backEin italienischer Festivalsommer - Folkest

25 Jahre Folklore im Friaul

Spilimbergo ist mit seinen rund 11.000 Einwohnern keine Stadt, die sich in den Köpfen deutscher Folkbegeisterter eingenistet hat. Dabei beherbergt dieser Ort im Nordosten Italiens seit 1993 die Zentrale eines Festivals, das mittlerweile auf eine 25-jährige Geschichte zurückblicken kann. Urkundlich erstmalig erwähnt ist Spilimbergo im 12. Jahrhundert unter dem deutschen Namen "Burg Spengenberg" (ca. 46º Nord, 12,5º Ost); im Laufe der wechselvollen Geschichte dieses Teils Friauls, der u.a. während des 19. Jahrhunderts einige Jahrzehnte unter Habsburger Herrschaft stand, entstand südlich davon ein Stadtkern, der auch heute noch die altertümlichen Baustrukturen erkennen lässt. Wenngleich die Hauptstraße Spilimbergos politisch korrekt "Corsa Roma" genannt wird, als "echte" Italiener versteht man sich hier nicht, ganz im Gegenteil: Sobald man unter sich ist, wird schnell die italienische Sprache beiseite gelegt und man unterhält sich vorzugsweise auf friulisch.

Kontakt:
go! www.folkest.com
E-Mail ilena@folkest.com

Von Matti Goldschmidt

Im Jahre 1976 wurde der Friaul von einem desaströsen Erdbeben heimgesucht. Einige junge Musiker hatten daraufhin die Idee, über die Organisation eines langen Musikwochenendes mit Betonung auf sog. ethnischer Musik nicht nur eigenen Bedürfnissen, sondern auch der touristischen Wiederbelebung der Region entgegenzukommen. 1979, damals hieß das Festival noch Fieste di Chenti, umfasste es sieben Gruppen verteilt auf drei Tage. Bald darauf dauerte es schon sechs Tage, schließlich zwei Wochen und danach mehr. Heute verteilt sich die Konzertreihe auf über 40 Ortschaften, die "grenzübergreifend" nicht nur im Friaul, sondern auch in der Provinz Veneto (Venedig) oder gar in Slowenien stattfinden. Durch diese Dezentralisierung soll die touristische Überbelastung einer einzigen Ortschaft vermieden werden. Zum anderen sind die Wege nicht allzu weit: von Udine oder Triest sind es rund 30 Minuten Autofahrt zu den meisten Veranstaltungsorten. Im September eines jeden Jahres erhalten die einzelnen Kommunen (Gemeinden) der Region eine Liste der Gruppen, die für den darauffolgenden Juli eingeplant sind und können sich daraus eine andere mehrere "acts" aussuchen. Andere Kommunen wiederum wenden sich bereits im Vorfeld an den Veranstalter, um ihre besonderen Wünsche möglichst bald berücksichtigt zu sehen.

Woher kommt der Name?

Der Name "Folkest", den sich die Initiatoren ab 1984 gegeben hatten, scheint übrigens im Laufe der Zeit mehrere Bedeutungen erhalten zu haben, ganz eindeutig lässt sich heute ein einziger Gedankengang hierfür nicht mehr nachweisen. Definitiv nicht in den Kreis der Möglichkeiten fällt der englische grammatikalische Superlativ (folk, folker, folkest), wie der Berichterstatter fälschlicherweise vermutete. Zur Auswahl stehen jedoch "folk est" für "Folk Ost" - immerhin, so die Organisatoren, war Folkest das erste bedeutende Festival, das noch weit vor dem Fall des sog. "eisernen Vorhangs" bevorzugt Gruppen aus dem östlichen Mitteleuropa einlud. "Folk Sommer" wiederum entspräche dem abgekürzten italienischen "folk est(ata)", wiewohl "Folk ist" dem lateinischen "folk est". Eigentlich ist dieses Festival (3.-27. Juli 2003) eine Anreihung von Konzerten in der gesamten Region, das schließlich in ein viertägiges Abschlussfest in Spilimbergo kulminiert. Dann wird die Stadt mit vier Bühnen in ein Touristenlager verwandelt, je nach Wetterlage ist täglich mit 2.000-5.000 Besuchern zu rechnen.

