LENA SPENCER, 1961 * FOTO: COURTESY JOE ALPER PHOTO COLLECTION LLC

Folkgeschichte(n) live

Caffè Lena

Für Menschen auf der Suche nach etwas anderem

„Good evening and welcome to Caffè Lena.“ So begrüßte Lena Spencer einst ihr Publikum im Caffè Lena, dem wohl ältesten heute noch geöffneten Coffeehouse in den USA. Wobei es kein normales Kaffeehaus in dem Sinne ist, sondern ein Musikcafé, das seit seiner Eröffnung bis heute vor allem Singer/Songwritern ein Podium bietet. Von Lena Spencer 1960 in Saratoga Springs in Upstate New York gegründet, nahm dort schon ein Jahr später ein junger Bob Dylan an einer Open-Mic-Nacht teil. Ihm folgten unzählige Musiker, die sich im Laufe der Jahre einen Namen in der Folkszene machten.

TEXT: MICHAEL KLEFF

Lena Spencer war die Tochter italienischer Einwanderer und wurde als Pasqualina Rosa Nargi 1923 geboren. In ihrer Jugend verbrachte sie die Wochenenden in New York City, wo sie Bekanntschaft mit Jazzmusik und dem Theater machte.
» Das Caffè Lena
war schon Teil
einer Gegenkultur,
als es diesen
Begriff noch
gar nicht gab.
«

(Yvonne van Cort)
Sie trat mit einer Laienschauspielgruppe in Boston auf, arbeitete im Zweiten Weltkrieg für eine Gummifabrik und später als Kellnerin im Restaurant ihres Vaters. 1958 heiratete sie Bill Spencer, der ein Jahr später die Idee zu einem Coffehouse hatte. Am 20. Mai 1960 war es dann so weit, das Caffè Lena öffnete seine Pforten. Der erste Künstler, der auf der kleinen Bühne stand, war der kanadische Bluesmusiker Jackie Washington. In den ersten beiden Jahren machten Lena und Bill Spencer auf der Suche nach Talenten immer wieder Ausflüge nach Boston und New York, die damals Zentren der Folkmusikszene an der nordamerikanischen Ostküste waren. Jerry Jeff Walker, Hedy West und Jean Ritchie waren einige der Künstler, die sie dabei für ihr Bohemekaffeehaus entdeckten. Die musikalische Palette des Programms reichte von traditioneller Folkmusik und Singer/Songwritern bis zu Blues und Bluegrass.

BOB DYLAN, SUZE ROTOLO UND LENA SPENCER, 1962 * FOTO: COURTESY JOE ALPER PHOTO COLLECTION LLC
„Es war einer dieser wenigen Orte, an denen damals Künstler auf dem Weg von New York City nach Boston haltmachen und auftreten konnten“, sagt Holly George-Warren. Für die Musikbuchautorin ist das Besondere am Caffè Lena vor allem die Gastfreundschaft, die Lena Spencer nicht nur ihrem Publikum gegenüber zeigte. Sie habe alle Musiker ermutigt. „Vielen von ihnen standen damals gerade erst am Anfang ihrer Karriere. Im Caffè Lena hatte Bob Dylan seinen ersten Auftritt außerhalb New York Citys. Niemand kannte ihn damals. Und er musste hart arbeiten, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Lena musste die Gäste sogar auffordern, ihm zuzuhören.“

