backIMA-C

Finnischer Untergrund mit schräger Atempower

Schreiende Mundharmonikas, Drum'n Bass und finnischer Ethno liegen ungefähr so dicht beieinander wie das finnische Städtchen Vantaa und das thüringische Rudolstadt. Dass beides trotzdem zusammengehen kann, beweisen IMA-C aus Finnland.

Von Claudia Frenzel

IMA-CCD:

go! IMA-C

"IMA-C"

(Jumi-tuotanto Oy; 11 Tracks; 61:11; erhältlich über den finnischen Online-CD-Handel www.digelius.com)

Gut Ding will Weile haben. Dieses Kriterium trifft auf das Debüt der Finnen definitiv zu. Nach zweijährigem Feilen ist ein von vorn bis hinten knackiges und sehr stimmiges Album entstanden. Es lädt ein zum Fallenlassen – Zuhören – Abheben. Die Klangwelt von IMA-C und der Gemütszustand des Konsumenten steigern sich mit der Spiellänge der CD. So macht der letzte Song "Koivu" es regelrecht schwer zu glauben, dass die CD schon zu Ende ist.

Die finnische Gute-Laune-Musik mit spritzigen Samples und einer ordentlichen Drum'n-Bass-Würze wird von schrägen Mundharmonikas und experimentellem Frauengesang durchbrochen. Minimalistische und avantgardistische Elemente wie beispielsweise bei "Passion" können dabei genauso einfließen, wie Jazziges ("Länsi-O"). Verblüffend ist bei allen Titeln welche Sounds sich einem als Lagerfeuer-Utensil verschrieenen Instrument entlocken lassen. Ist Jouko Kyhälä gar der Jimi Hendrix unter den Mundharmonika-Spielern?

Dass er das erste IMA-C-Konzert mit einem Sprung in einen mit Wasser gefüllten Container begann und dort mit Unterwassergeräuschen experimentierte, verdeutlicht die musikalische Schräglage der Finnen. Die stellen sie auf ihrer CD auch ohne Wasser unter Beweis. IMA-C haben sicher mehr mit Dancemusik als mit Folk zu tun, und doch machen sie es dem beliebten Schubladendenken nicht leicht. Freunden der Trance-orientierten Unterhaltungskunst im Folkrevier lege ich dieses finnische Debüt unbedingt ans Herz. Die klangtechnische Experimentierfreude von IMA-C macht Spaß und ihr Non-Lyric-Gesang sorgt für einen einzigartigen Hörgenuss ohne Nachdenken. Skeptikern seien die Hörproben "Lensee" und "Sadehiekka" auf der go! Homepage der Finnen empfohlen.

Claudia Frenzel

Bereits 1999 konnte sich beim Tanz&Folkfest Rudolstadt ein begeistertes Publikum davon überzeugen, dass Finnland außer Rinneradio, Wimme, Eläkeläiset oder den Leningrad Cowboys einige musikalische Highlights mehr zu bieten hat. IMA-C (im Finnischen imasee, was so viel wie einatmen oder nuckeln heißt) dürften eine neue Schublade aufgestoßen haben. Ohne Rücksicht auf Stile, mischen ein studierter Mundharmonikaspieler, ein Soundtüftler und eine Sängerin Drum'n Bass, Dance- und Trancebeats, experimentellen Gesang sowie schräge Mundharmonikaklänge in die finnische Tradition. Eine Mischung, die es schwer macht, Vergleiche zu ziehen. Selbst wenn die Samples mitunter an das eine oder andere bereits Gehörte erinnern, so machen die avantgardistischen Gesangselemente und die so ungewöhnliche Instrumentierung die Finnen sehr schnell über jeglichen Plagiatverdacht erhaben.

IMA-CBegonnen haben IMA-C ihre musikalische Zusammenarbeit eigentlich unter gewissem äußeren Druck 1998. Jouko Kyhälä, der nach acht Jahren Musikstudium in der Volksmusikabteilung der Sibelius-Akademie seinen Abschluss machen wollte, hatte die Nase von traditionellem Folk und finnischer Musik voll. Von der Rockmusik kommend, hatte er mit fünfzehn seine Liebe für Folk und seine Leidenschaft für die Mundharmonika entdeckt. Doch konnte er sich am Ende seines Studiums nicht vorstellen, eine Abschlussarbeit über etwas zu präsentieren, was nicht mehr seine Musik war. "So versuchte ich herauszufinden, welche Musik ich wirklich machen wollte", erklärt er. Anstoß in diese Richtung gab ihm seine Lehrerin Kristiina Ilmonen. Jouko Kyhälä, Tommi Lindell und Outi Pulkkinen trafen sich denn zunächst nur für einen einzigen Auftritt, das Abschlusskonzert an der Akademie, um Musik ohne Rücksicht auf irgendwelche Stile zu machen.

Da Kyhälä seiner schrägen Musik von Anfang an auch eine menschliche Stimme geben, dabei allerdings gewöhnliche Textakrobatik vermeiden wollte, war die Wahl schnell auf seine Mitbewohnerin Outi Pulkkinen gefallen. Mit ihr hatte er bereits seit fast zehn Jahren in verschiedenen anderen Musik- und Theaterprojekten gearbeitet. Die Musikerin verfügte über langjährige Erfahrungen mit experimentellem Gesang, war Mitglied in verschiedenen a-cappella-Gruppen und war zudem im Umgang mit dem Jouhikko vertraut, einer alten finnischen Harfenart. Der Mann an den Keyboards und Computern, Tommi Lindell, hatte bereits in diversen Bands mitgewirkt, u.a. in der ersten Besetzung von Rinneradio. Er hat am Pop-Jazz-Institut in Oulukylä studiert, kam aber nie wirklich zum Jazz. Er gilt heute in Finnland als einer der herausragenden Computer-Musiker und verdingt sich insbesondere als Produzent finnischer Popbands. Dass IMA-C letztlich mehr als nur ein Hochschulabschlussprojekt wurde, ist der Tatsache geschuldet, dass Jouko, Tommi und Outi merkten, dass sie sich musikalisch auf einer Wellenlänge befanden und ihre Ideen noch ausbaufähig waren.


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