ack Mitchell wurde 1932
in Glasgow geboren, als Sohn einer irischen Mutter und eines schottischen
Vaters. Er verbrachte nur die letzten Jahre seines Lebens in Galway an der
Westküste Irlands, aber sein Schreiben, Singen und Charisma brachte
ihn in Kontakt mit vielen Menschen aus allen Ecken der Stadt. Jack war dort
wahrscheinlich am besten bekannt für seine Beiträge zu den Folksessions
im "Crane", einem stadtbekannten Musikpub. Er half Sängern,
ihre Hemmungen zu überwinden und ihr Lied mit
den Anwesenden zu teilen. Seine Liebe zum "Crane" inspirierte ihn zu einem
Gedicht. Eine Kopie davon hängt hinter der Bar. Jack war gleichfalls
ein wichtiger Teil des "Galway Singer's Club", der Montags abends im "Sev'nth
Heav'n" Restaurant stattfindet, und in dem die irische Tradition des
unbegleiteten Singens gepflegt wird. In seinem Andenken hat sich der Club
seinen Namen gegeben. Samstags arbeitete er mit dem Poetenseminar von Galway
im Bridge Milis Art Centre. Seine Liebe für Sprachen führte ihn
oft in den Irisch-Club, wo er in Deutsch, Russisch oder Lowland Scots sang,
aber nicht in Irisch. Er liebte die Sprache sehr, konnte sie jedoch wegen
eines schweren Augenleidens nicht mehr erlernen. Jack war zunächst nur
ein gelegentlicher Besucher der Stadt, in der auch seine Tochter mit ihrer
Familie lebt. Vor sechs Jahren entschloß er sich, endgültig
überzusiedeln. Davor war er seit 1956 in der DDR, mit einer
dreijährigen Unterbrechung zwischen 1969 und 1971, wo er in Tanzania
arbeitete. Jack war definitiv ein überzeugter Sozialist, der seine Ansichten
stets offen und kritisch äußerte. Er war Dozent an der Sektion
Anglistik/Amerikanistik der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Interesse
für das politische Lied brachte ihn zunächst zum Oktoberklub,
später gründete er seine eigene Gruppe "Jack und Genossen", die
in den 70er Jahren recht populär war und die die Entwicklung der Folkszene
in der DDR mit beeinflußte. Jack war nie ein Purist - er hieß
Einflüsse von außerhalb stets willkommen und versuchte - oft mit
Erfolg - das musikalisch doch etwas starre deutsche Volksliedgut mit dem
Temperament und der Leidenschaftlichkeit seiner eigenen Kultur aufzulockern.
Zu Jacks großen Vorbildern gehörte z.B. Ernst Busch, dessen
Fähigkeit, Lieder inhaltlich exzellent zu interpretieren, ihn sehr
beeindruckte. In seinem Gesangsstil berief sich Jack interessanterweise nicht
auf Folksänger. Er liebte die Oper über alles und studierte an
Opernsängern wie Jussi Björling, Benjamino Gigli oder Tschaljapin,
was er für seine Zwecke benutzen konnte. Ich möchte Jacks Namen
insofern mit dem ehemaligen Festival des Politischen Liedes erwähnen,
als daß er derjenige war, der versuchte, Gruppen aus Irland, Schottland
und England herüberzubringen. Unter ihnen waren Größen wie
Dolores Keane, Billy Bragg, Dick Gaughan, Ewan McColl und Peggy Seeger und
natürlich die mehr in Nordirland und Deutschland denn in der Republik
Irland bekannte Sands Family. Jack betreute auch über lange Jahre die
wohl dienstälteste Gruppe Berlins, wenn nicht Ostdeutschlands, "Larkin",
die nach einem bekannten Dubliner Gewerkschaftsführer vom Anfang dieses
Jahrhunderts bekannt ist. "Larkin" existiert seit 1972. Die Gruppe wurde
an der Humboldt-Universität als Studentengruppe gegründet, machte
sich aber später selbständig. Mit einer Unterbrechung nach der
Wende existiert sie bis auf den heutigen Tag. Jack Mitchell war ebenfalls
ein Schriftsteller und Ubersetzer von beeindruckender Disziplin. Er
übersetzte Erwin Strittmatter und Anna Seghers ins Englische und schrieb
wissenschaftliche Abhandlungen wie z.B. "The Essential O'Casey", eine Studie
über die Stücke von Sean O'Casey. Notwendigerweise besaß
er Kenntnis und Interesse am Theatergeschehen und half bei manchen Inszenierungen
irischer Autoren in der DDR als Berater. In Galway schrieb er dann in
Koproduktion mit Nollaig Tate sein erstes (und leider letztes) Stück:
"Die große Kartoffelverhandlung" ("The Great Potato Trial"), das sich
in tragikomischer Weise auf die furchtbare Hungersnot in Irland Ende letzten
Jahrhunderts bezieht. Das Stück wird von dem dortigen Schauspieler und
Theaterregisseur Brendan Murphy produziert, der anläßlich von
Jacks Tod, an dem Hunderte Einwohner von Galway Anteil nahmen, ein
anrührendes Gedicht schrieb.
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