CAFFÈ LENA HEUTE, AUSSENANSICHT 1 * FOTO: DONNA ABBOTT-VLAHOS
Leider existieren keine Aufnahmen von Dylans Auftritt in dem Coffehouse. Aber solche von vielen seiner Zeitgenossen. Darunter auch Tom Paxton und Arlo Guthrie. Guthrie war achtzehn, als er 1966 das erste Mal im Caffè Lena auftrat. Er hatte gerade beschlossen, als Folkmusiker seinen Lebensunterhalt zu verdienen. „Ich erinnere mich an die lange Treppe. Und dann kam man in diesen winzigen Raum. Lena war eine nette Frau – aber irgendwie auch völlig verrückt. So wie ihre Freunde, die alle eine ausgesprochen individuelle Persönlichkeit besaßen.“ Das Beste aber war für den jungen Arlo Guthrie, dass es im Ort ein College gab. „Da studierten alle diese hübschen jungen Mädchen. Die interessierten mich natürlich besonders. Nun, ich war damals achtzehn. Viele von den Studentinnen waren mit Lenas befreundet. Einige wohnten bei ihr, einige arbeiteten für sie und viele waren immer im Publikum. Für mich war das wunderbar. Wir wurden auch bezahlt. Es war nicht viel, vielleicht fünfzig Dollar.“ Der Eintritt kostete nur wenige Dollar, und es war fast immer gerammelt voll. Guthrie trat jedoch nur für wenige Jahre im Lena auf. „Irgendwann war das Caffè zu klein für mich. Es gab auch nur zwei Mikrofone und keine Monitore. Das war nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik – auch damals nicht. Aber es war ein Ort, an dem die Menschen die Musik liebten.“

JOCELYN AREM IM INTERVIEW MIT PETE SEEGER ZUM CAFFÈ LENA, 2011 * FOTO: GEORGE WARD
Dom Flemons, Gründungsmitglied der Carolina Chocolate Drops, weist auf die besonders intime Atmosphäre hin, die ein Ort wie das Caffè Lena mit gerade einmal achtzig Plätzen bietet. Die finde man in einer riesigen Konzerthalle nicht. Wie es für Künstler wie Utah Phillips, Dave Van Ronk, Bob Dylan oder Mississippi John Hurt gewesen sein muss, für ein intimes Publikum zu spielen, kann man bei den jetzt auf der CD-Box Live At Caffè Lena veröffentlichten Aufnahmen hören.
» Ich habe
weder Macht
noch Reichtum
oder Ruhm
gebraucht,
sondern Freunde.
Und die habe
ich im Caffè
Lena gefunden.
«

(Utah Phillips)
„Ich habe weder Macht noch Reichtum oder Ruhm gebraucht, sondern Freunde. Und die habe ich im Caffè Lena gefunden“, sagt Utah Phillips. Der vor sechs Jahren verstorbene Musiker und Gewerkschaftsaktivist gehörte zu den vielen politisch aktiven Liedermachern, die bei Lena Spencer aufgetreten sind.

Die heutige Buchhändlerin Yvonne van Cort studierte Anfang der Sechzigerjahre am Skidmore College in Saratoga Springs. Das Caffè Lena war ihr Zufluchtsort als junge Studentin in einer konservativen Stadt. Damals, als viele in der noch jungen Folkszene gerade erst anfingen, gab es kaum Auftrittsorte. Lena gab diesen Künstlern ein Forum. Viele von ihnen wurden später berühmt. Sie waren immer für das ganze Wochenende da und traten freitag- und am samstagabends auf. „Ich musste keinen Eintritt bezahlen, weil ich Lena als Kellnerin aushalf“, erinnert sich van Cort. „Ich hörte damals Dave Van Ronk, Hedy West. Ich sah John Hammond und Tom Paxton. Im Publikum saßen kaum Leute aus dem Ort. Es kamen vor allem die Collegestudentinnen. Skidmore ließ damals nur Frauen zu. Wobei die Collegeleitung das überhaupt nicht gerne sah. Lena hatte nach der Trennung von ihrem Mann eine Freundin. Und den Lehrern graute es bei der Vorstellung von gleichgeschlechtlicher Sexualität. Das Caffè Lena war gut für mich – für meine psychische Verfassung und für mein Gemeinschaftsgefühl. Das alles fand ich nicht am College. Ich glaube, dass das Caffè Lena schon Teil einer Gegenkultur war, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Es zog kein Massenpublikum an. Es war für Menschen, die auf der Suche nach etwas ganz anderem waren.“

MISSISSIPPI JOHN HURT IM CAFFÈ LENA, 1964 * FOTO: COURTESY JOE ALPER PHOTO COLLECTION LLC
» Hier wirst du
so akzeptiert,
wie du bist.“
«

