backOud-Phantasien

Anouar Brahem, Dhafer Youssef, Ara Dinkjian und Rabih Abou-Khalil

Neue Wege auf der arabischen Laute

Anouar Brahem:
www.fild.de/ufart/AnBrD.html

Dhafer Youssef:
www.enjarecords.com/
dhafer-youssef.htm

Ara Dinkjian:
go! www.soundstage.com/music/
reviews/rev269.htm

Rabih Abou-Khalil:
www.enjarecords.com/RAK.htm

Die Oud

Discographie

Neue Oud-Basisversorgung

Anouar Brahem:
Astrakan cafe (ECM, 2000)
Le pas du chat noir (ECM, 2002)

Dhaffer Youssef:
Malak (Enja, 1999)
Digital prophecy (Enja, 2003)

Night Ark:
Treasures (Compilation,
  Traditional Crossroads, 2000)
In Wonderland (EmArcy, 1996)

Rabih Abou-Khalil:
Arabian Waltz (mit Balanescu
  String Quartet, Enja, 1996)
The Cactus of Knowledge
  ("Big"-Band, Enja, 2001)

Extratipp:
Munir Bashir & Omar Bashir (Irak):
  Duo de 'ud (Auvidis, 1998)

Rabih Abou-Khalil unterwegs:
25.02.04 Hamburg, Fabrik
26.02.04 Berlin, Haus der Kulturen der Welt
27.02.04 Darmstadt, Centralstation
28.02.04 A-Innsbruck, Treibhaus
29.02.04 A-Wien, Porgy & Bess
03.03.04 Ansbach, Kammerspiele
04.03.04 Lörrach, Burghof
05.03.04 Offenburg, Reithalle
06.03.04 Heidelberg, Karlstor Bahnhof

Dhafer Youssef unterwegs:
28.01.04 München, Unterfahrt
29.01.04 Friedrichshafen, Bhf Fischbach
31.01.04 A-Innsbruck, Treibhaus
01.02.04 A-Wien, Porgy & Bess

Der tiefgreifende Einfluss der arabischen Laute ist fast in Vergessenheit geraten - wahrscheinlich, weil diese Ereignisse schon so weit zurückliegen. Vom 12. bis 14. Jahrhundert brachten die raubenden Banden der so genannten "Kreuzritter" aus dem Nahen Osten die arabische Laute mit, die sich auch über das maurische Spanien in weiten Teilen Europas verbreitete. Dieser andalusische Einfluss war musikalisch - ganz ohne moderne Kommunikationsmedien - ähnlich prägend wie heute der anglo-amerikanische Pop. Aus "Al Ud " (1) wurde "Lute" bzw. die "Laute". Im Mittelalter war es das Instrument der Barden und Minnesänger. Viele Musikwissenschaftler sehen in ihr eine Vorläuferin der Gitarre.

Nun bringen innovative orientalische Musiker wie Anouar Brahem, Ara Dinkjian, Dhafer Youssef und Rabih Abou-Khalil die Oud zurück in den Westen und in die Jazz-, Weltmusik- und Popcharts.

Von Birger Gesthuisen

Die arabische Laute entwickelte sich im Westen von einem Exoten zu einem fast selbstverständlichen Instrument mit besonderer Faszination. Vor 30 Jahren hätte man die Schublade "Ethnojazz" bedient; heute geht es darum, die Eigenarten dieser Musiken wahrzunehmen, die in der Regel auf Jazzlabels erscheinen. "Jazz" dient als Sammelbegriff für musikalische Innovation und hat mit ethnischen Musiken eine große, gemeinsame Gemengelage.

Als Anouar Brahem 1982 für vier Jahre nach Paris ging, wollte dort niemand seine neuen Kompositionen für die arabische Laute hören, ebenso wenig wie Anouar Brahemin seiner tunesischen Heimat. In seiner Kindheit dominierten die fünf- bis sechsköpfigen Ensembles, in deren Mittelpunkt die Oud stand. "Meine Beziehung zu diesem Instrument kommt vom Radio, denn ich hatte kein Geld, Konzerte zu besuchen." Zunächst erlernte er das Oudspiel in einer verschulten Form auf dem Konservatorium. Ein inneres Verständnis erlangte er dann über einen Privatlehrer, den er fast täglich aufsuchte.

