|
STEPHAN KRAWCZYK & BAND
Heute fliegt die Schwalbe hoch
(Eigenverlag)
13 Tracks, 54:44, mit Texten
Weit über 20 Jahre kannte man Krawczyk als kritischen Liedermacher am Bandoneon,
vorher bei "Liedehrlich". Seit kurzem beschreitet er neue Wege: Im Vorjahr überraschte
er mit dem Roman "Der Narr" und einem Kabarettprogramm, und nun versucht er sich mit
einer Rockband. Dass das recht gewöhnungsbedürftig ist, zeigten mir gleich die ersten
beiden Titel, besonders "Du magst es". Zunehmend gefiel mir die CD aber besser. In
"PoliTick" knüpft er an seine Vorwende-Protestsong-Zeit an: "Im Bundestag für mich
allein sind reserviert drei Sesselreih'n. Da heb ich vier-, fünfmal die Hand für mein
beknacktes Vaterland". Beißender Spott, für den er bekannt ist. Äußerst poetisch wie
gewohnt seine Liebeslieder wie "Lydia". Teilweise braucht man Zeit, einige seiner
Texte zu entschlüsseln. Bei "Waldmenschen" gelang mir das noch, bei "Mamutsch" nicht.
Seine Band mit Franz de Byl (g), Thomas Germann (b) und Chris Heiny (dr) überzeugt mit
geradlinigem Liedrock, das typische Bandoneon Krawczyks fehlt diesmal. Stephan als
Sänger erinnert mitunter an Rio Reiser oder Andre Herzberg, was mir früher nicht
auffiel. Ob man seine Texte nun rockig, liedhaft oder folkig mag, ist freilich
Geschmackssache. Sicherlich ein hörenswertes Album, leider mit einem recht trostlosen
senfgelben Cover.
Reinhard "Pfeffi" Ständer
|
|
|
HARALD JÜNGST
Grünes Herzbeben. Hörgeschichten eines germano-irischen Zwitters
(Edition Gola EGCD 1860)
7 Tracks; 69:29, mit Infotexten
Ob John und Mary auf der Überfahrt nach Holyhead oder Seamus und Mary (Irlands
Namensarchiv ist bescheiden) im Bus durch Donegal - erlebt, notiert und erzählt werden
ihre Marotten von dem selbst ernannten Germano-Iren Harald Jüngst, Jahrgang 1950. Der
zwischen Duisburg und Donegal pendelnde Journalist, Musiker (bei "Sheevón", zu hören
zwischen den fünf Einzelgeschichten) und Geschichtenerzähler schöpft sein Reservoir
aus kleinen Alltäglichkeiten, die ihm im Jahr 2003 beim Reisen oder Geld abheben auf
der grünen Insel begegnet sind. Mit ruhiger, geschulter Radiostimme wandert er
zielsicher auf dem Grat zwischen Liebeserklärung an - und Kopfschütteln über dieses
unvergleichliche Völkchen. Den Referenzrahmen bilden zwischendurch erwähnte
Humorquellen wie "Dinner For One", Loriot oder Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch". Und
indem an einer Stelle auch die Worte "erzählte Folklore" fallen, sichert sich Jüngst
augenzwinkernd und selbstreflexiv gegen den Vorwurf des Kitsches ab. Diese geschickte
Herangehensweise ist das Gestänge, unter dem Jüngst sein persönliches Geschichten-Zelt
aufspannt - unprätentiös, herzlich und dennoch wohltuend distanziert.
Elise Schirrmacher
|
|
|
DRAGSETH DUO
Lichtjahre
(Eigenverlag CD9.46100)
14 Tracks, 53:17
Es ist ein Flüstern - Dragseth Duo singt Storm
(Eigenverlag CD 1888)
12 Tracks, 41:11
Es gibt Platten, die eine CD-Wiederveröffentlichung wirklich verdient haben. Die
beiden LPs des Dragseth Duos aus den Jahren 1988 und 1991 gehören dazu. Manuel Knortz
(Gitarre, Bodhrán, Gesang) und Kalle Johannsen (Gitarre, Gesang) aus Husum brachten
das Kunststück fertig, einen unverkrampften Zugang zur Lyrik des großen
niederdeutschen Dichters Theodor Storm zu finden. Auch ihre eigenen hoch- und
plattdeutschen Lieder sowie die Textübertragungen bekannter Songs (Francois Villon,
Don McLean, William Butler Yeats, Jaques Brel) in teilweise eigenen Vertonungen
überzeugen. Viele der schlicht schönen Melodien stammen von Manuel Knorz. Beide
Duo-Mitglieder erweisen sich als exquisite Sänger, wobei der eine wie der bessere
Hannes Wader klingt (ohne dessen überzogenes Timbre), und die beiden Stimmen sich
wunderbar ergänzen.
Als Gäste holten sie sich eine Horde hervorragender Studiomusiker wie Rudi Blues
(Dobro), Karl-Heinz Heydecke (Geige, spanisch Gitarre, Mandoline), Volker Leiß
(Flöten, Tenorhorn), Stephan Bork (Bässe, Keyboards), Gerhard Birkenbach
(Tenor-Saxophon), Detlef Petersen und Bert Ridderbos (jeweils Akkordeon), die diese
Produktionen mit geschmackvollen Arrangements adelten.