(Sarah Lee Guthrie)
Auch Jocelyn Arem war Studentin am Skidmore, wo sie vor vierzehn Jahren ein Ethnomusikologiestudium aufnahm. Ihren ersten Besuch im Caffè Lena machte sie als Achtzehnjährige bei einem Open-Mic-Konzert. Kurz danach wurde nach Gesprächen mit älteren Musikern im Ort ihr Interesse an der Vergangenheit des legendären Cafés geweckt. 2002 wurde dann das Caffè Lena History Project ins Leben gerufen, um Lena Spencers Geschichte zu dokumentieren. In den vergangenen zwölf Jahren führte Jocelyn Arem dazu über einhundert Interviews mit Musikern überall in den USA und kämpfte sich durch das umfangreiche Caffè-Lena-Archiv. Wobei ihr die Sammelleidenschaft der Cafégründerin entgegenkam. „Lena hat praktisch alles aus den ersten Tagen des Coffehouse aufgehoben“, erzählt Arem. „Papiere, Briefe, Speisekarten, Manuskripte, Rezepte und Poster. Als ich mit dem Geschichtsprojekt anfing, waren vor allem die Briefe der Musiker interessant für mich – darunter auch mehrere von Pete Seeger. Viele Künstler blieben nach ihren Auftritten mit Lena in Kontakt und dankten ihr für das, was sie tat, um sie als Musiker zu inspirieren.“

CAFFÈ LENA HEUTE, INNENANSICHT
Vor fünf Jahren fragte Jocelyn Arem Steve Rosenthal, ob er für ihr Caffè-Lena-Geschichtsprojekt in seinem Studio ein Album aus den Mitschnitten von zehn Konzerten produzieren könnte. Rosenthal ist Besitzer des Tonstudios The Magic Shop in New York.
THE FREEDOM SINGERS IM CAFFÈ LENA, 1963 * FOTO: COURTESY JOE ALPER PHOTO COLLECTION LLC
Seit der Gründung 1988 hat der Toningenieur und Produzent Rosenthal schon drei Grammys für in seinem Studio aufgenommene Produktionen erhalten. „Als sie an mich herantrat, gab es das Caffè schon fast fünfzig Jahre, und ich meinte nur, das ist unmöglich“, erinnert er sich an sein Gespräch mit Arem. „Es muss doch ganze Wagenladungen an Material geben, das im Lena aufgenommen wurde. Oder auch private Aufnahmen und Radiomitschnitte. Wir machten uns daher auf Schatzsuche nach Audiodokumenten. Wir haben Anzeigen in Lokalzeitungen aufgegeben. Jocelyn wandte sich ans Radio und entwickelte eine Website, um die Leute wissen zu lassen, dass wir auf der Suche nach mitgeschnittenen Konzerten waren.“ So hat das Team Arem/Rosenthal bis heute siebenhundert Auftritte zusammenbekommen, die auf der Bühne des Caffè Lena stattgefunden haben. Die älteste Aufnahme, die sich in der Box findet, ist aus dem Jahr 1967. „Wobei wir auch ein Band aus dem Jahr 1961 gehört haben, das wir jedoch nicht bekommen konnten, weil sich der Sammler nicht davon trennen wollte“, sagt Steve Rosenthal mit einem bedauernden Schulterzucken. Das Band, von dem er spricht, ist der Mitschnitt eines Konzerts Ramblin’ Jack Elliotts. Er ist dennoch auf Live At Caffè Lena vertreten, mit einer Aufnahme von 1992 von Woody Guthries „Pretty Boy Floyd“.