In der Zwischenzeit wuchsen diese kleinen orientalischen Ensembles zum Koloss der Rundfunkorchester. Die Oud verlor dabei an Kontur. "Auf der Oud solistisch zu spielen, galt damals in Tunis als völlig bizarr. Außerdem wurde arabische Musik in der Regel gesungen. Eigentlich war das allmähliche Verschwinden der Oud zu erwarten, doch dann setzte eine Gegenbewegung ein: Einige Oudis taten sich solistisch hervor und legten neue Kompositionen für ihr Instrument vor. Mittlerweile gibt es wieder viele Oudspieler und Instrumentenbauer. Wir erleben eine Renaissance." Anouar Brahem gastiert heute selbst im fernen Istanbul vor 2.000 Zuschauern ...

Poet der Oud

Tunesien liegt in einem inspirierenden Schnittpunkt eher westlich-andalusischer Traditionen und der orientalischen Schule aus Ägypten sowie Einflüssen aus der Türkei und dem Irak, die Anouar Brahems Lehrer prägten. Der Oudspieler lernte gründlich, um sich dann etwa von starren Formen der orientalischen Tonfolgen zu befreien. Er blieb allerdings bei einer "horizontalen Ästhetik" (2) orientalischer Musiken im Unterschied zur westlichen, vertikalen Mehrstimmigkeit: "Ich bleibe meist modal, eher melodieorientiert als polyphonisch. Andererseits verwende ich keine Makams (3) im traditionellen Sinne".

Angetrieben wird er von seiner ständigen Suche nach Anregungen, von einer kreativen Unruhe, die einen Ausnahmekünstler auszeichnet, mit dem auch Jan Garbarek und John Surman zusammenspielten. Sie alle suchen das intensive Knistern beim Betreten von musikalischem Neuland. Und der "Poet der Oud" braucht diese Herausforderung: "Es ist mir unmöglich, Musik zu machen, wenn ich nichts riskiere. Wenn du dich nicht in Gefahr begibst, machst du nur alltägliche Dinge". So entstanden sehr unterschiedliche Alben, die auf ihre Weise jeweils erfolgreich waren: "Astrakan Cafe" mit dem türkischen Zigeunerklarinettisten Barbaros Erköse verkaufte sich in Deutschland sehr gut und kam auf Platz 2 der "European Worldmusic Charts". Das folgende "Le pas du chat noir" mit der ungewöhnlichen Begleitung von Klavier und Akkordeon wurde in den USA ein Erfolg. Wer nun das erste Album in die Weltmusikkiste legt und das zweite in die Jazzschublade, der mag überrascht sein, wenn Anouar Brahem feststellt: "In ‚Le pas du chat noir' spielte ich sicher traditioneller und orientalischer als mit Barbaros Erköse. Vielleicht wollte ich eine kontrastierende Farbe einbringen, denn jeder neue Mitmusiker verschafft mir eine andere Dhafer YoussefInspiration."

Kofferradio als Kulturträger

Anouar Brahem ist der einzige, im Westen erfolgreiche Oudi, der noch in seiner Heimat lebt. Sein Landsmann Dhafer Youssef (s. Folker! 4/2001) floh schon in den 80er Jahren vor der Trostlosigkeit seiner tunesischen Heimatstadt nach Österreich und lebt heute in New York, Paris und aus dem Koffer, denn er ist ein international gefragter Live-Act.

Trotz dieser Abkehr liegen seine musikalischen Wurzeln in Tunesien. Sein Großvater war Vorsänger in einer Moschee und lehrte ihn schon als Kind die Suren des Korans (4).

Bis heute ist Religiösität für ihn ein Kraftzentrum: "Glaube ist, dass man fliegt, dass man eine tiefe Freude in sich spürt und eine Erleichterung, dass man ein Licht in sich spürt, zu Licht wird." Wer die Leichtigkeit seiner Gesangsakrobatik miterlebt und seine aufwärtsstrebende Hand, die an die Sufis der tanzenden Derwische erinnert, die sich als Mittler zwischen Himmel/Gott und Erde/Menschen sehen, der kann diese Inspiration durch den Sufismus erahnen.

