backPlatten-Projekte

Es gibt CDs und spezielle CD-Serien, die sich den herkömmlichen Kriterien einer Rezension entziehen. Gerade in einer Zeit, wo Tonträger preiswert produziert werden können und die Menge an Veröffentlichungen inflationär ist, sind anspruchsvolle Serien besonders wichtig. Engagierte Vorhaben, ganz gleich ob tatsächliche oder angebliche, müssen sich mit strengeren Maßstäben messen lassen als z.B. eine ordinäre Kompilation. In diesem Heft schreibt Mike Kamp über

Robert Burns - The Complete Songs, Vol. 1 - Vol. 12

Es ist wahrscheinlich eine Frage der Psychologie. Oder der Gene. Oder der Geschichte. Jedenfalls sind Männer angeblich seit Urzeiten die Jäger und Sammler und daher immer ausgesprochen fasziniert von Gesamtausgaben. Das ist verständlich, denn angeblich sind Männer seit Urzeiten angeblich auch stinkefaul und wie kann man beide Triebe besser verbinden als bei Gesamtausgaben: Mann hat auf einen Schlag den kompletten Künstler gesammelt und kann sich faul zurücklehnen. Die Welt ist in Ordnung!

Robert Burns
The Complete Songs
Vol. 1 - Vol. 12

Linn Records
Floors Road, Waterfoot
Glasgow G76 0EP
Scotland

go! www.linnrecords.co.uk

Fakt, Fiktion oder Blödsinn? Egal, es gibt für die schottisch Angehauchten unter uns unabhängig vom Geschlecht einen echten Hammer unter den CD-Gesamtausgaben: den kompletten Burns! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: DER schottische Songwriter, leider nicht mehr unter den Lebenden (gestorben am 21.07.1796), Sozialist, Chauvinist, Humanist und jede Menge Widersprüchlichkeiten zwischendrin. Burns kannte diese Kategorien wahrscheinlich gar nicht und selbst wenn, sie hätten ihn wohl wenig gestört. Ein kurzes, pralles Leben (er wurde nur 37 Jahre alt) mit viel Frauen, Alkohol, Arbeit, Einfühlsamkeit und Poesie, kein Wunder, dass die Schotten diesen Mann zu ihrem Nationaldichter erkoren, hochverehrt auch heute noch quer durch's Volk. Von dieser Akzeptanz können Goethe und Schiller nur träumen! Und Burns war ein grandioser Liedermacher, ohne je eine einzige Note geschrieben zu haben. Aber er kannte die Musik seiner Zeit und hatte ein Ohr für eingängige Melodien. Die nahm er und schrieb seine Texte dazu, 368 sind gesichert überliefert, ein wahrhaft opulentes Opus.

Das dachte sich auch Dr. Fred Freeman, seines Zeichens "Hon. Fellow in English" an der University of Edinburgh und schon seit den 70er Jahren, als er an seiner Doktorarbeit schrieb, mit dem Phänomen Burns beschäftigt. Ihn störten vor allem zwei Dinge bei der Rezeption von Burns: Zum einen wurde der Songwriter-Aspekt meist vernachlässigt, was sich darin äußerte, dass ein großer Teil seiner Lieder nie gesungen wurde und zum anderen wurden die Burns-Klassiker zu häufig auf diverseste Arten und auf diversesten Tonträgern "geknödelt", was Dr. Freeman (und nachweislich auch Burns selber, könnte er es noch hören) gehörig aufstieß. Robert BurnsFreeman war (und ist) kein Akademiker im Elfenbeinturm, er machte seit Kindheit praktische musikalische Erfahrungen von Rock über Jazz und Klassik bis hin zur Folklore und spielt Piano, Bass, Trompete und die Bagpipes. Es war jedoch in erster Linie seine Erfahrung als Arrangeur und Produzent, die ihn dazu brachte, sein Projekt "Burns komplett" so zu konzipieren, dass es den musikalischen Intentionen des Dichters so treu wie irgend möglich sein sollte.

Es ist hilfreich, mal ein paar von Dr. Freemans Essays zu lesen, um zu verstehen, warum es die zeitgenössische schottische Folkszene sein muss, die Burns adäquat interpretieren kann. Hier nur so viel: Burns wünschte Klarheit und Einfachheit möglichst nahe an der Sprechstimme. Und Dr. Freeman sieht eine eindeutige politische Verbindung zwischen den Botschaften von Burns "A Man's A Man" oder "Auld Lang Sysne" und aktuellen Liedern wie Gaughans "Both Side The Tweed" oder Brian McNeills "No Gods And Precious Few Heroes". Seine Thesen sind schlüssig und im Resultat so lustbetont, dass Burns jubiliert hätte. Mal ehrlich, welcher Schotte oder Schottophile kann seine Begeisterung zügeln angesichts der Tatsache, dass die Lieder der vorliegenden Sammlung von den bestens Vokalisten interpretiert werden, die die schottische Folkszene aufbieten kann. Eine Liste würde ob der Menge an Können den Rahmen dieses Artikels sprengen, man muss mir einfach glauben nach dem Motto: Nenne einen Namen, er oder sie sind wahrscheinlich dabei (aber nicht mit Dick Gaughan anfangen, der ist aus unbekannten Gründen nämlich nicht dabei).


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im Folker! 1/2004