backWeltmusik auf der Suche nach kulturpolitischer Anerkennung

Babylonische Klänge

Globale Musikkulturen in NRW

„Nordrhein-Westfalen ist ein Musikland. Neben den klassischen Angeboten der Musiktheater und Konzerthäuser existiert hier eine lebendige Vielfalt von Musikszenen, Veranstaltern und Musikproduzenten aus den Bereichen Rock & Pop, Jazz, Rap und HipHop. In den Vordergrund des Konsumenteninteresses ist dabei seit Jahren eine Musikrichtung gerückt, die landläufig als Weltmusik bezeichnet wird, weil sie besonders auf die interkulturelle und internationale Dimension von Musiktraditionen und Musikkulturen verweist. Obwohl in den Medien mittlerweile präsent, mangelt es dieser Musikform weiterhin an kulturpolitischer Anerkennung als eigenständige Kunstform. Dabei gehen die spannendsten musikalischen Impulse heute weltweit von der Begegnung universell kommunizierbarer Klassik-, Pop- und Jazz-Spielarten mit lokalen musikalischen Traditionen aus. Fast zwei Millionen Menschen nicht-deutscher Herkunft schaffen in NRW ein produktives Umfeld für die Spurensuche nach neuen musikalischen Trends und Inhalten. Seit vielen Jahren gibt es anerkannte Weltmusik-Festivals, die sich einen festen Platz in NRW und darüber hinaus erobert haben. Neu ist hier ein Veranstalternetzwerk aus mittlerweile 10 Städten, die mit regelmäßigen Veranstaltungen die globalen Musikkulturen in NRW einer größeren Öffentlichkeit nahe bringen wollen. Das Kultursekretariat Gütersloh fördert erstmalig diese auf Nachhaltigkeit ausgelegte Initiative seiner Mitgliedsstädte. Ein erster Schritt zu einer kontinuierlichen Förderung durch die öffentliche Hand!“ Mit diesen Worten wurden im Juni Experten aus den Bereichen Musik und Kultur zu einer Podiumsdiskussion nach Düsseldorf Diskussionsrundeeingeladen. Yalla Weltmusik Netzwerk, Globalklang e.V., museum kunst palast, Kulturamt Hagen, Kulturbüro Stadt Dortmund, Kulturpolitische Gesellschaft e.V., Ringlokschuppen Mühlheim und Kultursekretariat NRW wollten als Veranstalter Grundlagen und Perspektiven internationaler und interkultureller Musiktraditionen erörtern.

Von Semiran Kaya

Welches weltmusikalische Potential besteht in NRW, wie können öffentliche Kultureinrichtungen Zugänge für die Weltmusik schaffen, welche Rolle spielen Migranten als Produzenten und Konsumenten im öffentlichen Kulturbetrieb, wie können musikalische Impulse aus der Migrantenszene aufgegriffen werden und welche neuen Perspektiven können für die Weltmusik in NRW entwickelt werden? Allein die Fragen machten schon eins deutlich: „Weltmusik“ ist ein Begriff, worunter jeder etwas anderes versteht. Eine Situation, die eine kulturpolitische Anerkennung dieser Musikrichtung nicht gerade fördert. Doch die ehrlichen Worte des Kulturdezernenten der Stadt Dortmund, Jörg Stüdemann – „Endlich gestehen wir uns ein, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und dass Migranten mit ihrer Kultur und Musik auch dazugehören“ – legen den Stand der Entwicklung und die Abhängigkeit der Kulturarbeit von der Politik offen. Sowohl Stüdemann als auch Jean-Hubert Martin, Generaldirektor der Stiftung museum kunst palast Düsseldorf, wissen, dass noch viel politische Aufklärungsarbeit geleistet werden muss und dass „Weltmusik“ in Deutschland insgesamt eine marginale Angelegenheit ist, die so noch eher als andere kulturulle Bereiche ein Opfer der finanziellen Verteilungskämpfe der Kommunalpolitik ist. Eine Kulturpolitik also, bei der Migranten mit ihrer Musik nicht vertreten sind. Damit sich genau dies ändert, hat das Düsseldorfer Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport die Abteilung „Interkulturelle Kulturarbeit“ eingerichtet. Schließlich, so die Referatsleiterin Ulla Harting, habe man auch in NRW erkannt, dass die verschiedenen ethnischen Musiker ein Teil des deutschen Kulturlebens sind, die nicht länger von der Kulturpolitik ausgeschlossen werden dürfen.

Weltmusik: kulturelle Projekte versus soziale Projekte

Dass Kultur und Musik von Migranten in Deutschland keine Rolle spielen, hängt mit politischen Faktoren zusammen. So sind nicht die jeweiligen Kulturämter oder Kultureinrichtungen für sie zuständig, sondern die Ausländerbeauftragten. Und weil mit „Ausländern“ vorrangig Probleme verbunden werden, wird primär Sozialpolitik betrieben. Daher betone Ulla Hartin denn auch ausdrücklich, dass soziale Projekte in ihrem Referat keinen Platz hätten. Vielmehr wolle man kulturelle Projekte unterstützen, damit dieses Kulturklientel entsprechend vertreten wird. Beim geschickten Nachfragen des Musikjournalisten Francis Gay, der die Diskussion mit viel Witz und Humor moderierte, stellte sich dann aber heraus, dass Harting unter kultureller Integration eher eine kulturelle Anpassung der „Weltmusik“ an die deutsche Musiklandschaft verstand. Falsch angelegte Kulturpolitik, die bei der von einem versierten Publikum besuchten Veranstaltung entsprechend für Zündstoff sorgte.


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