Wer gute deutsche Folkmusik schätzt und die beiden LPs nicht besitzt, sollte
spätestens jetzt zuschlagen. Gut zu wissen, dass die beiden Musiker nach einer
längeren Trennung wieder miteinander auftreten und zwei weitere CD-Veröffentlichungen
geplant sind.
Ulrich Joosten
|

|
|
TRANSSYLVANIANS
Igen! - Hungarian Speedfolk
(Westpark WP 87103/Indigo)
15 Tracks; 46:13; mit Texten (ung.)
Falsche Platte, nee, doch richtig. Aber zuerst klingt's verdammt nach Rolling
Stones auf Ungarisch. Dann setzt dieser typische osteuropäische Schluckauf-Rhythmus
ein. Den kennt man weit im Westen, in Jamaika, auch als Ska. Die Transsylvanians, ein
Quartett mit Wurzeln in den Karpaten und Wohnsitz in Berlin, zeigen sich auf ihrem
fünften Album erneut als wahre Mixmeister: Balkan, Punk, Rock, Rap und eben Ska.
Zusammen klingt das schweißtreibend wie die Russendisko, schmachtend wie Poems for
Laila oder experimentell wie M. Walking on the Water. Ob traditionelle ungarische
Weisen oder Eigenkompositionen - die Transsylvanians geben ihnen mit Fidel, E-Gitarre,
Bass und Akkordeon garantiert wahnwitzige Arrangements voll überraschender Finessen.
Band-Primas Tiborcz Andras spielt auf seiner Geige teuflische Läufe und die neue
Sängerin Isabel Nagy strahlt mit ihrer warmen, mädchenhaften Stimme einen schönen
Kontrast zu den oft rauen Klängen ihrer Mitmusiker aus. Unter den Gästen findet sich
Ruhrpott-Rocker Stoppok an der Mandoline (beim Stones-haften Opener) und das
deutsch-türkische Rap-Duo Rack & Sonic hilft bei "Berlin Babylon" aus, dem
einzigen deutschsprachigen Song und der wohl schönsten Hauptstadt-Hymne seit "Berlin"
von der NDW-Combo Ideal: "Willst du wirklich leben, dann komm nach Berlin, Berlin,
Berlin. Hier kannst du machen, was immer du willst. Chinesen und Polen, Vietnamesen,
Mongolen, Multikulti rund um den Fernsehturm."
Frank Schuster
|
|
|
B.B. & THE BLUES SHACKS
Blue Avenue
(CrossCut Records CCR11029)
16 Tracks; 59:39
Diese Musik klingt nach pinkfarbenen oder mintgrünen Cadillacs, Petticoats und
einer Zeit, als der Blues und der Rhythm & Blues als Tanz- und Unterhaltungsmusik
noch nicht vom Rock'N'Roll verdrängt war. Frisch, mit enormer Spielfreude und
beeindruckender Souveränität lassen Michael Arlt (Gesang/Harmonica), Andreas Arlt
(Gitarre), Henning Hauerken (Bass), Andreas Bock (Drums) und Dennis Kroeckstadt
(Piano) die Musik der 40er und 50er Jahre wiederauferstehen. Als Gäste hat man noch
Alex Schultz (Gitarre) und Jürgen Magiera (Orgel) mit dabei.
Ergebnis ?: An dieser CD stimmt einfach alles !! 14 der 16 Stücke sind selbst
komponiert, die Band spielt perfekt und geschlossen zusammen, neben seinem
hervorragenden Gesang spielt Michael Arlt verteufelt gut Mundharmonika, solistisch
sind Andreas Arlt, Alex Schultz und Dennis Kroeckstadt auch international vorne mit
dabei. Die CD ist sauber produziert und klingt gut.
Eine rundum gelungene Platte also, ein "authentisches" Stück Blues aus Deutschland -
und eine dicke Kaufempfehlung!
Achim Hennes
|
|
|
STEAMPACKET
Homecoming
(Leiselaut LLCD-003)
12 Tracks, 55:34, mit Infos
IRISH TRAD HEADS
Head for trad!
(Leiselaut LLCD1-004)
12 Tracks, 46:12
Ich gebe meine These immer wieder gerne zum Besten: Musik ist eine Sprache und die
Musiken anderer Länder sind für uns Fremdsprachen. So gesehen konversieren Steampacket
und Irish Trad Heads vorzüglich in der bei uns so beliebten Fremdsprache Irish Folk.
Dazu zählt bei beiden Bands nicht nur instrumentelle Fingerfertigkeit, sondern auch
der selbstverständliche, entspannte und kreative Umgang mit dem Material. Eine weitere
Gemeinsamkeit ist, dass sie beide auf dem gleichen Label veröffentlichen. Die neue
Firma Lautleise ist eine dieser sympathischen Unternehmungen von Musikern für Musiker.
