Auffassung, vor ein Publikum zu treten. Im Irak würde man ein Konzert
wahrscheinlich mit den Worten beginnen „Gelobt sei Gott“, man würde das
Konzert also auch erst mal Gott weihen. Das müssen wir uns alles einmal
vergegenwärtigen. Das sind ja auch keine Kulturen, die erst vor hundert
Jahren aus dem Boden gewachsen sind, die haben schon eine Hochkultur gehabt,
da hockten wir noch auf den Bäumen und haben Bananen gegessen.
(lacht) Das fasziniert mich alles sehr. Ich bekomme da auch viel mit:
die Ruhe die er auch im Konzert dann hat, die seine Lieder haben, diese fast
zur Trance neigende Kraft.
Mit Hakim Ludin hatte ich wirklich Zeit, weil wir jetzt so oft miteinander spielen, mich mit ihm auseinander zu setzen. Auch wir sind sehr gute Freunde geworden. Denn das geht jetzt über die Musik hinaus, er bereichert mich auch spirituell, er steht dem Sufismus sehr nahe. Ich lerne durch ihn eine Seite der Moslems kennen, von der wir normalerweise nichts zu hören kriegen. Weil wir dauernd mit irgendwelchen Feindbildern zugehämmert werden und langsam jeder hier glaubt, dass ein Moslem immer einen Sprengstoffgürtel umgeschnallt haben muss. Das ist wirklich ganz spannend, das zu erleben. Und er ist ja in keiner Weise ein strenggläubiger Moslem, so wie ich kein strenggläubiger Christ bin. Sondern wir reden über den Inhalt und über die Spiritualität der Religion. Und vor allem über diesen spannenden Gesichtspunkt, dass in seiner Kultur Musik immer mit einer Art Gottesdienst zu tun hat. Und die musikalische Bildung oder Ausbildung bei einem Meister ist auch gleichzeitig eine menschlich-spirituelle Bildung. Das geht Hand in Hand. Das ist nicht getrennt dort. Das ist eine Entwicklung des Menschlichen, und in dem Maße entwickelt man auch seine musikalischen Fähigkeiten. Also, da ist eine wirkliche Freundschaft entstanden.
Çetin Oraner ist ein kurdischer Türke, er besteht darauf, dass er Türke
ist, damit kann er als Freund der Kurden die türkischen Chauvinisten noch
mehr ärgern. (lacht) Darum betont er, dass er Türke ist. Und ein
ausgesprochen mutiger, politischer Mensch. Der sich auch wirklich für die
Belange der Kurden in der Türkei und für Demokratie einsetzt. Ein guter,
aufrechter Linker, würde ich sagen, der mir sehr ans Herz gewachsen
ist.
Es ist schon erstaunlich, wie gesteuert immer wieder die Medien sind. Denn seit dem eventuellen Eintritt der Türkei in die EU werden bestimmte Themen ausgeklammert aus diesem Land. Ich bin ja eigentlich, von der Idee her, auch dafür, dass die Türkei in die EU kommt. Weil ich das Gefühl habe, es wäre schön, wenn wir einen muslimischen Staat mit uns zusammen hätten, sodass wir uns mit dieser Religion nicht nur auseinander setzen, sondern sie auch integrieren. Dass sich beide Religionen näher kommen. Auf der anderen Seite hat mir Çetin gestern erzählt, wie die Kurden in diesem Land gefoltert werden. Dass es kaum eine Familie gibt, die nicht schon mal im Gefängnis oder schon mal der Folter ausgesetzt war. Dass es bis heute brutalste Übergriffe von Polizeieinheiten gibt, wo sie einfach ein ganzes Dorf niederschießen. Das sind Dinge, die hören wir nicht. „Und so etwas will in die EU“, meint Çetin da nur. Da muss ich sagen, ich halte mich eigentlich mal aus der Diskussion heraus und sage, ich möchte das den intelligenten Türken überlassen. Und die sollen eine Meinung dazu haben. Ich habe mittlerweile, ehrlich gesagt, keine mehr. Denn das, was ich hier höre, ist mir ja auch ziemlich neu. Ich weiß schon, dass das nicht ganz sauber ist, das Verhältnis der Türkei zu den Kurden. Aber wenn man das mal so authentisch berichtet bekommt, dann fragt man sich: Wieso liest man über so etwas überhaupt nichts?
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