back"World Music Guru" im Radio

Charlie Gillett

Erfüllt vom Enthusiasmus seines Publikums

Von Hannah Tame

go! www.charliegillett.com
go! www.bbc.co.uk/worldservice/
  programmes/wmusic.shtml
Buch-Tipp:

Gillett, Charlie
The Sound Of The City
Zweitausendeins, Frankfurt/M, 1978
Englische Ausgabe: 3. Auflage, Dacapo Press (US), 1996

Radio-Tipp:

BBC World Service: mittwochs 10.30, wiederholt um 15.30, 20.30 und 02.30

Charlie Gilletts Sendung wird samstags 00.05-02.05 von RADIOMultikulti und WDR 5 Funkhaus Europa übernommen.

CD-Tipp:

Diverse
"World 2003"
(Narada World/Virgin/Hemisphere, 2003)

World 2003

2 CDs u.a. mit Ojos de Brujo, Banda Ionica, Sezen Aksu, Mariza, Joe Strummer & The Mescaleros, Markscheider Kunst, Calexico, Lila Downs, Sekouba Bambino, Orchestra Baobab, Manu Chao's Radio Bemba

go! www.narada.com
go! www.hemisphere-music.com

Mit "The Sound of the City", einer Geschichte der Musik des urbanen schwarzen Amerika, hat Charlie Gillett ein Standardwerk über Musik geschrieben. In Großbritannien macht er sich seit zwei Dekaden um die "Einbürgerung" von Weltmusik verdient. Unlängst beklagte er sich, dass "World Music" in seinem Land nicht in ihrer vollen Breite präsentiert werde, weil die diversen Plattenfirmen nur das vermarkten würden, was in ihre Schubladen passe. Was er gerne in den Medien hören und sehen möchte, stellt er seit 2001 alljährlich auf einer CD-Compilation zusammen. Zuletzt erschien "World 2003 - Music Without Frontiers - Compiled by Charlie Gillett".

Gilletts Rundfunkkarriere begann 1972 mit einer wöchentlichen Show auf BBC London. Unter dem Titel "Honky Tonk" präsentierte er elf Jahre lang jeden Sonntagmittag die "Wurzeln" der Popmusik: Rhythm & Blues, Rock'n'Roll, Gospel u.v.a.m. Musiker wie Muddy Waters, Professor Longhair und Ry Cooder gehörten zu seinen Gästen. Er sendete als erster Demoaufnahmen von späteren Stars wie Graham Paraker, Elvis Costello und den Dire Straits. Bei Capital Radio begann Gillett 1983, auch Musik außerhalb des Mainstream vorzustellen, darunter Youssou N'Dour, Salif Keita und viele andere Künstler aus Afrika und der Karibik. Seit Mai 1995 ist Charlie Gillett in einer Zwei-Stunden-Show wieder auf BBC London zu hören. Hannah Tame hat sich für den Folker! mit dem "World Music Guru" unterhalten.

Außer in London sind Sie gar nicht so bekannt in Großbritannien. Wieso hört man Sie nicht überregional im Radio?

Ich würde liebend gerne eine überregionale Sendung haben, aber es ist einfach nicht so gekommen. Ich weiß nicht warum.

Hat es vielleicht etwas damit zu tun, dass Sie gerne die Kontrolle darüber haben, was Sie spielen ...

Ja, das ist schon richtig. Mich tröstet die Tatsache, dass ich bei BBC London wirklich machen kann, was ich will. Vielleicht wenn ich mich einem Produzenten unterwerfen würde, der mir etwas vorlegt ... Andererseits wäre es nicht logisch, mich als Moderator einer solchen Sendung einzusetzen, denn ich moderiere aus dem Bauch heraus. Ich kann nicht gut Texte vorlesen, und ich wäre nicht sehr überzeugend, wenn ich Platten vorstellen müsste, die ich persönlich nicht sehr mag. Das würde man an meiner Stimme hören.

Charlie GillettSie bezeichnen sich als Maverick DJ.

Ja? Naja, in dem Sinne, dass die Mavericks diejenigen sind, die nur das spielen, was sie möchten, unabhängig davon, ob die Plattenfirmen an die Tür klopfen und ihnen sagen, was sie spielen sollen.

Was hat es mit Radio Ping Pong auf sich, wo Sie Gäste in Ihre Show einladen? Ich verstehe die Regeln nicht so ganz.