Die Unterschiede liegen im Ansatz und der Instrumentierung. Die fünf von Steampacket
machen ihrem Namen alle Ehre und sorgen mit zwei Fiddles, Flöte, Gitarre und Bodhran
für mächtig Dampf. Sie konzentrieren sich ausschließlich auf Tunes, während die Irish
Trad Heads auch vier Songs einstreuen. Ansonsten spielen die drei Herren und die eine
Dame mit Gitarre, Bouzouki, Uilleann Pipes, Whistle, Banjo und Fiddle die vielleicht
etwas filigranere Musik. Doch die letzte Gemeinsamkeit lautet: Zwei überzeugende
Bands, die einfach gute Musik machen.
Mike Kamp
|

|
|
HAGGARD
Eppur si muore
(Dakkar Records)
10 Tracks, 50:20, mit Texten und Infos
Sie nennen sich selbst die größte und härteste Klassik-Metal-Band der Welt. Zu
einem Hardrock-Quartett hat Bandleader Asis Nasseri ein auf Kompaniestärke
angewachsenes Orchester gesellt: mit Sopranistinnen und historischen Instrumenten. So
entstand eine sehr abwechslungsreiche Produktion, die für mich völlig überraschend
war. Originelle frühbarocke Arrangements wechseln mit Heavy Metal-Gitarrenriffs, über
denen eine Sopranistin jubiliert. Death Metal-Gesang, "Grunts" sagt man wohl (das
Wörterbuch schreibt: "grunzen, ächzen, brummen" dazu), wird von wunderschönen
Instrumentalparts (Oboe, Cello) abgelöst. Die Gitarren sind sehr diszipliniert, nicht
ausufernd, aber fett groovend. Sie bringen nur den Teppich, auf dem die eigentliche
Musik abgeht. Und die ist durchweg spannend. In ihrer neuen CD geht es Haggard
konzeptionell um Galileo Galilei, der Titel bedeutet "Sie bewegt sich doch!". Texte
zum Leben Galileis stehen in Deutsch, Latein, Englisch und Italienisch, manchmal im
selben Lied. Eine CD der Kontraste, die mich überzeugte - Death Metal meets Alte
Musik, ein gelungenes Stück Crossover.
Piet Pollack
|
|
|
KLEZCORE
Hackenbeißer
(Eigenverlag)
Promo-CD, 15 Tracks, 28:40
Kiel ist keineswegs als Klezmer-Hochburg bekannt, aber Klezcore scheint das kaum zu
beeindrucken. 15 Tracks in knapp 30 Minuten sind eine reife Leistung. Die fünf Kieler
Musiker würzen Klezmersounds mit ordentlich Punkrock und etwas Folkrock. Das Akkordeon
wird gequält, die Oboe jauchzt und das Schlagwerk treibt die jiddische Folklore an.
Dazu Gesang, der aggressiv und laut, mitunter auch leider etwas sehr schräg, ins Mikro
schallt. "Hackenbeißer" ist feuchtfröhlich Musik mit leider etwas Hang zur Monotonie.
In Klezcore steckt Potenzial, die kurzen knüppeligen Songs um einige Melodieläufe als
altbekannte Folklore zu berreichern, am Gesang zu feilen und etwas mehr als einfach
nur Speed-Klezmer zu produzieren.
Claudia Frenzel
|
|
|
PADDY GOES TO HOLYHEAD
Acoustic Nights
(Indigo)
13 Audio-Tracks, 47:50, 5 Video-Tracks, mit Infos (engl./z.T. dt.) und Fotos
Was haben Mark Patrick und Anke Engelke gemeinsam? Nun, beide werden häufig an
ihrem Vorgänger Harald Schmidt gemessen, mit dem Unterschied, dass der Harald Schmidt
jeweils ein anderer ist. Dies ist die zweite CD, die PGTH mit ihrem neuen Frontmann
aufgenommen haben. Außer dass er singt, benutzt er eine 6- & eine 12-String
Gitarre und wird begleitet von Jens Kempgens auf akustischer Geige, Bratsche und
Harfe, Rüdiger Kist auf Piano und Akkordeon, Wolfgang Ritter auf dem Kontrabass, Kalle
Spriestersbach auf Schlagzeug und Conga und Bianca Nassauer auf Flöten, und alle außer
Rüdiger und Bianca singen auch im Hintergrund mit. Marks Stimme klingt im Vergleich zu
Haralds etwas gepresster und weniger voll, und letztes gilt für die ganze CD, was aber
auch daran liegt, dass sie rein akustisch und ohne elektronische Instrumente
aufgenommen ist. Vielleicht spielt es zusätzlich eine Rolle, dass die ganze Band eine
recht hohe Fluktuation aufweist, jedenfalls habe ich beim Hören manchmal den Eindruck,
als würden die PGTH-Klassiker wie "Bound around" hier von einer Coverband
nachgespielt. Authentischer wirken die Songs, an denen Mark selbst mitgeschrieben hat,
wie z.B. "The Troubador". Da zeigt es sich: Es sind gute Musiker, und es hört sich
letztlich alles sehr gut an. Im Übrigen dürfte Harald, der doch ohnehin lieber zurück
zu den folkigen Anfängen wollte, seine Freude an diesem akustischen Konzept haben.
Michael A. Schmiedel
|
|