Andrea Del Favero
wurde am 31. Januar 1956 in San Daniele im Friaul geboren. Nachdem er das humanistische Gymnasium absolvierte, wandte er sich an den Universitäten in Triest und Padua dem Studium der Geschichte sowie der Ethnomusikwissenschaften zu. Andrea legte alsbald eine mögliche akademische Karriere beiseite, um sich intensiv dem Musizieren (Akkordeon und Bass, heute mit der Gruppe La Sedon Salvadie) zu widmen. 1977 begannen erste Anstrengungen in Richtung eines Folkfestivals. Seit 1979 ist Andrea Del Favero Direktor von Folkest und hofft auf ein weiteres erfolgreiches Vierteljahrhundert.

Nur eine geringe Anzahl der Konzerte kosten übrigens Eintritt. The Arabic Orchestra of NazarethIn diese Kategorie fallen bestenfalls Veranstaltungen mit sog. Zugpferden wie Jethro Tull, Fairport Convention oder Procol Harum, die meist in Udine oder in der Grenzstadt Gorizia stattfinden.

Wahrend meines viertägigen Aufenthaltes konnte ich am ersten Abend Van Morrison auf der Burg im Zentrum Udines besuchen. Für einen bestuhlten Platz waren EUR 35,- zu berappen. Unter den rund 2.500 Konzertbesuchern befanden sich etliche Österreicher und Slowenen. Wie mir Gundi, 44, und Andrea, 37, aus Villach (Kärnten) versicherten, lohnt sich die ca. einstündige Autofahrt in jedem Fall. Selbstverständlich ginge es am gleichen Abend wieder nachhause. Auf diese relativ kurzen Wege bauen letztlich auch die Organisatoren. Nach deren Aussagen sind selbst während des Abschlussfestes ein größeres Caravan- bzw. Zeltaufkommen oder eine entsprechende Hotelzimmerbelegung nicht zu verzeichnen. Das kostenfreie Konzert der Albion Band im südlich von Udine gelegenen Mortegliano am meinem zweiten Abend fiel buchstäblich ins Wasser, genau zehn Minuten vor geplantem Konzertbeginn begann ein 45-minütiger Platzregen, der sämtliche open-air-Absichten zunichte machte. Kellie While (Gitarre, Vokal) und Joe Broughton (Violine) ließen allerdings die rund 70 Anwesenden nicht einfach nachhause gehen, in einem nahegelegen Saal verlegte man sich auf akustische Musik, hie und da mit gesanglicher Unterstützung des Bandleaders Ashley Hutchings. Ein relativer weiter Weg mit über einer Stunde Autofahrt und 70 km war am dritten Tag nach Cáorle zu machen, ein mit viel deutschen Sonnentouristen beglückter Badeort an der Adria. Dort spielte das achtköpfige Arabic Orchestra of Nazareth, das eigens aus Israel eingeflogen wurde. Während unter den eher zufällig vorbeikommenden Zuschauern eine große Fluktuation zu beobachten war, genossen rund 250-300 Zuschauer, die sich einen Sitzplatz ergattern konnten, die orientalischen Töne. Für die dänische Folkrockband Serras entschied ich mich an meinem vierten und letzten Abend, an dem man unter gleich fünf Konzerten in fünf verschiedenen Kommunen die Qual der Wahl hatte. Die Villa Giacomelli in Pradamona, einem südlich gelegenen Vorort Udines, bot dabei ein optisch eindrucksvolles Umfeld für ein Sommernachtkonzert. Am Eintrittspreis von EUR 3,- kann es nicht gelegen haben, dass nicht einmal 100 Zuschauer anwesend waren, am Abend zuvor spielte die gleiche Gruppe nämlich in einer anderen Kommune vor rund 1.000 Zuschauern, wenngleich auch mit Gratiseintritt.