Es gibt ganz wenige. Das Grundprinzip ist: Sie kommen als mein Gast und sagen mir nicht, was Sie spielen werden. Sie bringen einfach ein Dutzend Platten mit. Sie sind zuerst dran und können spielen, was Sie wollen. Ich habe meine Plattenkiste da und ich spiele anschließend etwas, wo ich denke, es könnte gut dazu passen. Ich weiß, dass Sie kommen, also habe ich meine Sachen schon ein bisschen darauf zugeschnitten, auf Sie und das, was Sie eventuell spielen könnten. Ich möchte, dass es zu dem passt, was Sie machen und eine zusammenhängende Sendung entsteht. Wenn jemand kommt, der Jazzmusiker ist, werde ich mich darauf beziehen. Wenn ich einen Gast aus Neuseeland habe, wie ich es vor kurzem mit zwei Mitgliedern der Maori-Gruppe Wai hatte, da waren fast alle Titel von dort. Darüber hinaus gibt es keine Regeln.

Auszug aus der Playlist von Charlie Gilletts Sendung am 21. September 2003:
Radio Ping Pong mit dem italienischen Musiker Eugenio Bennato (*)
*Sacco Andrea Italien Per Amare Questa Donna
Renato Carosone Italien Torero
*Pietra Montecorvino Italien Guaglione
Eugenio Bennato & Taranta Power Italien Che Il Mediterraneo Sia
*Pietra Montecorvino Italien O Sole Mio
The Capris USA There's A Moon Out Tonight
*Miriam Makeba Südafrika The Lion Cries (MbUbe)
Santo & Johnny USA Sleep Walk
Ricardo Tesi Italien Justin
*Marcello Vitale Italien Pizzica per Chitarra Solo
Astor Piazzolla Argentinien Libertango
*Pietra Montecorvino Italien Va Sta Musica
Dona Rosa Portugal Resineiro

Bedeutet das vielleicht einfach, viele schöne Platten spielen zu können ...

Ja, und ich entdecke Musik, die ich sonst nicht kennen lernen würde. Ich brauche Hilfe in dieser Hinsicht. Ich bekomme Platten, bei denen mich zunächst nichts anregt, sie zu spielen. Aber dann kommen Sie und stellen diese Platte vor ... und ich denke: aha! Ich gehe nach Hause, höre mir die Platte noch einmal an und denke: ja! Das ist wirklich gut. Viele meiner größten Hits, die ich immer wieder spiele, habe ich bei Radio Ping Pong entdeckt.

Radio Ping Pong - das muss erläutert werden ... Sie nennen so einen Teil Ihrer Sendung, wo Sie mit einem Gast abwechselnd Musiktitel auswählen. Was muss jemand tun, um bei Radio Ping Pong "mitzuspielen"?

Das ist eine gute Frage, denn es gibt kein System. Ab und zu machen wir mit einem Gast Werbung für eine Veranstaltung. Hauptsächlich sind es aber Leute, deren Musik mir gefällt, oder Journalisten, deren Themen ich mag. Ich habe festgestellt, dass es in Großbritannien gar nicht so viele gibt, die ich einladen kann. Als ich angefangen habe, dachte ich, dass ich viele Journalisten einladen könnte, mit der Absicht, ihnen Musik vorzuspielen, die ihr Leben verändern würde. Aber das passiert nie. Diese Leute, die auf Rockmusik stehen, wissen Sie, können sich nicht für andere Sachen begeistern. Sie hören sich das an, und sagen, ja, ganz nett, aber sie sind überhaupt nicht neugierig, das noch mal zu hören oder es weiter zu verfolgen.

Ich habe kürzlich die CD-Compilation "World 2003" zusammengestellt. Es ist die bis jetzt rockigste in der Serie. Da gibt es zehn oder elf Gruppen, die man als Rockbands bezeichnen könnte, aber sie alle haben die gängige Formel gesprengt. Keiner von ihnen spielt diese Standardmischung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Sie bringen Akkordeon und Hörner ein oder spielen interessante Rhythmen. Was hält die Leuten also ab, neugierig zu sein?

Besteht der Reiz der Musik aus anderen Ländern für Sie auch darin, dass sie in fremden Sprachen gesungen wird?

Das kann insofern sein, als dass ich irgendwann in den achtziger Jahren das Gefühl bekam, dass wirklich jeder Reim und jeder Gedanke, den man haben kann, irgendwann mal in einem Song vorgekommen ist. Wissen Sie, ich war schon 40, und ich hatte das Gefühl, dass es immer schwieriger wurde, ein Lied zu finden, das mich aufhorchen lies. Für den Sänger sind die Worte ein Mittel, Emotionen auszudrücken, ob auf Englisch oder in einer anderen Sprache. Nur darum geht es. Als ich das erste Mal Little Richard in den Fünfzigern hörte, habe ich vielleicht jedes zehnte Wort verstanden, weil er so brüllte. Nach einer Weile ist man ganz überrascht, dass er tatsächlich Englisch singt, es ist nur die Art, wie er singt: Saturdaynightjust gotpaidfoolaboutmoneydon'ttrytosave - man weiß nicht, wo ein Wort aufhört und das nächste anfängt.


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