Wie bei Anouar Brahem wurde auch für ihn das Kofferradio zum Kulturträger. Doch Youssef zog daraus für seine Musik andere Schlüsse: "Ich habe immer in einem alten Radio diesen ‚Weit-Sendern' gelauscht, die ganz andere Klänge hatten: Klassische Musik, Pop-Musik - alles, was in meiner Heimat nicht zu hören war. Das hat mich natürlich angeregt."

Warum diese Oudspieler sich ausgerechnet für dieses Instrument entschieden, ist eine eher akademische Frage, denn alle vier Musiker wuchsen in diesen Kosmos hinein. Es war in ihrer Kindheit das dominierende Instrument, das man einfach lernte, wenn man überhaupt ein Instrument spielen wollte. Dhafer Youssef erhielt seine erste Laute mit 15 Jahren: "Es hätte auch ein Klavier sein können, aber ich wuchs an einem Ort auf, wo es nichts gab außer dem Kampf ums tägliche Brot. Es gab in meiner Stadt überhaupt keine Möglichkeit, ein anderes Instrument zu kaufen."

RABIH ABOU-KHALIL
Morton's Foot

(Enja enj-0462 2)
11 Tracks, 68:17, mit Infos

Der neue Silberling geht diesmal mit einem Sextett (sowie dem als Musiker aufgeführten Tontechniker Walter Quintus) auf einen futuristischen Mittelmeerausflug. Selbstverständlich bedient sich Rabih Abou-Khalil dabei der lokalen Ingredienzen aus diversen Musikkulturen.

Der Bassgesang von Gavino Murgia weist manchmal über dessen korsische Heimat hinaus bis nach Tuva, die brillante Klarinette von Gabriele Mirabassi scheint den türkischen Zigeunerklarinettisten Mustafa Kandirali zu zitieren, um dann einfach loszuswingen. Die keineswegs dominierende Oud schaut auch in Andalusien vorbei, der warme Akkordeon-Sound von Luciano Biondini verströmt mal einen Hauch von "Commedia dell'Arte" und ist dann das rhythmische Zentrum, zusammen mit dem Schlagzeuger und Percussionisten Jarrod Bagwin und dem Bass, der von Michel Godards Tuba kommt, und der natürlich nicht auf den Rhythmus fixiert bleibt. Jeder dieser Musiker ist multidimensional. All das ist kein Patchwork aus diversen musikalischen Bruchstücken, sondern ein neuer Zusammenklang aus anregend unterschiedlichen Zutaten. Trotz überraschenden melodischen und rhythmischen Wendungen klingen die Kompositionen wie aus einem Guss und dies wiederum belegt, dass dieses Repertoire vorab auf langen Tourneen erschlossen wurde.

Bei aller Kunstfertigkeit von Kompositionen und Ensemble erinnert Rabih Abou-Khalil auch mit dieser CD wieder daran, dass der Spaß an der Musik deren eigentliche Triebfeder ist.

Mit dieser CD wird auch wieder einmal ein Kleinkunstwerk (incl. einer Kaligraphie von Mortons Fuß) mitgeliefert, das landläufig als "Box" oder "Verpackung" bezeichnet wird.

bg

 

RABIH ABOU-KHALIL - Morton's Foot


(1) "Das Holz" heißt dieses Saiteninstrument im Arabischen, seit im 6. Jhd. v.u.Z. eine Holzdecke das Fell ersetzte. Korrekt musste "Al Oud" mit "der Oud" übersetzt werden und genau das tut kaum jemand. "Das" oder "die" Oud setzt sich im Deutschen durch.
(2) "Horizontale Ästhetik" bezieht sich auf den eher flächigen Verlauf einer Melodie, die Konzentration auf Ton-Folgen, Melodieverläufe und rhythmische Variationen im Unterschied zu einer eher "vertikalen Häufung" durch Mehrstimmigkeit.
(3) Makams sind die Intervallskalen bzw. "Tonarten" der orientalischen Musik.
(4) In der Islamischen Welt ist es strittig, die Rezitation der Suren als "Musik" zu bezeichnen. Manche Moslems interpretieren den Koran als musikfeindlich, andere sehen nichts davon im Koran.


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Mehr über die Oud
im Folker! 1/2004