» Ein außer-
gewöhnliches
Lebenswerk,
das über die
Jahrhunderte
Bestand
haben wird.
«

(Pete Seeger)
go! www.caffelena.org

LOGO CAFFÈ LENA

Albumtipp:
Diverse, Live At Caffè Lena – Music From America’s Legendary Coffeehouse. 1967-2013 (Tompkins Square Records, 2013)

COVER LIVE AT CAFFÈ LENA

Buchtipp:
Jocelyn Arem (Hg.), Caffè Lena – Inside America’s Legendary Folk Music Coffeehouse (Powerhouse Books, 2013)

COVER CAFFÈ LENA - INSIDE AMERICA'S LEGENDARY FOLK MUSIC COFFEEHOUSE

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich hätte wohl eine Rede vorbereiten sollen. Aber das mache ich nie. Ich sage einfach, was mir in den Sinn kommt.“ Mit diesen Worten beschloss Lena Spencer 1985 ein Konzert anlässlich des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums ihres Musikcafes. „Heute musste ich den ganzen Tag an so viele Sachen denken, dass ich sie mir einfach nicht alle merken konnte. Das war wie ein Déjà-vu-Erlebnis. Heute sind hier Leute, die ich viele Jahre nicht gesehen habe. Nicht nur Musiker, sondern auch Menschen, die Teil der Geschichte dieses Cafés waren und noch sind. Darunter einige, die schon 1960 hier waren. Das ist wunderbar. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass dieser Tag so schön für mich sein würde.“ Seit ihrem Tod vier Jahre später wird das Caffè Lena von einem gemeinnützigen Verein als Träger geführt. Über vierhundert Konzerte finden jedes Jahr statt, die von rund zwölftausend Menschen besucht werden. An den grundsätzlichen Prinzipien, mit denen Spencer ihr Coffehouse führte, hat sich dabei bis heute nichts geändert, sagt Sarah Craig, die seit fast zwanzig Jahren Geschäftsführerin ist. Respekt für die Tradition der Folkmusik, Ehrlichkeit, die Weitergabe der Musik von Generation zu Generation und der Zusammenhalt untereinander. Diesen Grundwerten sei bei allen Veränderungen in der Welt das Caffè Lena treu geblieben. Und sie üben gerade auch auf Vertreter der jüngeren Garde der Folkmusik eine hohe Anziehungskraft aus.

PLAKAT ZUM JUBILÄUMSWOCHENENDE
„Die Jungen können so die alten Hasen erleben, die schon seit vielen Jahren auftreten. Und die Älteren hören, was den jungen Musikern am Herzen liegt und was sie spielen“, sagt George Black. Er ist einer der vielen Musiker, die nicht nur zum Stammpublikum gehören, sondern die auch selbst Musik machen und sich bei den regelmäßig im Caffè Lena veranstalteten Offenen Bühnen vorstellen. Sarah Lee Guthrie, die schon mehrmals gemeinsam mit ihrem musikalischen und Lebenspartner Johnny Irion hier aufgetreten ist, findet das Publikum im Lena außergewöhnlich. „Hier wirst du so akzeptiert, wie du bist“, sagt sie. „So macht es am meisten Spaß, Musik zu spielen. Du must hier keine Schau abspulen, wie das von einigen anderen Veranstaltern gewünscht wird.“ Live At Caffè Lena. Eine Ausstellung, ein Buch und ein CD-Boxset. Das sicht- und hörbare Ergebnis von über zwölf Jahren Arbeit fasst Jocelyn Arem so zusammen: „Arlo Guthrie meinte in einem frühen Interview über das Caffè Lena, dass solche Orte unglaublich wichtig für Künstler sind. So etwas müssen wir bewahren und fördern als eine Art Brutkasten für junge und kreative Talente sowie als Zentrum für politisches Denken. Das Caffè Lena ist eine der ältesten solcher Einrichtungen. Und es ist immer kompromisslos für seine Ideale eingestanden. Es ist wie ein Denkmal für eine Zeit, in der radikales Denken in der Luft lag. Es legt auch Zeugnis ab für eine Frau, die für diese Ideale stand. Sie ist ein Vorbild dafür, was es bedeutet, seiner Sache lange treu zu bleiben.“ Für den im Januar verstorbenen Pete Seeger, der ebenfalls zu den regelmäßigen Gästen gehörte, ist Lena Spencer eine Frau, „deren außergewöhnliches Lebenswerk über die Jahrhunderte Bestand haben wird“.

Update vom
27.02.2014
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