Fester Organisationsstab

Das Festival steht unter Leitung einer eigens dafür gegründeten Firma, der Associazione Culturale Folkgiornale mit Sitz in San Daniele. Fünf Personen sind über das Jahr vollbeschäftigt. Als Jahresbudget stehen rund EUR 820.000 zur Verfügung. Davon können ca. EUR 300.000 aus den kostenpflichtigen Konzerten sowie aus der begleitenden Gastronomie (Getränkeausschank usw.) oder aus dem Verkauf von T-Shirts o.ä. erwirtschaftet werden. Die verschiedenen Gemeinden, in denen die einzelnen Veranstaltungen stattfinden, tragen EUR 100.000,-. Weitere EUR 70.000,- werden von privaten Sponsoren getragen, während der Rest, rund EUR 350.000,-, aus einem Kulturfond der autonomen Region Friuli-Venezia Giulia beigesteuert wird. Neben großen Namen wie Bob Dylan, Joan Baez, James Taylor, Angelo Branduardi oder auch Joe Cocker wird besonders auf die lokale Folklore Wert gelegt: Dieses Jahr gab es gleich neun Konzerte mit friaulischen Gruppen, vertreten etwa durch Caratan oder Braul. Schwierigkeiten mag dem ausländischen Besucher die Vielzahl der Veranstaltungsorte bereiten. Findet man schließlich die Ortschaft, ist mitunter innerhalb derselben mit einer erheblichen Sucherei des genauen Veranstaltungsortes zu rechnen. Da das sonst ausführliche Programmheft (wenngleich auch "nur" in italienischer Sprache) keinerlei The Albion Band akustischLandkarten oder Wegweiser aufweist, wäre hier von den Organisatoren freundlicherweise, aber insbesondere für den ausländischen Besucher Abhilfe zu schaffen. Einige Jahre beinhaltete das Festival auch Tanzseminare (meist mit Live-Bands), diese fanden jedoch nicht den erwarteten Zuspruch. Zum einen war es im Juli oft zu heiß zum Tanzen, zum anderen hätten die Seminarteilnehmer das Erlernte gerne an den Konzertabenden praktisch umgesetzt, was eben aus verschiedenen Gründen nicht immer möglich war. Nun ist geplant, zukünftig eine ganze Tanzwoche zu einer kühleren Jahreszeit unabhängig von Folkest Sommerfest aufzubauen.

Problemlose Anfahrt

Für den Besucher aus Deutschland ist die Anfahrt mit dem Auto über Salzburg und Villach am Günstigsten, wenngleich Maut- und Autobahngebühren in Österreich und Italien für uns noch weitgehend als recht schmerzhaft empfunden werden. So jedoch ist man vor allem im Vorfeld des Abschlussfestes in Spilimbergo selbst mobil. Das nahegelegene Meer mit schönen Sandstränden (Grado) lädt zum Baden ein, die noch näheren friaulischen Dolomiten zum Bergwandern, in beiden Richtungen kaum mehr als 30-40 km Autofahrt. Selbst das stadteigene Schwimmbad bietet Abkühlungsmöglichkeiten an heißen Sommertagen. Das Zentrum Spilimbergos selbst ist allerdings in 2-3 Sunden restlos erkundet. Die Lebensmittelpreise entsprechen in etwa dem deutschen Niveau, während Restaurants jedoch um einiges teurer sind. Mit dem Zug fährt man von München in fünfeinhalb bis sieben Stunden bis nach Udine, von dort aus geht es weiter mit Bus. Zum Vormerken: Das kommende Folkest findet vom 1.-25. Juli 2004 statt. Über das viertägige Folkest-Abschlussfest werden wir im kommenden Jahr berichten.


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Der Festival-Sommer
im Folker! 5/2003